Homeschooling

Corona-Alltag in einer Grossfamilie: Super-Mama hält alle zusammen

Ob mit drei, acht oder elf Kindern am Tisch: Multifunktionalität ist sich Familie Wenger (von links Caroline, Leonie, Gaby und Jonathan) gewohnt. Die vergrösserte Küche dient als vorübergehendes Klassenzimmer.

Ob mit drei, acht oder elf Kindern am Tisch: Multifunktionalität ist sich Familie Wenger (von links Caroline, Leonie, Gaby und Jonathan) gewohnt. Die vergrösserte Küche dient als vorübergehendes Klassenzimmer.

Elf Kinder hat Gaby Wenger, acht wohnen noch Zuhause in Waldenburg. Organisation ist in der Familie das A und O, Multitasking steht nun ganz oben auf dem Plan. Wie die Mutter einer Grossfamilie den Corona-Alltag meistert.

Dem kleinen Haus am Rand Waldenburgs würde man kaum ansehen, dass es bis vor kurzem von dreizehn Personen bewohnt wurde. Einzig der Vorplatz mit den vielen Spielsachen, das Trampolin, die Tiergehege und die vielen Stühle deuten auf eine Grossfamilie hin. Die elfjährige Caroline öffnet die Tür, währenddem ihr «Hallo» von Hundegebell übertönt wird. Am Küchentisch sitzt der neunjährige Jonathan und macht Matheaufgaben; die sechsjährige Leonie huscht im Pyjama ins Bad. Vom ersten Stock hört man gedämpfte Stimmen. «Andrea hat gerade Telefonunterricht», erklärt Gaby Wenger, die Mutter der Grossfamilie. «Und Adrian lernt selbstständig in seinem Zimmer; er hat so viel zu tun.»

Entschleunigung trotz vollem Haus

Seit fünf Wochen ist Wenger nebst ihrem Vollzeitjob als Mutter und Büroverantwortliche im eigenen Malergeschäft nun auch als Lehrerin einer Handvoll Kinder tätig. Drei der elf Kinder sind bereits ausgeflogen; drei weitere arbeiten bereits. Die 48-Jährige zeigt Stundenpläne und reicht Arbeitsmäppchen, erklärt kurz eine Aufgabe hier, lobt eine Zeichnung dort und ermahnt, Smartphones für anstehende Videoanrufe bereitzuhalten. Multitasking ist hier Programm. «Die jetzige Situation verlangt Anpassung. Dennoch schätze ich es, den Morgen mit meinen Kindern zu verbringen.» Diese Aussage erstaunt. Was viele Eltern momentan an ihre Grenzen bringt, scheint Wenger mit Gelassenheit und Optimismus durchzuführen. Homeschooling ist für sie unter dem Strich weniger hektisch. «Was die Tagesstruktur angeht, ist es viel ruhiger, weil sämtliche Wege zur Schule, zum Sport- oder Musikverein wegfallen.» Für Wenger bedeutet der Rückzug in die eigenen vier Wände Entschleunigung und Familienzusammenhalt: «An Ostern haben wir ein Gehege für unsere Wachteln gebaut und den Schildkröten mit Steinen ein schönes Plätzli gemacht. Für die Sozialkompetenz der Kinder finde ich das super.»

Während Jonathan erzählt, dass er lieber zur Schule geht, weil er dort mehr lernen würde, klingelt Carolines Handy. Auf dem Bildschirm erscheint ihre Lehrerin und zwei Schülerinnen, die per Videocall eine Deutschübung besprechen. «Ich vermisse meine Lehrerin», flüstert Caroline und verschwindet im oberen Stock des Hauses.

Dank Familienmanagement zum Homeschoolprofi

Trotz Wengers Organisationstalent sieht auch sie sich Herausforderungen wie der rechtzeitigen Abgabe aller wöchentlichen Schulaufgaben gegenüber. Ausserdem sei es ihr wichtig, den Kindern entsprechend zu helfen. «Stressig finde ich auch, dass die Kinder so oft auf das Internet angewiesen sind.» Nebst Verbindungsproblemen und technischen Schwierigkeiten mussten die Kinder zu Beginn auf den einzigen Familiencomputer zurückgreifen. «Zum Glück konnte ich nun Schullaptops ausleihen. Dennoch finde ich nicht gut, wieviel die Kinder am Handy sind.» «Aber nur für die Schule!», präzisiert Andrea. «Ich habe gar keine Zeit mehr, mit Freuden zu chatten.»

