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Corona gegen Tradition: Liestaler Mannen ringen um ihren Banntag

Liestaler Banntag 2019

Der Liestaler Banntag vom 18. Mai wird womöglich nicht stattfinden. (Archivblid 2019)

Liestaler Banntag 2019

Die Sissacher haben ihren Banntag bereits abgesagt, während die Liestaler Rottenchefs noch auf ein Wunder hoffen.

Die Absage der Fasnacht mitsamt Chienbäse-Umzug war schon ein harter Schlag, aber jetzt gehts vielen Liestaler Mannen ans Eingemachte: Auch der Banntag vom 18. Mai ist hochgradig gefährdet. Während die Sissacher, die den Brauch ähnlich wie die Liestaler als reinen Männeranlass zelebrieren, bereits resigniert und ihren Grenzumgang vom 16. Mai abgesagt haben, hoffen die Liestaler immer noch auf eine Art Wunder.

Domenic Schneider, Chef der dritten Rotte, sagt: «Wir Rottenführer diskutierten letzten Dienstag online darüber, wie es weitergehen soll mit dem Banntag 2020. Es gibt Gründe für und gegen eine Absage zum jetzigen Zeitpunkt und die Lage verändert sich täglich. Daher haben wir entschieden, bis 19. April zuzuwarten.» Das ist das Datum, bis zu welchem der Bundesrat vorläufig einmal ein Versammlungsverbot erlassen hat.

Schneider begründet die abwartende Haltung auch damit, dass sich der Organisationsaufwand für einen Banntag in Grenzen halte und die Zeit nach dem 19. April noch reiche. Alles, was man könne, bereite man jetzt mal vor. Er verschweigt aber nicht, dass ihm schon etliche ältere Banntägler abgesagt haben.

Nur Basler Obrigkeit verbot bis jetzt Banntag

Auch Schneider mag nicht mehr so richtig an einen Banntag 2020 glauben und schildert sein Dilemma: «Ich kann mir vorstellen, dass die momentane Krisensituation länger andauert. Andererseits wollen wir nicht vorschnell absagen. Kein Banntag durchzuführen wäre für viele inklusive mir eine Riesenenttäuschung, denn hier trifft man Leute, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht. Und die Stimmung ist einmalig.» Der Banntag sei der einzige Tag im Jahr, da alle vom Bankdirektor bis zum einfachen Büezer gleich seien. An Liestaler Banntagen nehmen jeweils über 1000 Männer teil.

Einer von ihnen ist Stadtpräsident Daniel Spinnler. Er meint: «Der Banntag ist ein lieb gewonnener Brauch und ich würde ihn vermissen, wenn er nicht stattfände. Doch bei aller Begeisterung haben jetzt die Krisenbewältigung und die Gesundheit der Bevölkerung Priorität.» Organisator der Banntage sind die Rotten; die Bürgergemeinde und die Stadt wirken lediglich unterstützend.

Wäre denn eine Verschiebung des Banntags in die zweite Jahreshälfte eine Alternative? Schneider stockt. Das habe man noch gar nie diskutiert. Doch nach kurzem Überlegen hält er das für unwahrscheinlich. Der Banntag sei ein klassischer Frühlingsbrauch. Dazu komme, dass viele Bannumgänger kaum an einem normalen Montag frei nehmen könnten, wenn die gebeutelte Wirtschaft wieder anlaufe.

Der Liestaler Banntag ist seit dem Jahr 1405 belegt, heuer würde man nach offizieller Zählweise die 615. Ausgabe begehen. Das suggeriert, dass der Banntag seit dem späten Mittelalter ununterbrochen stattgefunden hat. «Diese Zählweise ist nicht korrekt und mit einer Unschärfe behaftet, die zum Leben gehört», sagt Dominik Wunderlin. Sicher sei, dass die Basler Obrigkeit nach dem Bauernkrieg von 1653 den Liestaler Banntag mehrmals verboten hat. Während der beiden Weltkriege hätten dagegen die Banntage immer stattgefunden, widerspricht Wunderlin der oft gehörten Meinung, dass es damals Unterbrüche gegeben habe. Wunderlin ist Autor der Banntagsbibel «Mann und Bann». Zur jetzigen Ausgangslage sagt er: «Es ist so klar wie das Amen in der Kirche, dass dieses Jahr kein Banntag stattfindet.»

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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