Muttenz

Deponie Rothausstrasse: Überwachung des Gifts sorgt für Kritik

Heute liegt die Deponie Rothausstrasse unter einem Stück Wald und dem Werkplatz eines Kieswerks. Kenneth Nars

Heute liegt die Deponie Rothausstrasse unter einem Stück Wald und dem Werkplatz eines Kieswerks. Kenneth Nars

Die Deponie Rothausstrasse in Muttenz sei stabil, teilt das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) mit. «Es sind keine Zunahmen an Schadstoffkonzentrationen im Grundwasser feststellbar.» Die Überwachung gehe aber bis 2019 in eine nächste Runde. Das sorgt für Diskussionen.

Feldreben, Margelacker und Rothausstrasse: Dies sind die drei mit Chemiemüll belasteten Deponien in Muttenz. Während bei der Feldreben entschieden ist, dass sie saniert werden muss – wann und wie ist umstritten –, hat das AUE die Deponien Margelacker und Rothausstrasse als «überwachungsbedürftig» beurteilt.

Die beiden Berichte zur Überwachungsphase 2010 bis 2013, welche das AUE aufgeschaltet hat, umfassen je mehrere Hundert Seiten. Die Lage ist komplex: Es gibt unter der Deponie zwei Grundwasserströme: Im oberen Stockwerk fliesst er in nördlicher Richtung, im unteren fliesst das Wasser in ost-südöstlicher Richtung, bevor es nach Nordosten abbiegt. Und wie auch in anderen Deponien wurden neben Chemiemüll auch Bauschutt und Kehricht abgelagert. Es gibt also viele verschiedene giftige Stoffe, die in einer grossen Menge unproblematischen Schutts verteilt sind.

Kritik an bisheriger Überwachung

Bei Deponieuntersuchungen wendet man zwei Methoden an:

Mit dem Screening schaut man, was in den Proben enthalten ist. Im Grundwasser-Abstrom der Deponie Rothausstrasse fand man 185 Stoffe. Nachteil des Screenings: Bezüglich der Mengen ist die Methode ungenau.

Will man die exakte Konzentration eines Schadstoffs ermitteln, muss man zur Einzelstoff-Analyse greifen.

«Um die Menge der Daten auf ein überschaubares Mass zu reduzieren», hat das untersuchende Ingenieurbüro Gruner viele Stoffe bei der Einzelstoff-Analyse ausgelassen. Davon müssen nun deren sieben in der kommenden Überwachungsphase per Einzelstoff-Analyse trotzdem näher untersucht werden.

An diesem Punkt setzt die Kritik des Altlasten-Experten Martin Forter an: Der Stoff «4-chloro-2-methyl-Anilin», bekannt unter der Bezeichnung 5-Cat, sei schon bei den früheren Screenings, die von 2004 bis 2006 durchgeführt wurden, an einer Messstelle deutlich über den damals gültigen Grenzwerten aufgefallen. Trotzdem sei die exakte Menge nicht einzeln analysiert worden. Auch in den neueren Untersuchungen übertreffe die festgestellte Menge den Grenzwert um mehr als das Fünffache. Dabei erzeuge 5-Cat Blasenkrebs. Dies bestätigen sowohl ein Dokument der Suva als auch der ehemalige Ciba-Umweltchef Peter Donath. Das 5-Cat sei bis in die 70er-Jahre für die Fabrikation von Farbstoffen und Agro-Chemikalien verwendet worden. Teilweise entstehe es neu, wenn die Farben wieder zerfallen.

«Nun wird 5-Cat mit 10 Jahren Verspätung doch noch in die Einzelstoff-Analyse aufgenommen. Da ging viel Zeit verloren», kritisiert Forter. Stellt sich nämlich heraus, dass die krebserregende Substanz in hoher Konzentration vorkommt, wird die Deponie zum Sanierungsfall.

Mehr untersucht als vorgeschrieben

«5-Cat wurde mittels den Screenings nur im lokalen oberen Grundwasserleiter festgestellt» erklärt dazu Rainer Bachmann, Leiter Ressort Altlasten und Nachhaltige Entwicklung im AUE. Dies weise zwar darauf hin, dass der Stoff in der Deponie enthalten ist. «Relevant für die altlastenrechtliche Beurteilung ist aber, was im unteren, grossräumigen Grundwasserstrom vorkommt, denn dieser wird genutzt. Und da wurde 5-Cat bis heute nie festgestellt.» Mit dieser Aussage gibt sich Forter nicht zufrieden: «Gemäss Altlastenverordnung des Bundes sind die Stoffe im direkten Abstrom zu berücksichtigen.»

Bachmann weist darauf hin, dass das bisherige Überwachungsprogramm weit über das hinausgeht, was der Bund vorschreibt und aus dem Altlasten-Fonds VASA mitfinanziert. Die Massnahmen, die nicht VASA-abgeltungsberechtigt seien, habe der Kanton Baselland vollumfänglich selbst übernommen.

Das AUE habe jetzt die zweite Überwachungsphase bis 2019 angeordnet, um die Entwicklungen beobachten zu können.

Die Kosten der kommenden Überwachung trägt zu 40 Prozent der Bund über den Altlasten-Fonds VASA. Die restlichen Kosten tragen hauptsächlich die chemisch-pharmazeutische Industrie (BASF/Novartis/Syngenta) sowie der Kanton Baselland, der Kanton Basel-Stadt, die SBB und die Gemeinde Muttenz.

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