Aus der Region

Corona-Boom bei den regionalen Hofläden: So kamen die Konsumenten direkt zur Landwirtschaft

Die Nachfrage nach Rohmilch ist zurzeit grösser

Die Nachfrage nach Rohmilch ist zurzeit grösser

In Coronazeiten erleben Produkte aus der Umgebung Aufwind, aber das Kundenverhalten ist nicht immer erklärbar.

Auch wenn Hofläden derzeit im Trend sind, besetzen sie nur eine Nische im ganzen Landwirtschaftskuchen. Samuel Guthauser, Geschäftsführer ad interim beim Bauernverband beider Basel, schätzt ihren Anteil an der Wertschöpfung der regionalen Landwirtschaft irgendwo im einstelligen Prozentbereich. Trotzdem: Jetzt in der Coronakrise schlägt die Stunde der Hofläden. Wieso, erklärt Guthauser so: «Die Leute kaufen bewusster und damit auch vermehrt regional ein. Und sie suchen den Kontakt zu den Produzenten.»

Wie sich das auf den Gesamtumsatz der Hofläden auswirkt, weiss niemand. Ja, es ist nicht einmal bekannt, wie viele Hofläden es insgesamt im Baselbiet gibt. Deren Auftritt ist auch sehr unterschiedlich: vom kleinen Eier-Lädeli bis zum professionell gestalteten Verkaufsraum mit einer Vielfalt an Produkten und Internet-Auftritt. Die fünf Dutzend Hofläden, die auf der Website von Baselland Tourismus aufgeführt sind, sind jene, die sich auf Nachfrage daran interessiert zeigten.

Von einzelnen Hofläden weiss Guthauser, dass ihr Umsatz während der Coronazeit zwischen 30 und 50 Prozent gewachsen ist. Auch die drei von der bz befragten Hofladen-Betreiber geben unisono an, dass mehr Leute bei ihnen einkaufen.

Wobei es auch Unerklärbares gibt. So verweist Martin Rupp vom Schillingsrainhof in Liestal darauf, dass er an seinem Milchautomaten in den vergangenen Wochen 50 Prozent mehr Rohmilch verkauft habe: «Das ist mir ein Rätsel, denn die Leute haben sonst eher Angst vor dem Konsum von Rohmilch.»
Zur Zukunft der Hofläden sagt Guthauser: «Die besten Chancen haben jene, die gut erreichbar sind, ein breites Angebot haben und à jour sind bei den Zahlungsmöglichkeiten.»

Der Tannerhof in Biel-Benken wird überrannt

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Die Information auf der Startseite des Tannerhofs im Internet sagt schon fast alles über den derzeitigen Kundenaufmarsch: «Wegen Überlastung und der besonderen Situation bleibt der Hofladen am Sonntag geschlossen.» Landwirt Georges Tanner ergänzt: «Der Laden läuft schon seit Längerem stetig besser, jetzt hat die Nachfrage aber sprunghaft zugenommen.»

Er spricht von einem Mehrumsatz von 40 bis 50 Prozent, was die beiden wegfallenden Märkte mehr als kompensiere. Freitags und samstags müsse er und seine Familie die Schlange vor dem Laden coronabedingt managen. Und das, obwohl die zahlreichen Kunden aus Frankreich derzeit grösstenteils fehlten.

Klar sei, dass die Leute mehr regionale und saisonale Produkte suchten und mehr Zeit zum Kochen und vor allem Backen hätten. Denn die eigentlichen Renner seien Eier und Mehl. Daneben verkauft Tanner in seinem Hofladen derzeit diverse Salate, Grünspargeln, Kartoffeln und Karotten, in der Saison zudem eine Vielzahl von Früchten und Beeren. Tanner erwartet, dass sich die Nachfrage beim Hofladen nach der Krise wieder normalisiert. Aber nur ein Stück weit: «Ich denke, dass ein Teil der Neukunden bleibt, weil sie merken, dass frische, qualitativ gute Produkte besser schmecken.»

Tanners Hofladen gibt es seit 25 Jahren. 2005 musste die vormalige Baracke einem modernen, grossen Raum weichen. Auch bezüglich Zahlungsmöglichkeiten ist Tanner auf dem neusten Stand mit unter anderem einem Kassenautomaten mit Rückgeld-Möglichkeit. Zur Zahlungsmoral im Selbstbedienungsladen meint Tanner: «Insgesamt habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Ab und zu muss ich aber Hofladenverbote aussprechen.»

Der Hof Baregg in Hemmiken setzt auf den Muttertag

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Rein äusserlich funktioniert der Baregg-Hofladen wie in alten Zeiten: Man kann während der Öffnungszeiten von montags bis samstags mit der Glocke läuten und Bäuerin Stefanie Weber oder allenfalls ein Ersatz erscheint. Vom Angebot und den Dienstleistungen her (Bestell- und Zahlungsmöglichkeiten, Lieferservice bis Basel und Rheinfelden) ist der vor zehn Jahren ausgebaute Hofladen aber in der Moderne angekommen.

Derzeit wartet Weber mit einer Muttertags-Offensive auf und stellt auf Bestellung diverse Gebäcke in Herzform her. Ansonsten besteht das aktuelle Angebot aus Konfitüren, Fruchtsäften, Sirupen, Gebranntem, Süss-Saurem, Galloway-Fleisch sowie Brot und Zopf. Weber hat derzeit einige Neukunden vor allem aus Basel, die aber die wegfallenden Märkte umsatzmässig nicht kompensieren können, wie sie sagt.

Schillingsrainhof in Liestal punktet mit Rohmilch

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Den Schillingsrainhof-Laden gibt es seit Urzeiten, genau seit 1991. Martin Rupps aktuelles Angebot besteht aus Eiern, Kartoffeln, Äpfeln, Honig, Milch, Bergkäse, Dörrfrüchten, Joghurts, Glacés und samstags auch aus Würsten. Auf Bestellung gibt es Lamm- und Kalbfleisch, in der Saison Kirschen und Zwetschgen.

Derzeit sei der Umsatz etwa ein Drittel höher als normalerweise. Obenaus schwinge die Nachfrage nach Rohmilch. Da sein Laden auf Selbstbedienungsbasis funktioniert, hat Rupp wenig Kontakt mit den Kunden. Er beobachte aber neuerdings etliche Autos mit Basler Nummernschildern. Rupp verkauft alles, was abgepackt ist, im Automaten. Das, weil «die Leute früher oft vergessen haben zu zahlen», wie er augenzwinkernd beifügt. Rupp hofft, dass der Boom die Coronazeit überlebt.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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