1. Ende November könnte die S9 ihr Todesurteil erhalten. Was ist eigentlich das viel diskutierte Läufelfingerli?

Die S9, das sogenannte Läufelfingerli, ist ein Regionalzug zwischen Sissach und Olten. Die Bahn verkehrt auf der alten Hauensteinlinie, einer der ältesten Eisenbahnstrecken der Schweiz und Verbindung der Region Basel mit dem Mittelland. Bekannt ist die Linie vor allem für das malerische Viadukt in Rümlingen. 

Die rund 20 Kilometer lange Strecke wurde im Jahr 1858 komplett in Betrieb genommen. Mit dem Bau einer neuen Eisenbahnstrecke durch den Hauenstein-Basistunnel verlor die Linie jedoch an Bedeutung. Heute fährt das Läufelfingerli einmal pro Stunde und hält an den Stationen Sissach, Diepflingen, Sommerau, Rümlingen, Buckten, Läufelfingen, Trimbach und Olten. In den meisten Ortschaften befinden sich die Bahnhöfe am Hang, während derjenige in Läufelfingen mitten im Dorf ist. 

Aufgrund seiner langen Geschichte und starken Verwurzelung ist das Läufelfingerli im Homburgertal für viele Menschen nicht mehr wegzudenken. Wie das Waldenburgerli im Waldenburgertal wird es oft als Lebensader bezeichnet und als wichtiger Standortfaktor angesehen.

Bis in die 1950er-Jahre verkehrte das Läufelfingerli mit einer Dampflokomotive.

Volldampf voraus

Bis in die 1950er-Jahre verkehrte das Läufelfingerli mit einer Dampflokomotive.  

2. Wieso stimmen wir über eine Stilllegung der S9 ab?

Trotz der vielen Sympathiebekundungen ist die Auslastung des Läufelfingerli seit Jahren gering und der Zug hat einen sehr tiefen Kostendeckungsgrad. Selbst zu Hauptverkehrszeiten ist meist ein Grossteil der Plätze in der S9 nicht belegt. Am meisten Passagiere steigen in Läufelfingen ein und aus – 520 pro Tag. 

Schafft man das Läufelfingerli ab, könnte der Kanton Baselland 840'000 Franken pro Jahr einsparen. Zudem würde so die Pauschale, die das Baselbiet jährlich in den Bahninfrastrukturfonds einzahlt, um rund 400'000 Franken sinken. Der Kanton Solothurn, auf dessen Boden ein Fünftel der Strecke liegt, müsste wiederum pro Jahr 140'000 Franken weniger ausgeben. Solothurn hatte verlauten lassen, eine Stilllegung mitzutragen, falls sich die Kosten nicht erhöhen. Der Solothurner Kantonsrat wird sich jedoch erst im Jahr 2019 mit der Zukunft der Linie von Sissach nach Olten beschäftigen.   

In der S9 gibt es häufig viele freie Plätze.

Gewohntes Bild

In der S9 gibt es häufig viele freie Plätze. 

 

Die Aufhebung des Regionalzugs ist Teil des 8. Generellen Leistungsauftrags (GLA) des Kantons Baselland für den öffentlichen Verkehr und würde auf den Fahrplanwechsel 2019/2020 in Kraft treten. Der Baselbieter Landrat beschloss in diesem Frühjahr, das Läufelfingerli stillzulegen. Gegen den Entscheid wurde das Referendum ergriffen, weshalb das Stimmvolk nun das letzte Wort hat. Die beiden Ziffern des GLA, welche die Finanzbeschlüsse für die Jahre 2020 und 2021 betreffen, kommen an die Urne.  

Es ist nicht das erste Mal, dass die S9 bedroht ist. Bereits 1998 und 2005 gab es Bestrebungen, das Läufelfingerli abzuschaffen. Zuerst von Solothurner, dann von Baselbieter Seite. Beide Male scheiterte das Vorhaben. 

3. Was passiert, wenn sich das Stimmvolk am 26. November für ein Ende des Regionalzugs ausspricht? 

Stimmt eine Mehrheit der Baselbieterinnen und Baselbieter den beiden Ziffern des GLA zu, wird das Läufelfingerli stillgelegt und durch Busse zwischen Sissach und Olten ersetzt. Um die S9 zu erhalten, müssen die Abstimmenden also ein Nein in die Urne legen. Möchten sie eine Aufhebung des Zugs, schreiben sie ein Ja auf den Stimmzettel.

Kommt es zum Busbetrieb, wird neu geschaffene Buslinie 110 zusätzlich zu den Stationen der S9 auch in Thürnen, dem Solothurner Wisen und auf dem Hauenstein halten. Die derzeit existierende Zug-Haltestelle Sommerau wird jedoch aufgehoben.

Das Läufelfingerli an der Haltestelle der Solothurner Gemeinde Trimbach

Verbindung ins Mittelland

Das Läufelfingerli an der Haltestelle der Solothurner Gemeinde Trimbach

Zu Stosszeiten werden die Busse im Halbstundentakt über den Hauenstein fahren, sonst im bisher geltenden Stundentakt. Eine komplette Fahrt dauert rund doppelt so lange, wie dies bis anhin mit dem Läufelfingerli der Fall ist. «Der Zug ist zwar schneller als der Bus», räumt die zuständige Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion ein. Die längeren Fahrzeiten könnten jedoch durch den kürzeren Anmarschweg zu den Haltestellen und die verbesserten Anschlüsse in Sissach und Olten «für die Mehrheit der Nutzer kompensiert werden». Der vor allem zu Hauptverkehrszeiten auftretende Stau in Olten ist in die Fahrzeit miteinberechnet. 

