Krankenkasse

Das Ende einer Ära: Mister ÖKK Ralph Lewin tritt ab

25 Jahre lang hat Ralph Lewin die ÖKK/Sympany geprägt. Er hat sie saniert. Ihren Platz in der Krankenversicherungswelt sucht sie aber noch.ZvG

25 Jahre lang hat Ralph Lewin die ÖKK/Sympany geprägt. Er hat sie saniert. Ihren Platz in der Krankenversicherungswelt sucht sie aber noch.ZvG

Während 25 Jahren hat Ralph Lewin die Basler Krankenkasse geprägt – im Guten und im Schlechten. Wir haben Lewin gefragt, warum er nie in der Privatwirtschaft gearbeitet habe.

Da sind sie wieder, seine Arme. Wenn Ralph Lewin etwas ihm Wichtiges erzählt, scheinen sie länger zu werden. Plötzlich erobern sie den Raum vor, neben und über Lewin und unterstreichen – wie bei einem Dirigenten – jede Betonung. Es war ein persönliches Thema, das an diesem Morgen die Arme aktiviert hat. Wir haben Lewin gefragt, warum er nie in der Privatwirtschaft gearbeitet habe. Seit seinem Studienabschluss stand der heute 58-jährige Ökonom im Dienste des Staats oder von staatlich kontrollierten Firmen.

Für den Sozialdemokraten schloss sich mit dem alten Jahr ein Kapitel, das ihn wohl mehr geprägt hat als die zwölf Jahre, in denen Lewin Basler Regierungsrat war: Das Kapitel Sympany – oder ÖKK, wie die Basler Krankenkasse lange hiess. Formell gibt Lewin nach nur drei Jahren das Präsidium der Sympany-Stiftung ab. Doch davor war er während zwölf Jahren Präsident der ÖKK Basel. Und davor wiederum war er elf Jahre deren Geschäftsführer. Ohne Lewin gäbe es sie in ihrer heutigen Form nicht.

Dabei sollte die ÖKK eigentlich liquidiert werden. Ende der Siebzigerjahre war die Kasse mit 180 Millionen Franken verschuldet. Der Grosse Rat beschloss, sie aufzulösen und ihre Versicherten im Rahmen einer «Multifusion» an private Krankenkassen zu verteilen. Doch überraschend wurde eine Initiative der PDA angenommen, die eine Sanierung verlangte. Es fehlte nur noch der Chef.

Mit 33 Jahren an der Spitze

Zahlreiche Kandidaten sagten ab und so wurde irgendwann der junge Ralph Lewin angefragt, den man bereits ein wenig kannte, weil er als Vertreter der Sozialdemokraten in der ÖKK-Aufsichtskommission sass. Politisch war Lewin ein unbeschriebenes Blatt und auch sonst hatte er noch wenig vorzuweisen. Nach dem Studium hatte er zunächst zwei Jahre für die Nationalbank gearbeitet. Anschliessend vertrat er die Schweiz während zweier Jahre in Paris bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Lewin übernahm die Krankenkasse 1986 als 33-Jähriger und blieb bis zu seiner Wahl in die Regierung 1997. Dort hatte er als Wirtschaftsminister – und somit ÖKK-Präsident – erneut über die ÖKK zu befinden. Und die Aufgaben wurde nicht einfacher. Nicht mehr die Sanierung stand nun im Vordergrund, sondern die Frage, welche Rollen die staatlichen Kassen noch spielen sollten. Das Netz der ÖKKs, die es damals noch in der ganzen Schweiz gab, erodierte.

Heute hat auch Basel keine «Öffentliche» mehr. Aus der ÖKK wurde die Sympany, die mit einer privatrechtlichen Struktur – Eigentümerin ist eine Stiftung – und einer semipolitisch zusammengesetzten Aufsicht unterwegs ist. Das Management wurde ausgewechselt, mit Lewin geht einer der letzten Vertreter der alten Garde.

Die Bilanz der vergangenen Jahre ist durchzogen. Nicht reibungslos, aber glimpflich ging die Privatisierung über die Bühne. «Ohne Begeisterung» sagten 2008 alle Parteien Ja zum Auslagerungs-Gesetz. Der neue Name «Sympany» hat sich halbwegs etabliert, die Positionierung der Marke scheint gelungen. «Das war eine Zäsur», hält Lewin fest.

