Fraumatt-Quartier

Das Haus der vereinten Nationen im Norden von Liestal

Im Fraumatt-Quartier im Norden Liestals leben mehr Ausländer als Schweizer und ein Drittel aller Sozialhilfebezüger der Stadt, das Gebiet gilt als Problemviertel. Doch wie sehen das die Menschen, die hinter den Betonfassaden der Fraumatt zu Hause sind?

In das Liestaler Fraumattquartier zu gelangen ist nicht einfach. Das Gebiet, durch die A22 getrennt vom Rest der Stadt, ist ein Labyrinth aus Fahrverboten, Sackgassen und Zubringer-Strassen. Es wirkt fast, als wolle das Quartier am Stadtrand Auswärtigen keinen Einlass gewähren.

Auch der Sichtbeton und die rot-braunen Ziegelsteine, die das Quartierbild prägen, wirken nicht einladend. Schafft man es doch, über Um- und Schleichwege in das Gewimmel aus Plattenbauten zu gelangen, ändert sich dieses Bild. Büsche, Grünflächen und blühende Bäume machen sich breit, wenn man im Schatten der Weiermatt-Blocks in die Fraumatt fährt.

Ebendiese Wohnblocks sind das Hauptmerkmal des Quartiers, das oft als Ghetto Liestals bezeichnet wird. Als sozialer Brennpunkt, als Parallelgesellschaft. Bereits von der Umfahrung sind sie gut sichtbar, die drei elfstöckigen Gebäude an der Weiermattstrasse. Doch zurzeit lenkt Farbe vom Grau und Braun des vordersten Blocks ab – viel Farbe.

   

105 Fahnen von Ländern der ganzen Welt hängen im Rahmen der Ausstellung «Visionen 19» (s. Textbox unten) an den Betonbrüstungen der Aussengänge. Begleitet werden die Flaggen von den Worten «all together», «alle zusammen» und «mir». Das Kunstwerk soll zeigen, dass in den Weiermatt-Häusern ein multikulturelles Zusammenleben stattfindet. Während die Stadt Liestal einen Ausländeranteil von 27 Prozent ausweist, sind es im Fraumatt-Quartier 51,7 Prozent, wie Stadträtin Regula Nebiker erklärt.

«Die Tamilen sind nett, aber ...»

Einer der Menschen, die hinter den Betonfassaden leben, ist Armin Eggimann. Der Schweizer wohnt im hintersten der drei Häuser. Und das schon fast so lange, wie es das Gebäude gibt. «Ich war einer der Ersten», erzählt er. Im Mai 1970 ist Eggimann in eine Wohnung an der Weiermattstrasse 2 gezogen. Seither ist er nicht mehr umgezogen, «wo soll ich denn sonst hin?» Heute lebt er mit seiner Frau in der Eigentumswohnung.

Dass die Fahnen am Nachbarblock mit den verschiedenen Nationalitäten der Bewohner zusammenhängen, habe er nicht gewusst. Aber er bestätigt, dass viele seiner Nachbarn Ausländer seien. «Je länger, desto mehr», betont er. Früher seien es hauptsächlich Italiener gewesen, heute eher Tamilen, Türken und Albaner, sagt er.

Die Tamilen, das seien die nettesten. «Mit denen habe ich nie Probleme», sagt Eggimann. «Mit den anderen», beginnt er, schüttelt kurz den Kopf und winkt ab. «Sie passen sich nicht an», antwortet er auf ein Nachhaken. Eggimann, der auch der Abwart des Hauses ist, berichtet von Lärmproblemen, Zigarettenstummeln am Boden und Hunden, die an Pflanzen urinieren. «Das geht nicht, hier bei uns muss Ordnung herrschen», sagt der Mann, der in seiner Wohnung Blankoformulare für Reklamationen bereithält. «Da braucht es einfach eine gewisse Härte», findet er.

Er betont aber, dass die Schweizer genauso schlimm seien, was Zigarettenstummel betrifft. Und gibt zu: «Überwiegend ist es schon friedlich. Diese Fälle sind Ausnahmen.» Erstaunt ist er darüber, wie gut es trotz der vielen Parteien in der Waschküche klappt: «Alle halten sich minutiös an den Waschplan», sagt er lachend.

