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Claude Longchamp: «Das Baselbiet ist konservativer geworden»

Der Gegensatz von Land und Stadt (im Bild ob Pratteln Richtung Schweizerhalle) macht Baselland zum Durchschnittskanton. Ken

Der Gegensatz von Land und Stadt (im Bild ob Pratteln Richtung Schweizerhalle) macht Baselland zum Durchschnittskanton. Ken

In den vergangenen Jahren hat Baselland fast immer wie die Gesamtschweiz abgestimmt.

In seiner neusten Studie hat das Forschungsinstitut GFS Bern des Politologen Claude Longchamp die Ergebnisse von 33 nationalen Abstimmungen in den vergangenen dreieinhalb Jahren untersucht. Im Mittelpunkt stand das Stimmverhalten der Kantone zu Behördenvorlagen und Referenden. Neu ordnen die Politologen das Baselbiet den Durchschnittskantonen zu, die sehr häufig wie die Gesamtschweiz stimmen. Noch vor einer Generation galt der Kanton als liberal, wenn man zum Beispiel an die EWR-Abstimmung 1992 denkt.

Ist das Baselbiet nach rechts gerutscht oder die übrige Schweiz nach links?

Claude Longchamp: Beides. Aber das Baselbiet ist klar rechtskonservativer geworden, die Schweiz nur leicht linksliberaler.

Lässt sich das an bestimmten Themen ablesen?

Aus heutiger Sicht ist es die Zuwanderung respektive das Verhältnis zu fremden Menschen und Kulturen. Da kommt Behördenkritik deutlicher zum Ausdruck.

Sind alle Agglomerationen in der ganzen Schweiz nach rechts gerückt oder nur im Baselbiet?

Alle Agglomerationen sind konservativer als die Kernstädte – je grösser die Agglomeration, desto deutlicher. Im Baselbiet hat der Wandel exemplarisch stattgefunden. Da spielt die Kantonstrennung mit, die demonstrative Distanzierung von der Grossstadt. Hinzu kommt die schwierige finanzielle Situation des Kantons.

Als «Durchschnittsschweiz» bezeichnen Sie neben dem Baselbiet die Kantone Bern, Zürich, Freiburg, Luzern, Wallis und Graubünden. Gibt es bei diesen Kantonen Gemeinsamkeiten?

Nicht wirklich. Die genannten Kantone kann man als Kern-Schweiz bezeichnen, aber nicht, weil sie eine gemeinsame politische Kultur hätten. Ausser Graubünden haben alle eine Polarisierung zwischen urbanen und ruralen Teilen. Der Schnitt ergibt dann ein Abbild der Schweiz.

Hat der Rechtsruck mit dem Aufstieg der SVP in der Agglo zu tun?

Ich sehe gemeinsame Ursachen: Themenwandel, Verschiebungen der Präferenzen und Aufstieg der SVP gehören zusammen. Zudem hat die SVP von der schwindenden Bindung bürgerlicher Kreise an die FDP profitiert.

Wenn das Baselbiet einmal rechte, einmal linke Anliegen unterstützt: Heisst das, der Baselbieter entscheidet nicht ideologisch, sondern sachpolitisch?

Das wäre überinterpretiert. Der Rechtsrutsch hat nicht in allen Gegenden des Kantons gleich stattgefunden. Wir haben hier sowohl ein urbanes Phänomen als auch ein ländliches. Das ist in Kantonen wie Obwalden ganz anders. Dort stimmen alle Gemeinden durchgehend rechtskonservativ.

Spielt ein Durchschnittskanton öfter das Zünglein an der Waage?

Tendenziell ja. Allerdings würde ich bei Abstimmungen mit Ständemehr stets auf mehrere Kantone setzen, um vor einer Abstimmung das Ständemehr abzuschätzen. Also Baselland, Solothurn, Luzern und Graubünden etwa.

Blicken die Politologen in Zukunft vermehrt auf das Baselbiet, um Abstimmungsergebnisse zu prognostizieren?

Nicht unbedingt. Für Hochrechnungen kurz nach Schliessung der Urnen setzt man auf kleinere, schnelle Gemeinden. Diese müssen erfahrungsgemäss wie der Schweizer Durchschnitt stimmen. Bekannt dafür ist zum Beispiel Ebikon im Kanton Luzern. Eine solche Gemeinde gibt es derzeit noch nicht im Kanton Baselland.

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