Auf diesen Augenblick haben gestern Abend um die 50 000 Zuschauer bis zu zwei Stunden lang gewartet: Die Lichter gehen aus, ein Jubel aus vielen tausend Kehlen brandet durchs Liestaler Stedtli und die Guggen, die das Ausharren in der Kälte zuvor versüsst haben, verstummen. Und pünktlich um 19.15 Uhr gehts los wie in einem sorgfältig aufgebauten Spannungsbogen eines guten Krimis.

Laternenträger, Pfeifer und Trommler leiten den Chienbäse-Umzug 2013 stimmungsvoll ein, ihnen folgen die ersten der gegen 300 Träger mit ihren lodernden Chienbäse. Sie werden vom Publikum mit einem ersten Raunen begrüsst, das sich steigert, als der erste, allerdings bescheidene Wagen mit vier aufgesteckten Chienbäse durchs Törli rollt. Die Feuerwagen nehmen zu an Grösse, bis nach einer halben Stunde der erste von drei Siebentönnern mit meterhoch aufgeschichteten acht Ster Holz herangerollt kommt.

«Lovely, amazing, Jesus»

Es wird beinahe taghell, die Flammen lecken meterhoch am Törli entlang nach oben bis fast zur Uhr, ein gewaltiger Funkenregen stiebt himmelwärts, die Hitze wird fast unerträglich und das Publikum schreit aus einem Mix von Begeisterung und Entsetzen - letzteres zumindest dort, wo der Wagen hält - auf.

Ein 27-jähriger Ire, der zum ersten Mal den Chienbäse-Umzug besucht, fasst die Steigerung in eigene Worte: von einem «Lovely» zu den Laternen über ein «Amazing» zu den Chienbäse bis hin zu einem «Jesus, I am speechless» zum ersten grossen Feuerwagen. Aber auch nach diesem Höhepunkt können die Chienbäse-Träger und die in diesem Jahr erstaunlich vielen Trägerinnen Szenenapplaus ernten, wenn sie mit ihrer schweren Last Zwischenspurte einlegen. Nach gut einer Stunde ist das Spektakel vorbei, das Publikum samt dem Iren begeistert.

Ein Spektakel, das nicht ohne die vielen Nebendarsteller und einen Dirigenten im Hintergrund über Liestals Altstadtbühne gehen könnte. Denn was die wenigsten wissen: Der Dirigent, oben an der Burgstrasse am Startplatz positioniert, entscheidet erst eine Viertelstunde vor Beginn definitiv, ob der Umzug stattfindet. Ein Wetterumsturz könnte dem Anlass bis dann einen Strich durch die Rechnung machen. Und erst, wenn der Dirigent alias Roger Salathe, Kommandant der Stützpunktfeuerwehr Liestal, sein Plazet gegeben hat, werden Chienbäse und Feuerwagen entzündet.

Zu diesem Zeitpunkt haben die wichtigsten Nebendarsteller schon einen Teil ihrer Arbeit erledigt: Die 120 Feuerwehrleute, die gestern im Einsatz standen und sozusagen die Versicherung des Chienbäse-Umzugs sind, haben bereits am frühen Abend mehrere hundert Meter an Schläuchen im Stedtli verlegt, damit im Fall der Fälle alles zum Löschen bereit ist. Während des Umzugs bespritzten sie dann immer wieder die Holzdecke des Törlis und kühlten die Schultern dankbarer Chienbäse-Träger mit einem Schwamm voll Wasser. Und als gegen Mitternacht das Gros der Zuschauer bereits am Träumen war, hatten auch die Feuerwehrleute Feierabend. So lange geht es jeweils, bis die Feuerwagen auf dem Gestadeckplatz heruntergekühlt sind und alles aufgeräumt ist.

Woher man übrigens weiss, dass gestern 50 000 Zuschauer am Chienbäse-Umzug waren? Diese Zahl entwickelte sich bei den Organisatoren in den letzten Jahren als Masseinheit, wenn das Stedtli jeweils rappelvoll war. Und das war auch gestern bei idealen äusseren Bedingungen klar der Fall. Doch gezählt hat noch nie jemand.