Er bekocht jährlich als Küchenchef über 100 freiwillige Mitarbeiter, er spielte lange Landhockey und ist als Vater von drei Kindern geschieden. Das sind keine Attribute, die auf einen Pfarrer schliessen lassen. Aber Christoph Herrmann übt seit 29 Jahren diesen Beruf aus, der bei ihm mehr Berufung ist; davon die letzten 14 Jahre in der grössten Baselbieter Kirchgemeinde Oberwil-Therwil-Ettingen. Er sagt: «Es ist ein Privileg, als Pfarrer arbeiten zu können. Ich habe Menschen sehr gerne und es ist jedes Mal ein Highlight, bei einer Taufe ein Buschi im Arm zu halten, bei Altersheimbesuchen etwas von der Lebenserfahrung der Bewohner mitnehmen zu können oder beim Konfirmationsunterricht mit den Jungen über den Lebenssinn zu diskutieren.»

Er habe seine Wahl bis heute nie bereut, obwohl er sich bei der Berufsfindung unsicher gewesen sei, ob er nicht lieber Schauspieler, Anwalt oder Ökonom werden wolle. Aber Pfarrer beinhalte eben von all dem etwas.

Jetzt will der 55-Jährige aber sein Pfarramt eintauschen gegen das höchste Exekutivamt in der Kantonalkirche: Herrmann steht an der Synode von kommender Woche in der Poleposition als neuer Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Baselland. Dort soll er ab Anfang 2020 den vorzeitig zurücktretenden Amtsinhaber Martin Stingelin ablösen.

Die von der Synodepräsidentin (und Landrätin) Andrea Heger geleitete Findungskommission entschied sich unter sieben Bewerbern für ihn. Heger begründet das so: «Für ihn gesprochen haben sein Wissen und sein Erfahrungsschatz nicht nur als Pfarrer, sondern auch als Mitwirkender in diversen Gremien in der Kantonalkirche. Überzeugt haben uns aber auch seine tiefgründige Art zu denken und seine guten Kommunikationsfähigkeiten.»

Er will die Geldflüsse ändern

Herrmann kann in der Tat viel vorweisen, das ihn zum Kirchenratspräsidenten prädestiniert: Er sass schon mal sechs Jahre lang im Kirchenrat und war dort für den Bereich Ökumene und Entwicklungszusammenarbeit zuständig. 2013 trat er aber zurück, weil er den Eindruck hatte, er verzettle sich zwischen diesem nebenberuflichen Mandat und seinem Beruf als Pfarrer. Er war auch Mitglied der Visitationskommission und ist jetzt Teil der Projektleitung, welche die Resultate dieses zweijährigen Durchleuchtungsprozesses der Kirche umsetzen muss. Dazu gehört auch eine neue Kirchenverfassung, die Fusionen unter Kirchgemeinden erleichtern will. Herrmann ist also auf diversen Ebenen ein kirchlicher Insider.

Die Frage drängt sich aber trotzdem auf, wieso er seinen geliebten Pfarrerberuf aufgeben will. Lockt die Macht? Denn die vollamtliche Funktion eines Kirchenratspräsidenten entspricht auf Kantonsebene jener des Regierungspräsidenten. Herrmann winkt ab. Der vorzeitige Rücktritt von Martin Stingelin sei für ihn sehr überraschend gekommen. Hätte Stingelin seine Amtsperiode beendet, wäre das Amt für ihn aus Altersgründen kein Thema gewesen.

Jetzt bestehe aber eine grosse Chance für eine letzte berufliche Wende: «Ich will das Feuer, das ich fast drei Jahrzehnte für meinen Beruf verspürte, in die Kantonalkirche einbringen.» Davon können ihn auch anstehende Probleme wie steter Mitgliederrückgang und daraus folgende Verteilkämpfe um die schwindenden Geldmittel nicht abhalten. Ein Patentrezept hat er aber nicht: «Mit dem Mitgliederrückgang müssen wir leben. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, mit dem auch andere kämpfen.» Man lege viel Energie auf die Frage, wie man diesen Rückgang stoppen könne. Das sei aber in seinen Augen falsch: «Wir müssen mehr kundtun, was wir machen und dass wir das gut machen.»

Bei den Finanzen sei die Situation kontrovers, sagt Herrmann. Entgegen stünden sich die Autonomie der Kirchgemeinden und deren hohe Erwartungen an die Kantonalkirche für Lösungen. Im Vordergrund steht für Herrmann eine Änderung beim Verteilschlüssel. Anstatt Pfarrstellen mitzufinanzieren, soll die Kantonalkirche künftig Beiträge pro Mitglied an die Kirchgemeinden entrichten. Das führe zwar zu schwierigen Situationen bei kleinen Kirchgemeinden «mit viel Abschied und Trauer», begünstige aber die Zusammenarbeit bis hin zu Fusionen unter den Kirchgemeinden. Herrmann: «Wir stehen am Anfang dieses Prozesses und ich werde Vermittler sein. Das ist eine schwierige und spannende Position.»

Spannend könnte auch etwas anderes werden: Herrmann will sich in die Politik einmischen, «wenn es um den Schutz von Leben oder die Menschenwürde geht». Dazu zählt er den vom Landrat überwiesenen Vorstoss zur Herabsetzung der Sozialhilfe. «Das ist kein gangbarer Weg. Wenn das aufgegleist werden sollte, müssen wir uns einbringen.»

Als «Schwob» ausgegrenzt

Zulegen muss die Kirche für Herrmann aber auch in einem ganz anderen Bereich: «Sie muss präsenter werden bei den Hochaltrigen mit Alter 85 plus.» Gefordert sei die Kirche – und zwar die reformierte und die katholische – vor allem im Zusammenhang mit der palliativen Medizin und der Spiritualität und müsse Lösungen mit den Altersheimen suchen. Und Herrmann, zu dessen Schwerpunkten als Pfarrer die Altersbetreuung gehört, ergänzt: «Das sind wir den alten Menschen schuldig.»

Noch etwas Zentrales will Herrmann aus seiner Pfarrtätigkeit in die Zeit als Kirchenratspräsident mitnehmen: Er will weiter predigen. Dass er das beherrscht, hat er sechs Jahre lang als Radioprediger bei SRF 2 bewiesen. Auch Laurent Perrin, Kirchgemeindepräsident in Oberwil-Therwil-Ettingen, zählt das Predigen zu Herrmanns Stärken: «Er ist ein begnadeter Prediger mit einem eigenen, persönlichen Stil.» Dazu gehöre eine bildliche, sehr anschauliche Sprache mit lebensnahen Beispielen. Das sei bei der Kirchgemeinde gut angekommen.

Mit Herrmanns Rhetorik hängt auch zusammen, was einige als Schwäche, er, Perrin, aber eher als Stärke werte: «Wenn er argumentiert, holt er weit aus und kommt nicht direkt auf den Punkt. Damit macht er aber den Kontext klar.» Und Perrin schiebt nach: «Herrmann ist ein sehr beliebter Pfarrer und ein fundierter Theologe. Wir bedauern seinen Abgang, gönnen ihm aber auch diese tolle Herausforderung.»

Dass Herrmann Pfarrer geworden ist, hat auch mit seiner Kindheit zu tun: Er wuchs bis zum Alter von 13 Jahren in Deutschland auf. Als seine Familie dann nach Riehen zog, wurde er wegen seiner Sprache und als «Schwob» gehänselt und ausgegrenzt. In dieser schwierigen Zeit habe er bei einer Pfarrfamilie Unterstützung erfahren.