26. Pfeffinger Forum

Das hohe Ziel: Vollbeschäftigung trotz Digitalisierung

Bereits zum zweiten Mal war Bundesrat Johann Schneider-Ammann Gast am Pfeffinger Anlass. Das Thema «Chance Digitalisierung» liess niemanden kalt.

Hinkt die Schweiz in der Digitalisierung hinterher? Das mag vor Jahren so gewesen sein, aber heute spielen uns dank der hohen Innovationskraft sowie der hervorragenden Ausbildung und der hohen Qualifikation der Arbeitnehmer alle Faktoren in die Hände. Die grosse Frage stattdessen lautet: Können wir trotz Digitalisierung die Vollbeschäftigung erhalten?

Dies war eine der Botschaften, die Bundesrat Johann Schneider-Ammann am Montagabend als Hauptredner der diesjährigen Ausgabe des Pfeffinger Forums platzierte. Daher mache es keinen grossen Unterschied, wenn die Spätstarterin Schweiz nicht wie andere Länder spezialisierte Ministerien einrichtet, sondern die Digitalisierung mittels einer Vielzahl an Projekten und täglicher Praxis vorantreibt. Für Schneider-Ammann steht ausser Frage, dass «wir auch nach der vierten industriellen Revolution den Jungen Lehrstellen und eine Anstellung werden bieten können», sofern gewisse Voraussetzungen wie Investitionen in Bildung und Forschung erfüllt werden.

270'000 neue Jobs

Der Baselbieter Wirtschaftskammerdirektor Christoph Buser zitierte in seiner Patronats-Begrüssungsansprache eine Studie, die in der Nettoberechnung von 270'000 neuen Schweizer Jobs bis 2025 ausgeht. Verloren gegangene Beschäftigungssparten werden dank der Digitalisierung überkompensiert werden, folgerte Buser, darum sei es angebrachter, über die Chancen zu reden, als immer nur vor den Gefahren zu warnen. Noch besser: Das Job-Wachstum wird nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ ausfallen. Es wird laut Buser eine Zunahme an «good jobs» geben, welche die Firmen für qualifizierte Arbeitnehmer noch attraktiver machen.

In der Tat: Das diesjährige Pfeffinger Forum wurde seinem in Absprache mit Schneider-Ammann getroffenen Motto gerecht. Die «Chance Digitalisierung» wird wie ein Tsunami über die Schweiz kommen. Um für den angestrebten Vollbeschäftigungserhalt die Voraussetzungen zu schaffen, wird der Bundesrat 220 Millionen Franken für die Jahre 2019 und 2020 beantragen. Laut dem Wirtschaftsminister braucht es unter anderem eine Korrektur in der Bildungspolitik: «Schon bei den Kindergarten-Kindern muss das Interesse geweckt werden, nach der Primarschule wird es zu spät sein», folgerte Schneider-Ammann, und viele der rund 500 Zuschauerinnen und Zuschauer in der Pfeffinger Mehrzweckhalle nickten zustimmend. Wie üblich sassen im Publikum neben der fast vollständig vertretenen Baselbieter Regierung, dem Basler Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin und den Parlamentsspitzen der beiden Basel zahlreiche weitere Prominente aus Politik und Wirtschaft.

Baselland erfolgreicher

Johann Schneider-Ammann unterhielt diese mit einer gut einstudierten Tour d'Horizon und einer Vielzahl an Anekdoten und Fakten. So habe er kürzlich während einer Visite in Israel erfahren, dass 40 Prozent aller dortigen Digitalisierungs-Startups von Frauen geführt werden. In der Schweiz seien es dagegen nur 3 Prozent. «Hier herrscht also noch Handlungsbedarf», sagte der Bundesrat aus dem Emmental; um wenig später genüsslich anzumerken, dass seine Heimatregion an den jüngsten Berufsweltmeisterschaften zwei Medaillen geholt hat, davon eine goldene, und das Baselbiet "bloss" eine silberne. Allerdings sei er nicht in die erfolgreiche Wirtschaftsregion Nordwestschweiz gekommen, um den Firmen zu sagen, was sie zu tun hätten. Das wüssten diese schon längst, stellte Ammann-Schneider am vorangegangenen Mediengespräch klar. «Letzte Woche hat mir Herr Franz in Basel das Roche-Imperium gezeigt. Da fiel in jedem zweiten Satz das Wort Digitalisierung.»

Nicht mit Silicon Valley vergleichen

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde das Thema an einer Podiumsdiskussion vertieft. Auch hier ging es mehr um die eigenen Stärken als die Risiken. Selbst wenn der Direktvergleich mit dem auf der grünen Wiese entstandenen Silicon Valley oder dem chinesischen Handynetz zu Ungunsten der Schweiz ausfalle, weil diese zuerst bestehende Strukturen aufrüsten musste, gelte es, eine «Ehrrettung» vorzunehmen, wie der Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt betonte. Die Voraussetzungen seien hervorragend. Die Schweiz besitze mehrere «Geheimwaffen», so die ETH in Zürich und Lausanne, aber auch die Uni Basel, stellte der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser fest. Wenn jetzt wie gefordert bei der Grundlagenforschung gespart werden soll, könne man «gleich abdanken», folgerte Noser und erntete dafür spontanen Saalapplaus. Der Luzerner SVP-Nationalrat Franz Grüter appellierte seinerseits an die inländischen Investoren, mehr in die neuen Technologien zu investieren. Dass sich dies lohne, zeigten die positiven Beispiele: «Ein Viertel des europäischen Datenvolumens wird in der Schweiz gespeichert, dies wegen der stabilen Verhältnisse. Die Schweiz muss nicht alles kopieren, sie muss auf die eigenen Werte setzen», so Grüter weiter.

Umstritten blieb, wie sehr sich der Staat einmischen solle, wie Podiumsleiter und FHNW-Professor Philipp Hammel im Hinblick auf die von Johann Schneider-Ammann erwähnten 220 Millionen Digitalisierungs-Franken fragte. Für die Berner Grünliberale Kathrin Bertschy müssen die Investitionen in die Bildung unbestritten bleiben, aber das Risikokapital dürfe nur aus der Wirtschaft selbst kommen.

Einen Schlagabtausch lieferten sich schliesslich Corrado Pardini (SP-Nationalrat, Bern) und Grüter in der Frage der Elitenbildung. Diese mache die USA so stark, argumentierte der Luzerner SVP-Nationalrat, während Pardini beharrte, dass es in Zukunft mehr denn je darum gehen werde, dass gesellschaftlich niemand abgehängt werden darf. Die breite Grundausbildung für alle werde weiterhin der beste Weg bleiben, um die Digitalisierungschance erfolgreich zu packen.

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