Als sich der Himmel bunt färbte und die Menschen rund um ihn die Gläser auf die Schweiz erhoben, da fühlte er sich nur noch müde. Ein Jahr lang war Bruno* auf der Flucht. Sein Ziel: die Schweiz. Doch als er an der Bundesfeier vor einem Jahr auf der Mittleren Brücke stand, spürte er keine Freude. So wie die Feuerwerkskörper über ihm in der Luft verglühten, schwanden seine Träume. Als 15-Jähriger kam er in Basel an. Alleine. In der Sprache der Behörden nennt man Kinder oder Jugendliche wie ihn «UMA» – unbegleitete, minderjährige Asylsuchende. Sie durchqueren ohne Eltern, ohne erwachsene Fürsorge zahlreiche Länder oder gar das Mittelmeer.

795 solche Kinder oder Jugendliche reisten 2014 in die Schweiz ein. Einer von ihnen ist Bruno. Er flüchtete aus Afghanistan, durchquerte alleine den Iran, die Türkei, Griechenland. Denn er träumte von einem Leben, das für Schweizer Jugendliche selbstverständlich ist: «In die Schule gehen, Sport machen, ein Hobby finden.» Doch es kam anders.

Keine Betreuung, keine Infos

Nach zwei Wochen im Empfangszentrum beim Zoll Otterbach wurde er in einem Asylheim im Baselbiet untergebracht. Neben ihm lebten 20 erwachsene Männer dort. Mit fünf anderen teilte er ein Zimmer – jeder von ihnen stammte aus einem anderen Land. «Wir konnten uns nicht verständigen», erzählt Bruno. Am ersten Tag zeigte ihm die Aufsichtsperson die Küche, erklärte ihm, bei welcher Tramhaltestelle der Dorfladen ist, händigte ihm 90 Franken aus. Mit diesem Betrag musste er eine Woche lang auskommen und davon U-Abo, Essen, Hygieneartikel oder Kleider bezahlen. Bruno war soeben 16 Jahre alt geworden.

Informationen oder eine Betreuungsperson gab es für den Jugendlichen nicht. «Ich fühlte mich alleine, konnte mit niemandem sprechen und mir war extrem langweilig», sagt Bruno. Regelmässig kehrte er deshalb zurück ins Empfangszentrum. Dort betreibt der Ökumenische Seelsorgedienst für Asylsuchende (OeSA) unter anderem ein Café. Bruno fiel der Leiterin Astrid Geistert auf: «Er fühlte sich in seiner Unterkunft nicht sicher und hatte weder eine Bezugsperson noch eine Tagesstruktur – obwohl er schulpflichtig war.» Was Aufgabe der Sozialbehörden wäre, übernahm Astrid Geistert: Sie meldete Bruno für die Integrationsklasse im Zentrum für Brückenangebote an. Nach drei Monaten Herumsitzen war dies ein Hoffnungsschimmer für den Jungen.

Kein Pult für die Hausaufgaben

Doch seine Situation verschärfte sich zunehmend. Bruno war der einzige Bewohner des Asylheims, der einen verbindlichen Alltag hatte. Seine Zimmernachbarn verloren in der steten Warterei jeglichen Tages- und Nachtrhythmus. «Weil sie häufig bis spät in die Nacht Musik hörten oder TV schauten, konnte ich oft nur ein, zwei Stunden schlafen», sagt Bruno. In der Schule war er so müde, dass er «immer alles sofort wieder vergass». Auch das Lernen fiel ihm schwer: Im Asylheim gab es keinen Platz, wo er seine Hausaufgaben lösen konnte. «Ich hatte nur mein Bett.»

Neben Langeweile und Trostlosigkeit waren in der Unterkunft Alkohol und Zigaretten allgegenwärtig. Auch Marihuana sei konsumiert worden. «Das schlimmste aber war die Ungewissheit, wie lange ich an diesem Ort bleiben muss. Es gab Menschen, die dort seit fünf oder sechs Jahren leben. Das machte mir grosse Angst», sagt Bruno.

Vermisste er seine Mutter stark, fragte er manchmal nach Marihuana. Am nächsten Tag überkam ihn das schlechte Gewissen: «Ich wollte doch kein Junkie werden», sagt Bruno. Seine Verzweiflung hinterliess auch sichtbare Spuren: Ekzeme zeichneten seinen Körper.

Lehrerin greift ein

Die Entwicklung beobachtete seine Lehrerin Anna Müller* mit Sorge. «Obwohl er sich für die Schule einsetzte, konnte er sich aufgrund seiner Situation kaum konzentrieren. Zudem zog er sich zunehmend zurück», sagt sie. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Beratungsstelle für Asylsuchende bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) bereits eine Meldung eingereicht. Nichts passierte. Deshalb doppelte die Lehrerin mit einer Gefährdungsmeldung nach. Das war im Februar. Kurz darauf besuchte ein Kesb-Mitarbeiter Bruno im Baselbieter Asylheim.

Angst vor den Schulferien

Wochen später, ohne Nachricht von der Kesb, rückten die Frühlingsferien näher. Vor dieser schulfreien Zeit fürchtete sich Bruno. «Ich wusste nicht, wie ich es in der Unterkunft mit all den anderen Männern aushalten sollte», sagt er. Er erwog abzutauchen oder in einem anderen Land einen Neustart zu versuchen. Als seine Lehrerin davon erfuhr, war für sie klar: «Jetzt muss etwas passieren.»

Ein Lehrerkollege brachte Bruno ins Basler Kinderspital (UKBB). «Dort hat man ihn ernst genommen, und er erhielt eine Notfallnummer für eine temporäre Unterbringung», sagt Anna Müller. Nach neun Monaten in der Asylunterkunft kam Bruno nach Basel – in ein Heim für Jugendliche. Dort lebt er heute noch, was seine Lehrerin als Glücksfall bezeichnet: «Seitdem macht er Fortschritte und ist aufgeblüht.»

Weitere Gefährdungsmeldung

Diesen Sommer ging er wieder an die Bundesfeier. Mit seiner Freundin schaute er das Feuerwerk an, fühlte sich zugehörig zu den feiernden Menschen rundherum. «Ich habe meine Probleme, denn ich vermisse meine Mutter und meine Geschwister sehr. Aber in meinem Leben in der Schweiz habe ich alles. Das macht mich glücklich», sagt er.

Nach drei Wochen im Heim für Jugendliche ist das Ekzem auf Brunos Haut verschwunden. Er muss seit seiner Umplatzierung keine Medikamente mehr nehmen. Die Beratungsstelle für Asylsuchende hat inzwischen für einen weiteren Jugendlichen, der in einem Baselbieter Asylheim untergebracht ist, eine Gefährdungsmeldung an die Kesb erstattet.

*Die Namen von Bruno und seiner Lehrerin sind geändert.