Kein Erfolg im Sachversicherungs-Geschäft

Doch einiges lief nicht, wie es sollte. Lewin sagt selber, die «vielen Wechsel» in der Chefetage seien «schwierig» gewesen. So sprang Ende 2010 etwa der interne Wunschkandidat für die Nachfolge des abtretenden CEO Beat Ochsner ab, weil sich der Stiftungsrat der Sympany nicht schnell genug entscheiden konnte. Im Mai übernahm dann Swiss-Life-Manager Ruedi Bodenmann.

Kein Erfolg war auch das 2009 lancierte Sachversicherungs-Geschäft. Nebst Kranken- und Unfallversicherungen versucht die Sympany, seither auch Auto- und Hausratversicherungen zu verkaufen. Doch kaum ein Kunde weiss davon. Die Kasse hat so wenige Policen verkauft, dass sie das Geschäft noch nicht einmal gesondert im Jahresbericht ausweist. Zu beschämend wäre die Bilanz.

Der Versuch einer Billigstrategie misslang ebenfalls. Auf Basis der Berner Krankenkasse 57 wollte Sympany mit «Moove Sympany» eine Billigkasse für so genannte «gute Risiken» aufbauen. Diese sollte eine Alternative zur tendenziell überalterten und teuren Stammkasse «Vivao Sympany» darstellen. Die 2-Marken-Strategie hat die Kasse inzwischen aufgegeben. «Man hätte die Kassen wohl komplett trennen müssen», konstatiert Lewin heute. «Vielleicht war das etwas hoch gegriffen.» Die merkwürdigen Untermarken «Vivao» und «Moove» wurden eingemottet, heute gibt es nur noch eine Sympany.

Die Kundenstruktur der Kasse hat sich etwas gebessert. Die Sympany ist Nettozahlerin im Risikoausgleich zwischen den Krankenversicherern; sie hat statistisch betrachtet ein überdurchschnittlich günstiges Publikum. Gleichzeitig gehört sie in Prämienvergleichen noch immer zu den teuersten am Markt. Die Risikostruktur sei zwar noch immer einer der Gründe dafür, sagt Lewin. Aber auch im Bereich der Verwaltungskosten könne man sich «noch verbessern».

Von der Partnerschaft nicht mehr viel übrig

Eines aber bereut Lewin, und das spürt man im Gespräch mit ihm. Dass das Projekt ÖKK gescheitert ist. Noch in den Neunzigerjahren suchte er eine Grossfusion aller öffentlichen Krankenkassen der Schweiz. Die ÖKK Basel bestimmte damals als grösstes Institut auch den nationalen ÖKK-Verband. Nur zu gerne hätte Lewin unter dessen Dach eine gemeinsame, schweizweite Krankenkasse gezimmert. «Es ist schade, dass das nicht zustande kam», sagt Lewin.

Immer mehr Kassen lösten sich vom Verband und machten unter neuen Namen weiter. Am Ende blieb eine Allianz aus der ÖKK Basel und der zweiten grossen ÖKK mit Sitz in Landquart. 2007 kam der formelle Bruch. Die Basler verkauften den Bündnern die Marke «ÖKK» und wandelten sich zur «Sympany». Aus dem ÖKK-Verband wurde eine lose Partnerschaft.

Inzwischen ist von der Partnerschaft nicht mehr viel übrig. Die Frage nach etwaigen Restanzen kann Lewin nicht beantworten. Es ist das einzige Mal im Gespräch mit dem «Sonntag», dass Pressesprecherin Anne Tschudin aushelfen muss. Doch auch sie findet nichts. «Höchstens ganz im Kleinen» arbeite man noch zusammen, sagt Lewin schliesslich. «Im Wesentlichen ist man heute separat unterwegs.»

Die Sympany hat sich danach noch mehrmals die Finger an ÖKK-Altlasten verbrannt. 2009 kaufte sie ohne eine genaue Prüfung der Bücher («Due Diligence») die marode Xundheit, die frühere Luzerner ÖKK. 1,6 Millionen Franken schrieb die Sympany bereits im ersten Jahr danach ab. Insgesamt bezifferte Sympany-Chef Ochsner den Sanierungsbedarf damals auf vier Millionen Franken. Praktisch gleichzeitig bot die Sympany um die Thurgauer Carena – auch sie eine frühere ÖKK, und auch sie stark angeschlagen. Vielleicht zum Vorteil der Basler scheiterte die Übernahme. Doch damit erlitt auch die Expansion in der Ostschweiz einen Rückschlag.

Der Sozialdemokrat Lewin

Die Episoden Xundheit und Carena hinterlassen Fragezeichen. War es der Wille zur Expansion, der die Sympany dazu brachte, um die beiden Sorgenfälle zu bieten? Wollte man der ÖKK Landquart entgegentreten? Oder spielte hier die Solidarität mit den Verwandten aus der einstigen ÖKK-Familie?

