Nähkästchen

Christine Mangold tritt nach 24 Jahren ab: «Ich erkenne einen Titel von Baschi»

Intuitiver Griff im Sitzungszimmer der Gemeinde Gelterkinden: Christine Mangold zieht das Stichwort «Verwandtschaft».

Intuitiver Griff im Sitzungszimmer der Gemeinde Gelterkinden: Christine Mangold zieht das Stichwort «Verwandtschaft».

Christine Mangold, die Gemeindepräsidentin von Gelterkinden und Tante des Pop-Stars, steht vor einem völlig neuen Lebensabschnitt. Sie plaudert mit der bz aus dem Nähkästchen.

Sie haben den Begriff «Verwandtschaft» gezogen.

Christine Mangold: Das ist wieder so ein Fall von Intuition. Es erstaunt mich nicht, dass es gerade dieser Begriff sein musste.

Weshalb?

Weil Verwandtschaft eine so grosse und zentrale Rolle in meinem Leben spielt. Für alles, was ich je getan habe, hat stets das Familienleben das Fundament gebildet.

Wie kam es dazu?

Seit ich denken kann, habe ich ein intensives Zusammensein mit meiner ganzen Familie gelebt. Bei meinen Kindern habe ich sehr viel wert darauf gelegt, dass sie gemeinsam mit ihren Cousinen und Cousins gross werden. Meine Verwandtschaft gab mir stets das Gefühl, bei ihr alles holen zu können, was ich zum Bestehen im Alltag benötigte. Diese enge Bande hält bis auf den heutigen Tag; zudem ist hieraus eine Tradition mit vielen, meist sehr lustigen Familienfesten entstanden.

Wie sieht so ein typisches Familienfest der Familie Mangold aus?

Ein aktuelles Beispiel: Seit Jahr und Tag feiern wir den 24. Dezember im Haus meiner Eltern. Meine Mutter ist jetzt 88 und kocht noch immer für uns alle. Selbst für die Jüngeren ist es selbstverständlich, Heiligabend bei ihrer Gross- und Urgrossmutter zu verbringen.

Was kocht Ihre Mutter?

Auch das ist Tradition, an Heiligabend gibt es stets wunderbare selbstgemachte Spätzli und Wild.

Wie wichtig war für Ihre Familie die Gelterkinder Dorfstruktur?

Die Dorfstruktur hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Ein Stadtleben hätte nicht zu uns gepasst. Wir sind alle in Gelterkinden aufgewachsen. Das Ländliche haben wir von Kindsbeinen an aufgesaugt. Wir waren ständig in der freien Natur, gingen gemeinsam «brötle», machten alle Ausflüge immer gemeinsam. Ich empfinde es als grosses Glück, dass nun auch meine Kinder und die Kinder meiner Geschwister in der näheren Umgebung wohnen.

Unter diesen befindet sich sogar ein waschechter Promi. Wie gehen Sie damit um?

Ich freue mich und bin stolz darauf, wenn ich auf Baschi, den Sohn meines leider verstorbenen Bruders, angesprochen werde. Auch er ist so ein Familienmensch und bemüht sich, an so vielen gemeinsamen Anlässen dabei zu sein wie möglich. Zuletzt hat er am Weihnachtstag sein Gottenkind besucht.

Mögen Sie Baschis Musik?

Ja, schon, ich war auch schon an Konzerten und höre seine neuen Titel, wenn sie herauskommen.

Das mussten Sie jetzt sagen!

Nein, wirklich, ich erkenne auch meistens den Titel, wenn mein jüngstes Grosskind als Zweieinhalbjährige ein Lied von ihm zu singen versucht.

Sie haben in Ihrem Leben viel erreicht. Hat es je eine Weichenstellung gegeben, die Sie gegen den Willen Ihrer Verwandten tätigten?

Zunächst: Ich habe meine Entscheide immer selber gefällt und nur solche Dinge getan, die für mich stimmten. Aber dazu gehörte natürlich, sich vorher mit der Familie zu besprechen. Einen einsamen Entscheid gegen den Willen aller könnte ich wohl nie fällen.

Gab es umgekehrt einen Karriereschritt, den Sie einzig dank Ihrer Familie unternommen haben?

Als vor 12 Jahren die Anfrage kam, die Geschäftsführung am KV zu übernehmen, interessierte mich das spontan überhaupt nicht. Dann kam meine Tochter und sagte: Schau es Dir wenigstens an. Heute bin ich froh über diese Ermahnung. Das war genau das Richtige.

Sie werden nun Ende Juni nach 24 Jahren im Gemeinderat das Präsidium von Gelterkinden abgeben. Mit welchem Gefühl?

Ich gehe im Wissen, dass es genau der richtige Moment ist, jemand anderem die Möglichkeit zu geben, das Amt auszuüben. Dabei wird sicher Wehmut im Spiel sein, aber auch die Dankbarkeit für viele schöne Momente im Amt. Ich habe viele interessante Menschen kennen lernen und mir ein breites Wissen aneignen dürfen.

Auf welche Hinterlassenschaft sind Sie stolz?

Wir konnten in Gelterkinden eine Stimmung schaffen, die respektvoll ist, und die Menschen nicht auf die Barrikaden steigen, wenn der Gemeinderat nur schon seinen Mund aufmacht.

In Deutschland wollen sich Gemeindepolitiker sogar bewaffnen, weil sie sich vor lauter Anfeindungen nicht mehr sicher fühlen.

Solchen Hass habe ich persönlich nie erlebt. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass die Bevölkerung grundsätzlich schätzt, was der Gemeinderat tut.

Im Rahmen Ihrer Gemeindetätigkeit hatten Sie oft mit tragischen Familienschicksalen und kaputten Verwandtschaften zu tun. Wie gingen Sie damit um?

Wegen meiner Arbeit im Gemeinderat hatte ich nie schlaflose Nächte, selbst nicht in schwierigen Zeiten. Aber die vielen, wirklich tragischen Schicksale aus dem Vormundschaftswesen sind mir sehr nahe gegangen. Vor allem wenn Kinder die Leidtragenden waren.

Nehmen diese Fälle zu?

Die ganz schlimmen Fälle von Kindsmisshandlungen sind aus meiner Sicht ungefähr konstant geblieben – leider auf hohem Niveau. Ich stelle aber eine zunehmende zeitliche Belastung und Überforderung der Eltern fest, was häufiger zur Verwahrlosung von Kindern führt.

Wie lautet Ihr persönliches Rezept dagegen?

Ich sage immer: Die Familie muss einem wichtig sein. Man muss sich ganz bewusst Zeit für sie nehmen; auch für entferntere Verwandte. Das beflügelt intakte Familienstrukturen.

Bald können Sie all das hinter sich lassen. Was haben Sie Ihrer Familie für die Zeit nach dem Rücktritt versprochen?

Versprochen habe ich nichts, stattdessen einen Liegestuhl und Bücher geschenkt bekommen. Ich werde es ruhig angehen lassen und mir noch mehr Zeit als bisher für meine Enkelkinder nehmen. Ich will aber auch offen für Neues bleiben.

Als da wäre?

Das habe ich mir noch nicht überlegt. Ich strebe sicher kein politisches Amt mehr an, werde mich aber weiterhin für das Gemeinwesen einsetzen. Ach ja, ich werde ganz sicher in einem Chor mitsingen – das wollte ich schon seit langem.

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