Sissach

Das nächste Baselbieter Bierdebakel: Die Brauerei Farnsburg steht vor dem Aus

Die Farnsburger Flaschen haben Sammlerwert. Bier wird seit März keines mehr produziert.

Die Farnsburger Flaschen haben Sammlerwert. Bier wird seit März keines mehr produziert.

Die Sissacher Brauerei Farnsburg steht vor dem Aus. Eines der Problem war unter anderem, dass man die Wirte nicht für sich gewinnen konnte. Als letzte Chance wird der Brauerei nun eine Nachlassstundung gewährt.

Auf der Ebene Dorfliga funktioniert das Bierbrau-Gewerbe offensichtlich. Denn im Baselbiet existieren über drei Dutzend Kleinst- und Kleinbrauereien, wie diese Zeitung im August berichtete. Eine Liga höher aber harzt es. Beide vor ein paar Jahren mit viel Enthusiasmus und Vorschusslorbeeren gestarteten mittelgrossen Brauereien sind Geschichte oder zumindest fast Geschichte: Die Baselbieter Brauerei in Ziefen strich ihre Segel im März 2018, die Brauerei Farnsburg in Sissach befindet sich jetzt kurz vor Abpfiff in der Verlängerung, um in der Fussballsprache zu bleiben.

Das Zivilkreisgericht Basel-Landschaft Ost hat der Aktiengesellschaft die provisorische Nachlassstundung bis Mitte März 2021 gewährt, wie kürzlich im Schweizer Handelsamtsblatt zu lesen war. Als Sachwalterin setzte das Gericht die Firma Urs Baumann & Partner in Reinach ein.

Zuerst Geldmangel, dann Strategiefehler

Mitbegründer der Brauerei Farnsburg war 2011 alt Staatsarchivar Matthias Manz, der bis 2018 auch im Verwaltungsrat sass. Manz sagt, dass das Ganze gescheitert sei, weil man zuerst auf der Suche nach dem richtigen Standort Geld verloren und dann mangels Umsatz die Gewinnschwelle nicht erreicht habe. Dies sei zu seiner Zeit nicht gelungen, «und schon gar nicht mit den verschiedenen Strategien danach».

Damit spielt Manz auf den Zickzack-Kurs an, der die Brauerei noch weiter vom Erfolgsweg abbrachte. 2018 machte die Sissacher Brauerei eine strategische Todsünde: Sie missachtete die bisherige Farnsburger Philosophie «aus der Region für die Region» und begann, in grosser Zahl Dosenbier in Deutschland herzustellen. Das erwies sich schon bald als Flop.

Dann stieg Markus Haubensak als Geldgeber und grosser Hoffnungsträger ein; heute ist er noch der einzige Verwaltungsrat. Und das Steuer wurde herumgerissen. Neu wollten die Verantwortlichen das Farnsburger Bier «im Premium-Segment» positionieren und erhöhten die Preise um teils mehr als das Doppelte, wie die «Volksstimme» im Sommer 2019 berichtete. Auch das erwies sich als Flop und läutete das Ende ein: Seit letztem März wird kein Farnsburger Bier mehr produziert; es floss knapp vier Jahre lang. Inzwischen wurden auch die Produktionsanlagen abgebaut und die zentral in Sissach gemieteten Räumlichkeiten geleert.

Teufelskreis konnte nicht durchbrochen werden

Frage an alt Verwaltungsrat Matthias Manz: Wieso hat man denn die Gewinnschwelle nie erreicht? «Das ist ein Stück weit ein Teufelskreis. Das Brauerei-Geschäft ist ab einer gewissen Grösse kapitalintensiv und braucht hohe Umsätze, um selbsttragend zu werden. Aber zur Marktbearbeitung fehlte uns wiederum das Geld.» Sprich: Umsätze kann man in der Bierbranche vor allem über die Gastronomie erzielen.

Um die Wirte fürs eigene Bier zu gewinnen, gewähren ihnen Brauereien Betriebskredite und finanzieren Installationen und Werbemassnahmen. Dazu Manz: «Diese Nebenleistungen sind sozusagen die Eintrittsschwelle. Wir erzielten aber zu wenig Umsatz, damit wir solche hätten bezahlen können. Wir dachten, es wäre einfacher, an die Zapfhähnen zu kommen.» Die Zapfhähnen sind im Gastgewerbe das Mass aller Bierbrauer. Denn aus ihnen fliesst der Gerstensaft vor allem; das Flaschen-Geschäft ist zweitrangig.

Manz bedauert: «Die Brauerei war ein Herzensprojekt von mir, für das ich mich mit dem Verwaltungsrat und den Aktionärinnen und Aktionären jahrelang eingesetzt habe. Der Misserfolg schmerzt mich.» Nicht äussern will sich offenbar der aktuelle Verwaltungsrat Markus Haubensak. Obwohl Mitarbeiterinnen von ihm mehrfach versicherten, er werde bald zurückrufen, war gestern nichts zu hören von ihm.

Jetzt hat Urs Baumann die Fäden in der Hand

Ob der Misserfolg total ist und in einem Konkurs endet oder ob die kurze Geschichte des Farnsburger Biers in irgendeiner Weise weitergeht, hängt nun zu einem guten Stück vom Geschick von Sachwalter Urs Baumann ab. Der Ökonom und alt CVP-Landrat war gestern für die bz nicht erreichbar. Gegenüber der «Volksstimme» sagte er letzte Woche, dass weniger als 50 Gläubiger vorhanden seien. Zu deren Forderungen konnte er keine Angaben machen.

Baumann wird nun versuchen, mit allen Gläubigern über einen Teilverzicht zu verhandeln. Damit ein Weiterbestand der Firma durch Schuldenerlass zustande kommt, muss mindestens die Hälfte der Gläubiger einverstanden sein. Eine zusätzliche Hürde ist, dass diese zusammen zwei Drittel der geschuldeten Summe repräsentieren müssen. Kaum noch Geld könnten die 860 Farnsburg-Aktionäre erwarten, sagte Baumann der «Volksstimme».

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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