Autobiografie

Dämonen der Vergangenheit: Der Mann, der auf einem Gehirn ausrutschte, will es wieder wissen

Horst Heckendorn, der schreibende Rettungs-Sanitäter, wuchs in einer engen Wohnung ohne Zentralheizung und Badezimmer auf. Doch das Problem war etwas anders. Um die Dämonen der Vergangenheit zu vertreiben, hat er seine Kindheit niedergeschrieben.

Er schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Salopp, direkt, humorvoll. Mit sicherem Gespür, was die Leserschaft bei der Stange hält. Seinem Stil ist er auch bei Buch Nummer drei treu geblieben. Doch dieses Mal ist alles anders.

Im dritten Werk von Horst Heckendorn geht es nicht um andere. Nicht um Patienten, die er als Rettungssanitäter zusammenlesen musste. Das Thema ist er selbst. Der Bennwiler erzählt in «Wir Unterdorfkinder» von seiner nicht ganz einfachen Kindheit und Jugend in der Bundesrepublik der 60er-, 70er- und 80er-Jahre. Drei Geschwister, Mutter Hilde Hausfrau, Vater Erwin Kumpel im Kali-Bergwerk. Die Dreizimmerwohnung hat zunächst weder Zentralheizung noch Badezimmer, dafür ein Plumpsklo. «Im Winter», heisst es in der Autobiografie, «gefror so manches Mal die Kacke ein.»

Bei seiner Geburt war die Mutter alleine, der Erzeuger fehlte. Er sei, wie Heckendorn schreibt, «nur wenige Tage zuvor, sturzbesoffen mit seiner Zündapp» (kleine Anmerkung für die Jüngeren unter uns: Hierbei handelte es sich um eine Moped-Marke und keine Handy-App) «in eine nur spärlich beleuchtete und schlecht gesicherte Baugrube hineingedonnert.» Während der Herr Gemahl also selber im Krankenbett lag, brachte seine Frau Kind Nummer vier zur Welt. Doch sie hatte keine Ahnung, wie sie es nennen sollte – sie hatte ein Mädchen erwartet. «Nennt ihn doch einfach Horst!», sagte die Hebamme.

Da sei sein Schicksal besiegelt gewesen, hält der Autor fest. «Vielen Dank an dieser Stelle!».

Fünfstellige Verkaufszahlen

Bekannt wurde Heckendorn mit zwei Büchern über seinen Job. Bald drei Jahrzehnte ist der 53-Jährige als Rettungssanitäter unterwegs, zuerst im süddeutschen Raum, dann in der Region Basel. Seit geraumer Zeit ist die Sanität Käch sein Arbeitgeber. Im April wurde die Firma umfirmiert, zur Rettungssanität Nordwestschweiz.

2013 war ein einschneidendes Jahr für Horst Heckendorn: Ein verwirrter Patient hielt ihm bei einem Einsatz eine geladene Pistole vors Gesicht. Zum Glück drückte er nicht ab, Heckendorn jedoch erlitt einen Zusammenbruch. Zuerst arbeitete er normal weiter, irgendwann war das Trauma stärker. Das Schreiben war eigentlich nur Therapie – doch die Erlebnisse aus dreissig Jahren Rettungsdienst stiessen auf Interesse. Der Band «Ich bin zu alt für diese Scheisse!» aus dem Jahr 2015 hat sich laut dem Autor in fünfstelliger Zahl verkauft. 2017 folgte «Man wird nicht jünger durch den Scheiss».

In den Kurzgeschichten spritzt das Blut, fliesst der Eiter, krachen die Knochen. Heckendorn beschreibt etwa, wie er nachts zu einem verunglückten Auto neben einer Landstrasse ausrückte. Als er durch die Wiese ging, um zum Wrack zu gelangen, rutsche er aus. Sein Fuss war auf ein Gehirn getreten.

Wer Solches erlebt, kann das nach Feierabend nicht einfach abstreifen. Bei seiner Autobiografie sei aber etwas anderes der springende Punkt, sagt Heckendorn. Er müsse die Dämonen der Vergangenheit verjagen.

Aufgewachsen ist er in Heitersheim, 40 Kilometer nördlich von Basel. «Wir lebten im Unterdorf, im schlechteren Ortsteil. Wir Unterdorfkinder waren in den Augen der anderen die Underdogs, Asoziale, Menschen 2. Klasse – das kriegten wir zu spüren.»

Auch als Erwachsener habe er den Minderwertigkeitskomplex nicht abstreifen können, sagt Heckendorn. Das zündende Erlebnis war im Sommer 2017 am Gardasee. «Als ich so auf meinem Badetuch lag, stieg mir plötzlich ein bekannter Geruch in die Nase: Eine Mischung aus Essen, Fäkalien und Rauch von Holzheizungen – der Geruch meiner Kindheit.»

«Wir waren frei»

Vor seinem inneren Auge habe sich ein Film abgespielt, eine Erinnerung nach der anderen, abstellen unmöglich. «Da wusste ich: Ich muss diese Zeit aufarbeiten.» Seine Erinnerungen füllten 164 Buchseiten. Gewidmet ist das Werk den schon länger verstorbenen Eltern.

Auch wenn er sie beschwerlich-herb zeichnet: Er würde sich keine andere Kindheit wünschen, sagt Heckendorn. «Es war damals nicht besser oder schlechter als heute – es war einfach anders. Vor allem waren wir frei: Wir stiegen zu fremden LKW-Fahrern in die Kabine, fuhren mit ihnen zu Baustellen und Kieswerken. Ganze Nachmittage waren wir weg.» Heckendorn ist verheiratet, aber kinderlos. Das bereue er nicht, wenn er sich die fast lückenlose Überwachung der heutigen Kinder anschaue, den Leistungsdruck, der auf ihnen laste.

Heckendorns Storys kamen am Radio. Lesungen bringen ihn bis Husum und Potsdam. Er hat sich mit seinen Büchern ein zweites Standbein aufgebaut. Leben könne er vom Schreiben aber nicht.

Das vierte Buch sei schon in Planung, sagt Heckendorn, neue Geschichten aus dem Rettungsdienst. «Es hat sich wieder einiges angesammelt.»

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