Vergangene Woche endete bei der Psychiatrie Baselland (PBL) eine Ära. Mit Hans-Peter Ulmann verabschiedete sich nicht einfach der CEO in den Ruhestand, es ging auch der Verwalter der kantonalen psychiatrischen Dienste. Denn so hiess die Stelle, als sie Ulmann 1996 angetreten hatte. Im Interview mit der bz blickt er zurück auf seine Anfänge und erzählt eindringlich, wie er die Welt der Wachsäle und Gitterstäbe durchbrechen konnte.
23 Jahre lang leiteten Sie dieselbe

Institution. Sind Sie ein Sesselkleber?

Hans-Peter Ulmann: Nein das glaube ich nicht. Die Psychiatrie Baselland hat sich in diesen Jahren schliesslich markant verändert. Das zeigen die Zahlen zum Vergleich von 1995 und 2018 (siehe Tabelle). Mir wurde nie langweilig. Und als dann 2012 die Verselbstständigung der PBL kam, wurde ich CEO und einem Verwaltungsrat unterstellt. Auch erlebte ich die Einführung des neuen Krankenversicherungsgesetzes (KVG) 1996 und 2012 die neue Spitalfinanzierung mit dem Abrechnungstarif Tarmed, der vieles veränderte. Es gab immer wieder neue Herausforderungen für mich. Aber: Ich hatte 23 Jahre lang, mit kurzem Unterbruch, die gleiche Assistentin. (lacht)

Was war es denn für eine Institution, die Sie Mitte der 90er-Jahre hier angetroffen haben?

Als ich anfing, gab es noch Wachsäle in den beiden Akutabteilungen. Also Räume mit einem langen Pult, hinter dem das Personal sass, und davor in Reih und Glied Bett an Bett. In der Cafeteria begegnete ich einmal einem Mann, den ich nur wegen seiner Pantoffeln als Patienten erkannte. Er war, wie ich früher, Leiter eines Alters- und Pflegeheims und völlig ausgebrannt. Dieser Mann sagte mir, dass er nun bei uns sozial zuunterst angekommen sei. Tiefer könne er nicht mehr fallen. Er sei komplett am Boden.

Damit meinte er nicht nur seinen gesundheitlichen Zustand, sondern das Gefühl, das ihm unsere Institution vermittelte. Nicht die Ärzte und Pfleger waren das Problem, sie behandelten die Patienten gut. Nein, es war die kustodiale Psychiatrie von damals, also die bewahrende, überwachende. Daher gab es ja die Wachsäle.

War da für Sie sofort klar, dass Sie etwas verändern wollen, und hatten Sie auch den dazu nötigen Einfluss?

Als ich die Stelle als Verwalter der Psychiatrischen Dienste antrat, dachte ich, viel mehr Einfluss zu haben. Ich kam ja vom Alters- und Pflegeheim Birsfelden, und dort konnte ich ähnliche Strukturen bereits durchbrechen. Mir ging es darum, den Respekt gegenüber den Bewohnern zu fördern. An meiner neuen Stelle aber warf die veraltete Infrastruktur einen Schatten auf alles. Wortwörtlich.

Wie meinen Sie das?

Beispielsweise im Haus A gab es Schlafsäle mit zwölf Betten. Diese waren dicht aneinandergestellt, in der Mitte hatte es dunkelbraune Holzwände und Schränke. Also Bett, Schrank, Bett, Schrank. Auf den Schränken lagerten die alten Koffer der Patienten teils seit Jahrzehnten. So lange haben also einige der Patienten ihr Leben im Schlafsaal verbracht. Als ich das erste Mal einen solchen Saal betrat, schien die Sonne durch die vergitterten Fenster. Der Schatten der Gitterstäbe legte sich auf die Betten. Das war furchtbar, und ich fragte mich schon, wo ich denn hier eigentlich gelandet war.

Was war der Durchbruch, um die Infrastruktur zu modernisieren?

Ich bemühte mich zusammen mit anderen darum, finanzielle Mittel zu beschaffen. Schliesslich kostete es 33 Millionen Franken, ein Gebäude umzubauen und ein zweites neu zu bauen. Doch glücklicherweise gab es in den 90er-Jahren Leute wie die Regierungsräte Edi Belser und Elsbeth Schneider, die sich die Situation vor Ort anschauten und einsahen, dass der Kanton investieren muss. Die Psychiatrie mit all ihren Gebäuden gehörte ja bis 2012 noch vollständig dem Kanton, also war es seine Aufgabe. Am Ende ging es sogar schneller, als ich gedacht hätte.

Wurden alle Um- und Neubauten erst von Ihnen eingeleitet?

Die neue dritte Akutstation wurde schon vor meiner Zeit geplant, was das Ende der Wachsäle bedeutete. Doch das Haus A mit den Schlafsälen umzubauen, ging auf meine Initiative zurück. Ich ging lobbyieren in der Politik, und es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit. Dem einen oder anderen wäre es wohl lieber gewesen, ich hätte das Thema gar nicht angesprochen, doch grösstenteils stiess ich auf offene Ohren. Der bauliche Zustand von Haus A, in dem die meisten Patienten untergebracht waren, war wirklich nicht gut. Die Gebäudestruktur passte nicht mehr in unsere Zeit. So gab es in den Zimmern keine Toiletten, sondern grosse Gemeinschafts-WC, wo Schüssel an Schüssel nur durch Vorhänge getrennt waren. Es erinnerte an gewisse Filme.

Wie an den Film «Einer flog über das Kuckucksnest», der das öffentliche Bild der Psychiatrie lange prägte ...

