Sie liessen sich von nichts erschüttern: nicht einmal von den Franzosen, die 1789 das ganze Tal verwüsteten. Auch die vielen tiefen Gräben, welche die Elektrifizierung, die Trinkwasserleitungen, die Kanalisation, die Einfamilienhäuschen mit sich brachten, liessen sie kalt. Doch nun ist fertig. Eine banale Bohrung für Erdwärmesonden für ein höher gelegenes Einfamilienhaus hat Ende Februar die beiden Brislacher Brunnen in der Ecke Breitenbachstrasse/Holzgasse schlagartig trockengelegt.

Dafür scheint eine unerschöpfliche Quelle für juristische Auseinandersetzungen entstanden zu sein. Die Gemeinde Brislach bestehe darauf, dass die beiden Brunnen wieder zum Laufen gebracht werden, sagt Brunnmeister Christian Jeger. Wer für den Schaden aufkommen wird, wird sich weisen. Das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) habe eine Bewilligung erteilt mit der Auflage, dass die Bohrung bei grösseren Wasserzutritten zu beenden sei, sagt Dominik Bänninger vom AUE und fügt an: «Haftbar für Schäden, die durch den Bau und den Betrieb der Anlage entstehen, ist der Bewilligungsinhaber.»

Die Firma EBL Wärmesysteme, welche die Bohrung vornahm, hat ihrerseits die Sachlage analysiert. «Die Bohrung wurde mit der nötigen Sorgfalt durchgeführt, es ist kein Fehler ersichtlich», sagt Dieter Schmidlin. Sie hätten vom Kanton die Bewilligung erhalten und gehandelt wie immer. Eine Versicherung für derartige Schadensfälle gebe es nicht.

Notwasser, nicht Nostalgie

300 Jahre lang haben die Brislacher und ihr Vieh sich an den beiden Brunnen gelabt und nun wurden diese von einer Erdbohrung k. o. geschlagen. Wer denkt, so ein Laufbrunnen mit eigener Quelle habe nur für Nostalgiker eine Bedeutung, der wird von Jeger eines Besseren belehrt: «Brislach ist auf die beiden Brunnen angewiesen. Sie sind Teil des Notwasserkonzeptes, das die Gemeinde auf Anordnung des Kantons hin erarbeitet hat.» Denn die Quelle ist so gut, dass in den beiden Brunnen selbst im Rekordsommer 2003 immer Wasser lief.

Auch der stellvertretende Kantonsarchäologe Andreas Fischer sagt klar: «Es gibt nicht so viele alte Wasserwerke, die noch immer genutzt werden. Es sind schützenswerte Kulturdenkmäler.» Dabei sind die Brunnen samt Brunnstube weder bei der Archäologie Baselland noch bei der kantonalen Denkmalpflege registriert. Letztere hat kein kantonales Tiefbauinventar. Zudem seien beim Kantonswechsel nicht sehr viele Dokumente von Bern nach Liestal gelangt, erklärt der stellvertretende kantonale Denkmalpfleger Walter Niederberger. Fischer bestätigt das. Die Kantonsarchäologie wisse bedenklich wenig über Fundstellen im Laufental und könne bei Bauvorhaben zu wenig schützend eingreifen.

Dabei sind die beiden Brunnen nur der sichtbare Teil des Werkes. Dazu gehören auch tiefe Wasserleitungen und eine grosse gemauerte Brunnstube. Der Anwohner Ueli Zingrich ist der Letzte, der die Brunnstube betreten hat. «In den 1970er-Jahren war ich drin, um sie zu reinigen. In der Wiese am Hang kam unter einer grossen, völlig zugedeckten Steinplatte ein sieben Meter tiefer Schacht zum Vorschein.» Als der Schacht ausgepumpt war, entdeckte er noch einen fünf Meter langen Gang. Schacht und Gang sind mit Bruchsteinen gemauert, so Zingrich. Für ihn ist es ganz klar, dass die Brunnen wieder laufen müssen: «Ein Brunnen ohne Wasser ist tot.»

Untersuchung ist schwierig

Ob das Wasser in den beiden Brunnen je wieder laufen wird, ist fraglich. Es sei möglich, dass sich die Quelle nicht mehr erhole, obwohl das Bohrloch abgedichtet worden sei, erklärt Bänninger. Nach ersten Erkenntnissen habe die Bohrung den Zuströmbereich der Quelle gestört. Es bleibe abzuklären, ob überhaupt herausgefunden werden könne, welche Prozesse abgelaufen seien.

Er kenne Fälle aus Deutschland, wo eine Bohrung für Erdsonden Quellen zum Versiegen gebracht hätten, in Baselland sei ihm aber kein Fall bekannt. Auch Schmidlin sagt, die Firma EBL Wärmesysteme habe schon mehrere Hundert Bohrungen vorgenommen, bisher sei deswegen jedoch noch nie eine Quelle versiegt.