Abstimmung BL

Das Ende des lähmenden Baselbieter Lehrmittelstreits ist nah

Am 24. November stimmt das Baselbiet über eine geleitete Lehrmittelfreiheit an der Volksschule ab. Damit werden die umstrittenen Mille feuilles, Clin d'Oeil und New World von der Pflicht zur Option. Bildungsdirektorin Monica Gschwind löst damit einen gordischen Knoten.

Der 24. November steht im Kanton Baselland im Zeichen des zweiten Durchgangs der Ständeratswahlen. Auch die Steuervorlage 17 erhält viel Aufmerksamkeit. Es geht fast unter, dass an jenem Sonntag auch über die Umsetzung der nichtformulierten Volksinitiative «Stopp dem Verheizen von Schüler/-innen: Ausstieg aus dem gescheiterten Passepartout-Fremdsprachenprojekt» abgestimmt wird. Dabei bedeutet das die Chance, einen jahrelangen Streit zu beenden, der das Klima an den Primar- und Sekundarschulen im ganzen Baselbiet vergiftete, die Lehrerinnen und Lehrer viel Kraft kostete und vor allem die Konzentration auf das Wichtigste störte: die Ausbildung der Schülerinnen und Schüler.

Die Rede ist vom Lehrmittelstreit in Französisch und Englisch. Vom sechskantonalen Passepartout-Projekt, das die Lehrmittel Mille feuilles, Clin d’Oeil und New World in Baselland 2012 zur Pflicht machte. Jene Lehrmittel also, denen die von den Passepartout-Kantonen selbst in Auftrag gegebene Schluss-Evaluation durch das Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Fribourg kürzlich ein miserables Zeugnis ausstellte. Die Forscher untersuchten die Französischkompetenzen am Ende des 8. Schuljahres. Das Ergebnis lässt kaum Deutungsspielraum: Die von der Erziehungsdirektorenkonferenz festgelegten Grundkompetenzen (Niveau A 1.2) erreichten im Hörverstehen zwar 87 Prozent der getesteten Schüler, im Leseverstehen waren es noch 62 Prozent, im Sprechen aber nur noch 42,5 Prozent. Die Passepartout-Lernziele verlangen allerdings das höhere Niveau A 2.1. Dieses erreichten beim Hören 57, beim Lesen 33 und beim Sprechen gerade noch 11 Prozent der Schüler.

Das Komitee Starke Schule beider Basel, das hinter der Volksinitiative steht, hält deshalb im Abstimmungsbüchlein knallhart fest: «Mille feuilles ist unbrauchbar.» Und es empfiehlt, ein Ja einzulegen. Doch wer glaubt, damit der ursprünglichen Forderung der Starken Schule zum Durchbruch zu verhelfen, dass die drei Passepartout-Lehrmittel «an den Volksschulen nicht mehr eingesetzt werden dürfen», der irrt. Denn zur Abstimmung kommt nicht die Volksinitiative, die sogar im Landrat eine Mehrheit fand, sondern die Umsetzungsvorlage der Regierung.

Diese sieht keinesfalls ein Verbot von Mille feuilles, Clin d’Oeil und New World vor. Und das ist gut so. Denn tatsächlich halten längst nicht alle Lehrer diese für unbrauchbar. So hat etwa die Baselbieter Primarlehrerkonferenz schon 2018 eine Petition verabschiedet, in der sie die Lehrmittel verteidigt. Statt eines Verbots heisst die Lösung von Bildungsdirektorin Monica Gschwind «geleitete Lehrmittelfreiheit» – und das über alle Fächer. Die Freisinnige hat damit wohl einen gordischen Knoten gelöst. Sie wird allen gerecht. Denn neu soll jeder Lehrer frei aus einer von fächerspezifischen Arbeitsgruppen evaluierten und vom Bildungsrat verabschiedeten Liste an Lehrmitteln auswählen dürfen. Fest steht bisher nur eines: Mille feuilles, Clin d’Oeil und New World erhalten weiter einen Platz. Die Starke Schule geht freilich davon aus, dass schon in wenigen Jahren kein Lehrer mehr auf sie setzt. Wenn doch, so würden die neuen Lehrpläne mit ihren klareren Jahres-Lernzielen dafür sorgen, dass keine Klasse stofflich abgehängt wird.

Wie die bz weiss, sind in Französisch mindestens drei weitere Lehrmittel vorgesehen, in Englisch deren fünf. Der Bildungsrat wird die definitiven Listen aber erst nach der Abstimmung verabschieden. Eingeführt werden soll die Lehrmittelfreiheit bereits ab dem nächsten Schuljahr Mitte 2020 – und das laut gut unterrichteten Quellen für alle Stufen gleichzeitig. Hier hat Gschwind äusserst sportlich geplant. Es wird nämlich zur etwas grotesken Situation führen, dass zumindest in der Anfangsphase Mille feuilles in den 3. und 4. Primarklassen praktisch alternativlos bleibt. Denn auf dem Markt gibt es für Frühfranzösisch schlicht noch nichts anderes. Hinter den Kulissen laufen zwar Gespräche mit anderen Verlagen, doch so schnell steht kein neues Franzi-Lehrmittel bereit.

Etwas steht übrigens fest: Stimmt das Volk in einer Woche der Vorlage zu, wird die Starke Schule nicht noch mit einer Verbots-Initiative nachtreten. Alt Landrat Jürg Wiedemann hätte zwar eine solche fixfertig in der Schublade, inklusive 2000 Unterschriften. Auf Anfrage sagt er aber, dass diese gestorben sei, sobald der Bildungsrat auch wirklich andere Lehrmittel auf die definitive Liste packt. Und daran bestehen keine Zweifel. Daher wäre der lähmende Lehrmittelstreit tatsächlich beendet – zumindest in Baselland.

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