Dass es im Fraumattquartier nicht weniger friedlich ist als an anderen Orten der Stadt, bestätigt Stadträtin Regula Nebiker: «Hier handelt es sich um ein Vorurteil. Tatsächlich gibt es keine speziellen Sicherheitsprobleme im Fraumattquartier.» Man habe aber gemerkt, dass sich die Menschen weniger verantwortlich fühlen für die Sauberkeit im öffentlichen Raum. «Das hat unter anderem mit der Bevölkerungsdichte in diesem Quartier zu tun», so Nebiker. Die Stadt sei daher in der Fraumatt stärker präsent.

  

Keine Probleme in Block 6

Nicht nur überwiegend, sondern sehr friedlich findet Carmine Picciocchi das Leben in der Fraumatt. Sie lebt seit 47 Jahren im Block mit der Hausnummer 6, wo momentan die Fahnen hängen.

Hier ist ein Aushang im Treppenhaus zu finden, der das Projekt erklärt. Er ist auf Deutsch verfasst, so wie alle anderen Aushänge in den Weiermatt-Blocks. «Toll, wirklich eine schöne Idee», meint die Italienerin zum Kunstwerk. Das würden auch ihre Nachbarn so sehen. Es gebe unter ihnen schon viele verschiedene Nationalitäten, aber von Problemen könne sie nicht berichten. «Alle kommen gut miteinander aus», sagt sie, und grüsst eine Frau, die aus dem Block spaziert. Sie grüsst sie beim Namen, so wie es hier alle tun. Der Bosnier den Schweizer, die Türkin die Spanierin. Trotz der vielen Wohnungen – pro Block sind es 70 – kennt man sich. Picciocchi entschuldigt sich, sie habe ihr Bügeleisen angelassen. Sie lacht und geht zum Lift zurück.

Sprayereien sind für Reiche

«Sie ist eine der wenigen Italienerinnen, die hier noch leben», erklärt Ernst Gebhard. Der Präsident des Quartiervereins kennt die Gegend wie kaum ein anderer. 25 Jahre lang war er Abwart im Fraumattschulhaus, seit seiner Pension lebt er gleich nebenan. Seit Jahrzehnten setzt er sich im Quartier ein. Das tut er auch heute noch, obwohl der Verein mittlerweile praktisch «inexistent» sei, wie er sagt. «Der Austausch unter den Bewohnern war früher viel stärker», findet er. Dies wünsche er sich für die Fraumatt wieder.

Was ihn aber noch immer freut, ist, dass es ordentlich und sauber sei. «Es gibt auch keine Sprayereien», betont er. Denn das sei etwas für Reiche. «Die Leute, die hier leben, können sich keine Spraydosen leisten.» Tatsächlich wohnt hier rund ein Drittel aller Sozialhilfebezüger der Stadt. «In diesem Quartier gibt es viele Menschen, die mit sehr wenig Geld durchs Leben kommen müssen», so Regula Nebiker. «Sie arbeiten in Niedriglohnjobs. Hier wohnt beispielsweise ein Grossteil des Putzpersonals der Kantonsverwaltung und des Spitals.»

Diese Statistiken geben zwar einen Einblick in das Leben in der Fraumatt, lassen sich aber nicht verallgemeinern. So lebt auch Elisabeth Augstburger, ehemalige Landratspräsidentin und Ständeratskandidatin, seit 35 Jahren im Quartier. Die Fraumatt sei für sie alles andere als ein Ghetto. «Es ist oft schwierig, ein solches Vorurteil aus den Köpfen der Menschen zu bringen», sagt sie. Die verschiedenen Nationalitäten seien eine Bereicherung.

«Das Kunstwerk ist eine geniale Idee, welche mich begeistert», so Augstburger. Auch sie habe sich schon mit dem Thema Integration beschäftigt: Sie war für ein Quartierzentrum zuständig, ein Pilotprojekt der Stadt. Heute wünscht sie sich eine bessere Durchmischung zwischen Schweizern und Ausländern. Und schlägt sogleich einen möglichen Ort dafür vor: «Der Weg, der über dem Schönthaltunnel verläuft, gibt gute Möglichkeiten, einander zu begegnen.»

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Autor

Kelly Spielmann

Kelly Spielmann

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