Lokalhistoriker

Das Laufental 25 Jahre nach dem Kantonswechsel: «Die heutige Jugend kennt weniger Grenzen»

Linard Candreia.

Der SP-Landrat, Lehrer und Lokalhistoriker Linard Candreia findet, das Laufental sei nach 25 Jahren im Kanton Baselland angekommen.

Linard Candreia.

Als neutraler Beobachter analysiert Lokalhistoriker Linard Candreia das Laufental 25 Jahre nach dem Kantonswechsel.

Seit dem Wechsel des Laufentals vom Kanton Bern zum Baselbiet sind 25 Jahre vergangen. Ein Vierteljahrhundert, in dem sich der Bezirk Laufen stark verändert hat. Den Abstimmungskampf hat Linard Candreia damals von neutraler Warte aus in Ilanz verfolgt. Der Bündner zog erst im Jahr 2003 mit seiner Familie ins Laufental und ist unbelastet von den einstigen Streitigkeiten.

Als Lokalhistoriker, Lehrer am Progymnasium Laufental-Thierstein und SP-Landrat kennt er den Bezirk jedoch sehr gut. Als Abschluss der bz-Serie zum Kantonswechsel äussert er sich zu den Auswirkungen des Anschlusses an das Baselbiet. Candreia erklärt, wie die Laufentaler Jugend mit der Vergangenheit des Tals umgeht.



 

Herr Candreia, der Kantonswechsel des Laufentals ist 25 Jahre her. Ist der Bezirk Laufen im Baselbiet angekommen?

Linard Candreia: Ich bin klar der Ansicht, dass das Laufental im Kanton Baselland angekommen ist. Die einstigen Ressentiments gegenüber Neuerungen sind kaum mehr vorhanden. Der Bezirk ist heute einer der fünf Baselbieter Bezirke, und nicht mehr der spezielle Bezirk, der er einst war.

Woran machen Sie das fest?

Der Bezirk wird im Kanton ernst genommen, was sich etwa bei der Abstimmung über die beiden Deponien in Zwingen und Blauen zeigte. Hier konnte das Laufental auf die Solidarität vieler Baselbieterinnen und Baselbieter zählen. Wir waren wiederum solidarisch mit den Oberbaselbietern bei der Abstimmung über das Läufelfingerli. Ich denke, in den Baselbieter Randregionen ist das Verständnis gewachsen, dass man sich in einer ähnlichen Lage befindet. Vor allem in den letzten Jahren geht es zudem vorwärts mit dem Laufental: Wir verzeichnen einen Zuwachs an Einwohnern und erleben ein Wirtschaftswachstum.

Denken Sie, die Aufmüpfigkeit der Laufentaler, die beim Kampf gegen die Deponien und für das Laufner Spital zum Vorschein kam, ist eine Folge der Laufental-Frage?

Das mag sein. Der Laufentaler ist durch seine Geschichte politisiert und handelt sofort, wenn er ein Problem erkannt hat. Er verhält sich kritisch-konstruktiv. Wenn man die Vergangenheit des Laufentals betrachtet, stellt man fest, dass der Widerstand gegen die Obrigkeiten schon viel früher begann. Ich denke an die Zeit des Fürstbistums Basel, dem das Laufental bis zum Wiener Kongress 1815 angehörte. Damals rebellierten einige Laufentaler unter der Führung des Dittingers Hans Tschäni während der Landestroubeln gegen den Bischof.

Es gibt jedoch auch Stimmen, die behaupten, die Laufentalerinnen und Laufentaler seien stur und ein bisschen hinterwäldlerisch.

Diesen Eindruck teile ich nicht. Ich empfinde die Laufentaler als offen gegenüber Zuzügern und gegenüber Neuem. Vielleicht sind sie sogar ein wenig offener als die Oberbaselbieter. Meine Familie erfuhr die Offenheit am eigenen Leib, als wir uns niederliessen.

Mit welchen Erwartungen an das Laufental und seine Einwohner kamen Sie damals hierher?