Dass Homeschooling viel zu tun gibt, beweisen die Stapel von Aufgaben, die sich auf dem Küchentisch türmen. Was nach Chaos aussieht, überblickt Gaby Wenger mit Leichtigkeit. Angesichts des hohen Masses an Organisation, die eine Grossfamilie verlangt, stellt die jetzige Zeit keine besondere Hürde dar. «Umorganisieren muss ich schon, weil mir das Unterrichten den Morgen füllt, den ich sonst für Büroarbeiten oder für den Haushalt nutze.» Dass die Büroarbeit dabei meistens auf die nächtlichen Stunden oder aufs Wochenende fällt, scheint Wenger nichts auszumachen. «Für Eltern, die nun im Homeoffice arbeiten oder ihre Kinder normalerweise in die Kita bringen, ist das viel stressiger», ist sich die elffache Mutter sicher. Sie selbst sei sich diese Arbeitsauslastung gewohnt, da sie nie eine Nanny gehabt hätte. «Und die Kinder sind sehr selbstständig.»

In diesem Moment öffnet sich die Tür und zwei grosse Hunde stecken ihre Schnauze in die Küche. Hinter ihnen, kaum sichtbar, erscheint das Nesthäkchen Leonie. Lyonerwurst sei Dank präsentiert Andrea die eingeübten Tricks mit den Vierbeinern und erklärt: «Ich mag Homeschooling, weil ich viel flexibler zu den Tieren schauen kann.»

Weder Einkaufs- noch LAP-Hürden zu gross

Praktische Probleme in einer Grossfamilie zu Zeiten von Corona lauern auch anderswo, beispielsweise beim Einkauf. Gaby Wenger erzählt von ihrem Schock, als sie in der ersten Woche des Lockdowns halb leeren Coop-Regalen gegenüberstand. «Bei den Essensmengen, die wir brauchen, kann ein Einkauf dauern, wenn ich wegen fehlender Nahrungsmittel noch nach Bubendorf fahren muss.» Dennoch: Auch in diesen Erzählungen überwiegen Wengers Pragmatismus und ihre Bescheidenheit. Sie sei einfach dankbar, dass ihr Mann weiterhin Aufträge bekomme und arbeiten könne. «Die kleinen Betriebe leiden ja besonders unter den Vorschriften des Bundesrates. Wir als Grossfamilie wären sehr betroffen, wenn mein Mann keinen Verdienst mehr hätte.»

Es ist kurz vor dem Mittagessen als sich die einundzwanzigjährige Deborah müde von der ersten praktischen Lehrabschlussprüfung an den Küchentisch setzt. «Es lief ganz okay. Aber es ist stressig, weil wir immer erst kurzfristig erfahren, ob eine Prüfung durchgeführt wird oder nicht.» Der Ausnahmezustand fordert einiges von den Lernenden ab: In den vergangenen Wochen fanden weder Prüfungsvorbereitungskurse statt, noch wissen die Experten bislang, wie die Abschlussprüfungen bewertet werden. «Debby ist zum Glück eine sehr gute Schülerin», sagt Wenger nicht ohne Stolz.
Es ist unübersehbar: Wenger sucht stets nach dem Positiven. Ob es nie Streit gäbe, jetzt, da alle so zusammenrücken müssen? «Doch, vor allem um Mami», ruft Caroline. Doch auch für brenzlige Situationen ist die Familienmanagerin gewappnet. Nachmittags seien die kleineren Kinder draussen, damit alle ein wenig Rückzugsmöglichkeiten hätten, die das Haus nicht bieten kann. «Wir versuchen das Beste, auch wenn im Homeschooling Vieles nicht perfekt läuft. Beide Seiten müssen ein Auge zudrücken, sowohl die Lehrer als auch die Eltern.»

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