Auch Lewin verweist auf die Vergangenheit als ÖKK. «Wir hatten da schon eine gewisse Affinität, als sie uns anfragten», sagt er. Man habe jedoch nie beschlossen, über Akquisitionen wachsen zu wollen. «Wir sagten nur: Wir schliessen nichts aus.» Man habe aus den Fällen Xundheit und Carena «Lehren gezogen». Welche genau, bleibt unklar.

Lewins Welt ist irgendwie noch immer die ÖKK. Die privatisierte Sympany scheint ihm nicht ans Herzen gewachsen zu sein. «ÖKK – mit dem Ö» sagt er einmal. Hier spürt man den Sozialdemokraten Lewin, der sich in öffentlichen Strukturen wohler fühlt als in privaten, der die Kooperation dem Wettkampf vorzieht. Auch nach seinem Rückzug aus der Politik 2009 blieb Lewin dem halböffentlichen treu und nahm entsprechende Mandate an. Etwa als Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft. Oder als Bankrat der Basler Kantonalbank (BKB). Und über die jüdische Gemeinde wurde ihm das Präsidium der Jüdische Medien AG, die das Magazin «Tachles» herausgibt, angetragen.

Und da wären wir wieder bei der Frage nach Lewins Karriere. Warum er nie in der klassischen Privatwirtschaft gelandet sei, habe er sich «auch schon gefragt». In interessiere die Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik, sagt er. «Die gesellschaftliche Relevanz».

Selbst sein privatestes Mandat ist irgendwie noch staatsnah: Die Bank Coop, die von Lewin präsidiert wird, ist zwar an der Börse kotiert. Gleichzeitig gehört sie aber mehrheitlich der BKB. Dass ihn der damals frisch gewählte Andreas Albrecht (LDP) in dieses Amt hievte, war taktisch geschickt. Albrecht konnte es nicht mit Lewins Vorgänger Willi Gerster (SP). Die erneute Wahl eines Sozialdemokraten befreite Albrecht vom Vorwurf politischer Klüngelei.

Selber würde sich Lewin wohl auch nicht über die Partei definieren. Er habe immer wieder «Diskussionen» mit der SP gehabt, erzählt er. Etwa wenn es um die Auslagerung von Staatsbetrieben geht, von denen er sagt, dass man solche Unternehmen «nicht in Verwaltungsstrukturen» führen könne. Gleichzeitig habe er aber nie an der Parteimitgliedschaft gezweifelt. Die SP war kompatibel mit Lewins Lebenseinstellung, die von einem latenten Etatismus geprägt ist.

Trennung von Beruf und Privatleben

Und so sähe er sich denn auch nicht als Parlamentarier, der auch mal angreifen oder parteitaktische Spielchen spielen muss. «Im Parlament läuft immer alles unter Beobachtung», sagt Lewin. «In einer Regierung geht es hingegen oft auch einfach darum, Verwaltungsaufgaben möglichst effizient umzusetzen.» Da geschehe nicht alles unter dem Gesichtspunkt «Links-Rechts».

Dazu passt sein privates Auftreten. Lewin sieht man kaum an Prominentenanlässen, und in den Klatschkolumnen kommt er selten vor. Als er Regierungsrat war, sah man ihn regelmässig beim samstäglichen Familienzmittag im Manor-Restaurant. Und nicht in der Kunsthalle.

Seine Frau Paula, mit der er ein Reihenhaus im St.-Johann-Quartier bewohnt, kennt Lewin schon, seit er 18 Jahre alt war. Mit 25 hat er sie geheiratet, da war er noch an der Universität. Auch über sie ist wenig bekannt, ein paar wenige gemeinsame Fotos wurden publiziert. Die Trennung von Beruf und Privatleben habe immer gut funktioniert, sagt Lewin. Kaum je habe ihn jemand zu Hause belästigt. Dabei steht die Nummer ganz normal im Telefonbuch.

Eine Extravaganz gönnen sich die Lewins: eine Zweitwohnung in Paris. Sie ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als Lewin dort bei der OECD arbeitete. Seither fahre er drei- bis viermal im Jahr nach Paris, sagt er. Ab diesem Jahr wird er noch ein wenig mehr Zeit dafür haben. Das Sympany-Präsidium hat Lewin gegen ein Verwaltungsratsmandat der Universitären Psychiatrischen Kliniken ausgetauscht. Sein Arbeitspensum betrage so insgesamt noch 80 Prozent, schätzt er.

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