Es ist Ausdruck der Stigmatisierung der Psychiatrie, dass man es lange nicht für nötig hielt, hier dieselben Standards zu bieten wie in einem somatischen Spital. Deshalb war ein Aufenthalt für unsere Patienten früher eine Abwertung, in so einer Umgebung sein zu müssen und Familie und Freunde hier zu empfangen.

Gab es denn zu Ihrer Anfangszeit schon einen Austausch zwischen Psychiatrie und Gesellschaft?

Versuche, die Umgebung näher an die Psychiatrie heranzuführen, gab es schon vorher. Spielplatz und auch Tierpark existierten schon. Diese Öffnung habe ich einfach unterstützt und fortgeführt. Auch der Kredit für den Umbau der sogenannten «oligophrenen Abteilung» in das Wohnheim «Windspiel» für kognitiv beeinträchtigte Patienten wurde bereits vor meiner Zeit gesprochen. Das Psychiatriekonzept des Kantons wollte explizit die Öffnung.

Die Mauern, die das Gelände einst umschlossen, waren längst eingerissen. Aber mit den baulichen Investitionen war man eben lange zurückhaltend. Für mich stand jedoch fest, dass man nicht einfach moderne, psychiatrische Konzepte in den Anstaltsmauern von anno dazumal umsetzen kann. So wäre man nie zu einer modernen Psychiatrie gekommen. Die Entstigmatisierung war für mich eine Herzensangelegenheit.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Patienten? Sind Sie als Chef eher distanziert geblieben, oder haben Sie gewisse auch mal sehr direkt erlebt?

Grundsätzlich habe ich mich schon eher konzeptionell mit meiner Institution befasst. Um Beschwerden von Patienten oder deren Familie habe ich mich immer persönlich gekümmert. Aber ein Erlebnis von vor über 20 Jahren werde ich nie vergessen: Ein Bewohner, nennen wir ihn Ueli, war kognitiv beeinträchtigt und lebte im «Windspiel». Wenn er einen Schub hatte, konnte er unglaubliche Kräfte entwickeln. Oft war er nur durch mehrere Betreuer gemeinsam zu «bändigen». Er konnte ein Lavabo ausreissen und aus dem Fenster schmeissen.

... genauso wie der Indianer in «Einer flog über das Kuckucksnest» ...

Ueli hatte Riesenkräfte. An einer Sitzung der Heimkommission im «Windspiel» kam er in den Raum und stellte sich direkt hinter mich. Ich sah ihn nicht, spürte ihn aber. Da legte er seine Hände auf meine Schultern, ganz nah an meinen Hals. Ich schaute hoch und erkannte ihn. Sofort wurde mir bewusst, dass Ueli jetzt nur zuzudrücken brauchte ... doch dann begann er eine Nackenmassage, ganz sanft. Anschliessend massierte er noch jeden anderen im Raum. Danach ging er ganz ruhig hinaus. Das war aussergewöhnlich. Ueli lebt übrigens heute noch im «Windspiel».

Sind Sie überzeugt, dass die PBL den Patienten wirklich helfen kann?

Ja, da bin ich mir sicher. Und das auf verschiedene Art und Weise. Manchmal sind es die vielen Therapien, die helfen, manchmal das Umfeld, die Kontakte mit den Ärzten oder Pflegenden. Die meisten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich bewusst für die Arbeit in der Psychiatrie entschieden. Sie sind hoch motiviert, machen diese sinnstiftende Arbeit nicht aus materiellen Gründen.

Kommt dazu, dass es in der Psychiatrie zwar nicht um blutende Wunden geht, jedoch manchmal um schwierig zu ertragende Verhaltensweisen. Unsere Mitarbeiter müssen also viel durchmachen. Und doch geben sie alles, stellen sich schwierigsten Situationen. Ich konnte nur versuchen, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen.

Ist es auch ein gutes Zeichen, dass es in der PBL mittlerweile kaum noch Langzeitpatienten gibt?

Diese Entwicklung ist augenscheinlich. Wir haben Anfang 2019 unsere letzte Langzeitabteilung geschlossen. Ist doch eine langjährige Betreuung nötig, haben wir externe Wohngruppen. Doch das betrifft nur einen kleinen Teil unserer Patientinnen und Patienten. Die Tabelle zeigt, dass wir im Vergleich zu 1995 dreimal so viele Patienten pro Jahr betreuen bei markant tieferem Bettenbestand. Die Patienten bleiben also viel kürzer. Die ambulante Behandlung nimmt heute viel mehr Gewicht ein.

Zum Schluss: Wie sieht die Psychiatrie Baselland der Zukunft aus? Braucht es in weiteren 23 Jahren überhaupt noch eine solche Institution?

Ich würde mir wünschen, dass sich die PBL kontinuierlich weiterentwickelt und nicht stehen bleibt. Auch hoffe ich, dass die Zukunft nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt wird. Vielleicht gibt es einen Quantensprung mit wirksameren Medikamenten, vielleicht sind neue Therapien erfolgreich. Grundsätzlich würde ich mich für Patienten wie Personal freuen, wenn weniger geschlossene Abteilungen nötig wären.

Nicht vorstellen kann ich mir aber, dass es irgendwann gar keine mehr braucht. Denn es gibt immer Gesundheitszustände, die es erfordern, dass man einen Patienten in Sicherheit bringen kann. Zu seinem eigenen Schutz und zum Schutz seiner Umgebung. Das Allerschönste wäre natürlich, es gäbe keine psychischen Erkrankungen mehr, doch das bleibt wohl eine Utopie.