Knapp 60 000 Menschen leben im Leimental, ein Fünftel der Baselbieter Bevölkerung. Als einziges längeres Tal des Kantons verfügt es aber weder über eine Hochleistungsstrasse noch über eine Bahn. Das Trassee der früheren Birsigtalbahn, auf dem heute die BLT-Tramlinien 10 und 17 verkehren, stammt im Wesentlichen von 1887. «Man hat es über Jahrzehnte verschlafen, die öV-Infrastruktur adäquat auszubauen», sagt der Oberwiler CVP-Landrat Pascal Ryf. Das Tal sei stiefmütterlich behandelt worden, obwohl die finanzstarken Leimentaler Gemeinden umgekehrt viel Geld in den Finanzausgleich pumpten.

Ryf fordert nun den grossen Wurf: den Bau eines S-Bahn-Asts vom Basler Bahnhof SBB ins Leimental. Die Idee ist in der Vergangenheit vage diskutiert worden; erstmals überhaupt kommt dazu nun aber ein konkreter Vorstoss ins Baselbieter Parlament. Ryf wird seine Idee an der Landratssitzung vom 29. August lancieren.

Tram-Barriere 32 Mal pro Stunde geschlossen

Das Unterfangen darf als kühn bezeichnet werden: Eine Leimentaler S-Bahn würde mehrere hundert Millionen Franken kosten. Da die Flächen zwischen Binningen und Therwil in den vergangenen Jahren ziemlich zugebaut wurden, müsste die neue Bahnstrecke wohl zwingend unterirdisch geführt werden. Das kostet.

Dennoch müsse nun die Planung an die Hand genommen werden, fordert Ryf. Im Tal behindern sich Tram- und Autoverkehr gegenseitig. Ein Beispiel ist der Bahnübergang an der Bahnhofstrasse in Therwil: Zu Stosszeiten ist die Barriere dort 32 Mal (!) pro Stunde geschlossen. Der Ende Juni abgetretene Therwiler SVP-Landrat Hans-Jürgen Ringgenberg fordert dort eine Unterführung fürs Tram.

Pascal Ryf anerkennt zwar diese und andere Bemühungen zur Lösung der Probleme, findet aber: «Das ist letztlich alles Flickwerk. Solche Projekte kosten auch – und erzielen doch nicht den vollen Effekt.»

Beim Kanton scheint man hingegen just auf diese Pflästerlipolitik, wie es Ryf nennt, zu setzen. «Eine S-Bahn im Leimental war in den Planungen des Kantons bisher kein Thema», betont die Baselbieter öV-Delegierte Eva Juhasz. Um ein S-Bahn-Projekt ernsthaft zu lancieren, müsste dieses schon einen deutlich höheren Nutzen bringen als das Tram. Dies sei zumindest fraglich. Das Tram würde der Bund nach dem Bau einer S-Bahnlinie nicht mehr finanzieren, gibt Juhasz zu bedenken. Die BLT-Linien 10 und 17 werden heute im Leimental wegen des Überlandcharakters rechtlich als Bahn behandelt.

«Circle Line» zwischen Birs- und Leimental

Bei der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) setzt man daher auf die Aufwertung der beiden Linien zum Expresstram. Der Fahrzeitgewinn beträgt rund 5 Minuten. Das Projekt kostet 14 Millionen Franken und ist im Bahn-Ausbauschritt 2035 des Bundes enthalten. Der vom Kanton beschlossene Doppelspurausbau beim Spiesshöfli in Binningen stellt eine wichtige Vorbedingung dar. Ebenfalls vorantreiben will die BUD die Idee einer Tramspange zwischen Therwil und Dornach. Damit erhielte der Kanton – erstmals überhaupt – eine schienengebundene Tangentiale. Laut Juhasz wird das Tiefbauamt nun eine Machbarkeitsstudie zur neuen öV-Verbindung ausarbeiten.

CVP-Landrat Ryf begrüsst diese Bemühungen. Er fordert allerdings, diese anstatt als Tram gleich als unterirdische S-Bahn zu planen. «Das bringt der Bevölkerung und der Wirtschaft in den betroffenen Gemeinden mehr – und verhindert umgekehrt einen weiteren Landschaftsverschleiss in dem ohnehin dicht besiedelten Gebiet.» Dadurch ergäbe sich eine Ring-S-Bahn – eine «Circle Line» – die das Leimen- und Birstal mit dem Basler Bahnhof SBB verbindet.

Vorstoss hat im Landrat gute Chancen

Ryfs S-Bahn-Postulat wird vom Landrat mit grosser Wahrscheinlichkeit überwiesen. SP-Vertreter haben laut Ryf bereits Zustimmung signalisiert. Auch für die Grünen-Landrätin und ehemalige Oberwiler Gemeindepräsidentin Lotti Stokar ist klar: «Die S-Bahn-Idee muss man sicher prüfen.» Auch, um die wegen der Planung der Umfahrung Reinach wiederaufgeflammten Diskussionen um eine Südumfahrung im Leimental im Keim zu ersticken.

Für Stokar, die jahrelange Präsidentin der Verkehrskommission Leimental, wirkt die S-Bahn-Idee dennoch etwas illusorisch. Und sie führt noch einen grundsätzlichen Einwand gegen eine bessere Erschliessung an: «Gerade weil es im Leimental keine Eisenbahn und Hochleistungsstrasse hat, ist die Wohnqualität so hoch.»