Als im Jahr 1993 die restliche Schweiz über den Kantonswechsel des Laufentals abstimmte, wohnte ich noch in Graubünden. Ich verfolgte das Geschehen im Bezirk Laufen mit viel Interesse und thematisierte es auch im Staatskundeunterricht, den ich damals gab. Vor 15 Jahren hatte ich zwei Angebote von Baselbieter Schulen: eine in Liestal und Laufen. Ich entschied mich vor allem aufgrund der Nähe zur französischsprachigen Schweiz für das Laufental. Seither unterrichte ich am Progymnasium Laufental-Thierstein Sprachen und Geschichte.

12. November 1989: Rede von Martin Tschan

12. November 1989: Rede von Martin Tschan

Haben Sie in Ihrem Geschichtsunterricht in Laufen die Laufental-Frage auch schon thematisiert?

In der Lokalgeschichte komme ich nicht um das Thema herum. Ich versuche jedoch, den Bogen zu ziehen vom Fürstbistum Basel über den Kulturkampf zwischen Liberalen und Konservativen Ende des 19. Jahrhunderts bis zur sogenannten Moeckli-Affäre 1947. Damals weigerte sich der Berner Grosse Rat, dem aus dem Jura stammenden Regierungsrat Georges Moeckli die Baudirektion anzuvertrauen. Die Affäre gilt als Initialzündung für die spätere Gründung des Kantons Jura. Für mich ist bei der Laufental-Frage wichtig, gleich viele Argumente, die für und gegen einen Kantonswechsel sprachen, in meinen Unterricht einzuflechten.

Ist bei Ihren Schülerinnen und Schülern ein Wissen über den Kantonswechsel vorhanden?

Meine Schülerinnen und Schüler sind nach dem Kantonswechsel geboren, und für sie sind die heissen Jahre des Abstimmungskampfs sehr weit weg. Ich war vor einigen Jahren mit einer Klasse im Baselbieter Staatsarchiv in Liestal. Dort sind einige Videos aus der damaligen Zeit archiviert. Einige Schüler erkannten auf den Aufnahmen ihre Eltern und Grosseltern. Da wurde die Geschichte lebendig. Aber grundsätzlich wissen die Jungen wenig über die damaligen Streitigkeiten.

Tagesschau vom 12. November 1989 – Abstimmungsergebnis

Tagesschau vom 12. November 1989

Sie sind häufig in den Gemeinden des Laufentals unterwegs und sprechen mit der Bevölkerung. Denken Sie, die Laufental-Frage ist heute noch ein Thema bei den Menschen?

Grösstenteils sprechen die Laufentaler nicht mehr darüber. Ich bin jedoch immer vorsichtig, wenn es um dieses Thema geht, da die Emotionen schnell wieder hochkochen können. Es kann eine Art der Vergangenheitsbewältigung sein, den Kantonswechsel nicht mehr anzusprechen. Andere haben wiederum einen offeneren Umgang mit der Vergangenheit. Bei den Jungen ist die Laufental-Frage kein Thema mehr.

Im Abstimmungskampf mobilisierten auch Laufentaler Jugendliche auf beiden Seiten. Sind Sie der Ansicht, die heutige Jugend würde sich engagieren, wenn heute ein Kantonswechsel anstehen würde?

Die heutige Jugend kennt weniger Grenzen. In den letzten 25 Jahren wurde die Bevölkerung noch mobiler und die Grenzen zwischen den Kantonen verschwammen immer mehr. Gerade im Laufental gibt es einige bikantonale Institutionen wie das Gymnasium in Laufen. Auch die Zusammenarbeit zwischen dem Baselbieter Laufental und dem Solothurner Schwarzbubenland funktioniert vielerorts gut. Wenn es heute darum gehen sollte, Kantone zu fusionieren, dann sollte man gleich einen Kanton Nordwestschweiz ins Auge fassen.

Die Schweiz blickt derzeit nach Moutier, wo die Abstimmung über den Kantonswechsel annulliert wurde. Was kann Moutier von den Ereignissen im Laufental lernen?

Zuerst einmal fallen die vielen Parallelen zwischen der Situation im Laufental und Moutier auf: Die Bevölkerung ist in zwei etwa gleich grosse Lager gespalten. Zudem kam es an beiden Orten zu einer Annullierung der Abstimmung. Ich wünsche Moutier saubere demokratische Prozesse, was schlussendlich die Stärke unseres Landes ausmacht. Zu viele Emotionen über längere Zeit hemmen die guten Entwicklungen.

 

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