Klimawandel

Den Satanspilz werden wir nicht mehr so schnell wieder los

Seinen Namen trägt er völlig zurecht. Wer den Satanspilz ist, der durchlebt eine weniger angenehme Zeit. Die Pilzart profitiert vom Klimawandel. Aber nicht überall gleich.

Seinen Namen trägt er völlig zurecht. Wer den Satanspilz ist, der durchlebt eine weniger angenehme Zeit. Die Pilzart profitiert vom Klimawandel. Aber nicht überall gleich.

Der Giftpilz mag es warm und feucht. Mit dem Klimawandel hat er neue Habitate entdeckt – zum Beispiel in Füllinsdorf. Den lokalen Kontrolleuren bleibt nur noch das Staunen.

Was für ein Name! Und er trägt ihn zu Recht, der Satanspilz. Wer ihn isst, der stirbt zwar nicht. Doch die Unglücklichen werden Zeuge von nicht gerade angenehmen Vorgängen und Umwälzungen in Magen und Darm. Je nach verzehrter Menge sind die Betroffenen tagelang nicht mehr zu gebrauchen.

In Füllinsdorf müssen die Pilzler besonders aufpassen. Der Satanspilz oder Satansröhrling mag die dortigen Wälder. Die lokalen Pilzkontrolleure sind nervös. Auf ihren Tischen landeten im vergangenen Jahr 68 Exemplare der giftigen Art, so steht es im Kontrollbericht 2019. Dabei sei der Satanspilz früher «eher selten» gewesen. Ist sein massenhaftes Auftauchen ein weiterer Indikator für die Veränderung von Flora und Fauna im Zuge des Klimawandels?

Er mag feucht-warme Flecken im Wald

Vieles weist darauf hin. Der Teufelspilz, wie er auch genannt wird, ist tropophil, bevorzugt also südlichere Gefilde. Besonders wärmere Flecken in Laufwäldern ziehen Exemplare des Rubroboletus satanas an. Müssen sich Pilzler in der Nordwestschweiz auf immer mehr giftige Funde einstellen? Und was kommt als Nächstes?

Die Daten zeigten «tendenziell tatsächlich eine leichte Zunahme des Pilzes seit 1990», schreibt Pilzexperte Andrin Gross von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). «Die Vermutung liegt natürlich nahe, dass dies mit der Klimaveränderung zusammenhängt.» Er schreibe bewusst Klima­veränderung und nicht Klima­erwärmung, fügt Gross an, da verschiedene Faktoren eine Rolle spielen könnten, zum Beispiel auch Niederschlagsmengen. «Es könnte also tatsächlich sein, dass der Pilz in Zukunft häufiger anzutreffen sein wird.» Auch andere Pilze dürften von der Klimaveränderung profitieren, fügt der Experte an. Und wiederum andere dürften eher negativ beeinflusst werden.

Eine Umfrage bei anderen Kontrollstellen in der Region zeigt: Von einer flächendeckenden Schwemme an Satanspilzen kann (noch) nicht die Rede sein. Der Allschwiler Pilz-Kontrolleur Martin Beeler schreibt, 2019 sei ihm keiner auf den Kontrolltisch gekommen. «Ich habe in dieser Region nur einmal einen gefunden, vor zwei Jahren.»

Andere gefährliche Arten landen eher im Korb

Peter Kaupp, Lebensmittel- und Pilzkontrolleur in Basel-Stadt, sagt zur bz, es seien in den vergangenen Jahren vereinzelt Satanspilze abgegeben worden. Doch es gebe grosse Schwankungen. «Das hängt auch von den Sammlern ab: Jemand, der unerfahren ist, bringt in einem Herbst vielleicht besonders viele Pilze, die nicht verzerrt werden sollen, in die Kontrolle. Das heisst aber noch nicht, dass sich Giftpilze stark vermehrt hätten.»

Der Satanspilz werde gerne auch mit einem Speisepilz verwechselt: dem Hexenröhrling. Ob die Funde in Füllinsdorf auf die Klimaerwärmung hinweisen würden, könne er ohne fundierte Daten nicht sagen. «Klar ist: Wenn sich das Klima ändert, verändert sich auch das Vorkommen der Pilze.»

Andrin Gross von der WSL schreibt, eher ein Problem seien eingeschleppte oder neu eingewanderte Giftpilze. Diese Neulinge heissen nicht Neofungi, wie man vermuten könnte, sondern Neomyceten. «Den Satansröhrling kennt man als Pilzler, auch wenn man ihn relativ selten findet», sagt Gross. «Vom kürzlich aus dem Mittelmeerraum eingewanderten Parfümierten Trichterling, Clitocybe amoenolens, hat noch kaum jemand ­gehört. Der Pilz sieht essbaren Pilzen sehr ähnlich – und wenn man nicht weiss, dass es ihn gibt, sind Verwechslungen programmiert.»

Pilz bescherte Entdecker eine «grausenvolle Nacht»

Peter Kaupp pflichtet Gross bei: Gerade der Satanspilz schrecke die Leute eher ab – ältere Exemplare stinken nach Aas. Er ist also weniger das Problem, der Klimawandel aber schon. Das zeigt ein Versuch der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Sechs Jahre lang wurden Testflächen aufgeheizt. Auf ihnen war der Boden jeweils vier Grad wärmer als in der Umgebung. Die Erkenntnis: Die Pilze reagierten sofort. Einige Arten verschwanden, andere vermehrten sich stark.

Von all dem konnte der «Entdecker» des Satanspilzes nichts ahnen. Er erhielt 1831 seinen Namen von Dr. Harald Othmar Lenz – aus Rache, denn Lenz hatte im Jahr zuvor ein Exemplar gegessen. Lenz hielt schriftlich fest: «Es war eine bange, grausenvolle Nacht.»

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