Die alte Hauensteinlinie wird auch bei einer Stilllegung des Läufelfingerli weiterhin unterhalten werden müssen. Als Ausweichroute für den Hauenstein-Basistunnel und für Gütertransporte bleibt die Strecke bestehen. 

4. Die Baselbieter Regierung und der Landrat sind für eine Aufhebung der S9. Wer engagiert sich für einen Verbleib des Regionalzuges?

Dass es zu einer Volksabstimmung kommt, ist das Verdienst des Baselbieter Referendumskomitees gegen eine Stilllegung des Läufelfingerli. Die Vereinigung sammelte insgesamt 5368 Unterschriften für den Erhalt der S9. Damit ein Referendum zustande kommt, wären bloss 1500 Unterschriften nötig gewesen.

Dem Komitee gehören zahlreiche National- und Landräte aus dem ganzen Kanton an. Die meisten stammen jedoch aus dem Oberbaselbiet und einige aus den betroffenen Gemeinden. Unter anderem engagieren sich Claude Janiak, Thomas de Courten, Maya Graf, Myrta Stohler und Caroline Mall für den Regionalzug. Der Läufelfinger Gemeindepräsident Dieter Forter gehört zu den vehementesten Verfechtern des Zuges. 

Um auf sich aufmerksam zu machen, veranstalteten die Befürworter am 15. Oktober als Start ihres Abstimmungskampfs eine Landsgemeinde in Rümlingen. Rund 900 Personen machten ihrem Ärger über die Pläne des Kantons Baselland lautstark Luft und liessen zum Abschluss zahlreiche Ballons in den Himmel steigen. 

'S Läufelfingerli (Buckterlied)

Stimmgewaltig

Der Chor Buckten singt für das Läufelfingerli. 

Im Solothurnischen hat sich bereits vor dem Baselbiet ein Komitee für das Läufelfingerli gebildet, dem rund 30 Kantonsrätinnen und Kantonsräte angehören. Darunter auch der Trimbacher Gemeindepräsident Karl Tanner. 

5. Welche Argumente sprechen gemäss den Zug-Befürwortern für einen Erhalt des Bahnbetriebs?

«Es ist eine umweltfreundliche, menschenfreundliche, wirtschaftsfreundliche und – auch das darf gesagt sein – eine historisch bedeutsame Bahn. Die schafft man nicht einfach so ab», schreibt das Referendumskomitee. Die billigste Lösung sei, wie so oft im Leben, nicht immer die beste. 

Die momentane Bahnverbindung durch den Hauensteintunnel sei wintersicher, pünktlich und komfortabel. Im Zug gebe es genügend Platz für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder. Die Haltestellen der S9, die erst vor wenigen Jahren saniert wurden, verfügen alle über eine Blindenmarkierung und einen ebenerdigen Einstieg. Es sei nicht effizient, eine bestens ausgebaute Bahnlinie zu haben und sie nicht zu benutzen. Ebenso mache es aus Sicht des Umweltschutzes keinen Sinn, den Verkehr von der Schiene auf die Strasse zu verlegen. 

Läufelfingerli-Befürworter auf dem Weg zur Landsgemeinde.

Kämpfen für die S9

Läufelfingerli-Befürworter auf dem Weg zur Landsgemeinde. 

Das Komitee ist sich sicher, dass eine Aufhebung der Bahnverbindung das Homburgertal vom Mittelland abhängen würde. «Das wäre für die steuerzahlenden Einwohner, die jenseits des Juras ihrer Arbeit nachgehen, fatal.»

6. Wie werden sich die Baselbieter am 26. November entscheiden? 

Schon lange war im Kanton Baselland keine Abstimmung mehr derart emotional aufgeladen wie jene zur S9. Der Ausgang ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig offen. 

Gerade im Nachgang zum abgelehnten Margarethenstich, bei dem ein öffentliches Verkehrsprojekt deutlich abgelehnt wurde, ist es schwierig zu sagen, wie sich die Baselbieterinnen und Baselbieter entscheiden. Es ist nicht klar, ob sie den Erhalt eines historischen und identitätsstiftenden Zuges oder die mit einer Stilllegung verbundenen Einsparungen höher gewichten werden. 

Im Gegensatz zu den Befürwortern einer Aufhebung setzen sich die Gegner seit Wochen öffentlichkeitswirksam in Szene. Plakate, auf denen sie mit dem typischen Motiv des über das Rümlinger Viadukt fahrenden Läufelfingerli für eine Aufrechterhaltung des Zugbetriebs werben, hängen im ganzen Kanton. In mehreren grösseren Ortschaften des Baselbiets führten sie Standaktionen durch. 

Nimmt man die lediglich die Landsgemeinde als Gradmesser, wird sich das Stimmvolk für einen Erhalt der S9 aussprechen. So nahm der Abstimmungskampf der Gegner von Deponien im Laufental durch die Landsgemeinde in Zwingen erst richtig Fahrt auf. Das Baselbieter Stimmvolk lehnte letztlich die Deponien ab – fast auf den Tag genau ein Jahr vor dem Plebiszit über das Läufelfingerli. 

Das Läufelfingerli gibt es auch im Mini-Format

Fahrt über das Viadukt

Das Läufelfingerli gibt es auch im Mini-Format