Kopf der Woche

Der dienstälteste Lokführer des Waldenburgerlis kommt immer rechtzeitig

«Auf die Autos muss man höllisch aufpassen»: Armin Dunkel, seit 36 Jahren bei der Waldenburgerbahn, hier irgendwo zwischen Waldenburg und Liestal.

«Auf die Autos muss man höllisch aufpassen»: Armin Dunkel, seit 36 Jahren bei der Waldenburgerbahn, hier irgendwo zwischen Waldenburg und Liestal.

In den 80er Jahren transportierte Armin Dunkel neben den Passagieren auch Güter auf der 13 Kilometer langen Strecke. Die neuen Züge wird er wohl nur noch als Passagier erleben.

Es ist vier nach zehn, die Bise pfeift durch das Bahnhöfli in Waldenburg. Armin Dunkel müsste eigentlich schon längst im Führerstand sitzen an diesem Donnerstagvormittag: In zwei Minuten fährt sein Zug ab – das jedenfalls sagt der Fahrplan. Doch der Wagenführer wird woanders gebraucht: Der Fotograf der bz ist noch nicht zufrieden. Dunkel muss nochmals seine Position ändern fürs Porträt. Bein Anwinkeln! Klick! Mehr lächeln! Klick! Ein bisschen weniger lächeln! Klick! Danke, Klick! Ganz toll! Klick!

Jetzt springt der Zeiger auf der grossen Depot-Uhr auf 10.05. Noch eine Minute bis zur planmässigen Abfahrt. Dunkel lässt sich weiterhin nicht aus der Ruhe bringen, setzt sich abermals in Szene, geduldig, kooperativ.

Es ist 10.06, bis der Fotograf Ruhe gibt. Nun müsste der Zug losfahren, eigentlich.

Von Waldenburg nach Liestal: Eine Fahrt mit Armin Dunkel und dem Waldenburgerli.

Von Waldenburg nach Liestal: Eine Fahrt mit Armin Dunkel und dem Waldenburgerli.

36 Jahre im Stahlwurm

Strammen Schrittes holt Dunkel sein Fahrtenbüchlein, besteigt den Zug, läuft zum Führerstand, schliesst die Türe. Kontrollblick nach hinten, Geschwindigkeit auf Stufe 1, es rattert und rumpelt, der weiss-rote Stahlwurm setzt sich in Bewegung. 10.07: eine Minute Verspätung, doch Dunkel lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, auch nicht vom Fotografen, denn das Shooting geht jetzt drinnen weiter. «Da brauchts mehr, dass ich nervös werde», sagt er. «Da habe ich schon zu vieles erlebt in den 36 Jahren bei der Waldenburgerbahn.» Jedem zweiten Satz fügt Dunkel ein «Jä» an. «Die Minute Rückstand holen wir schon wieder auf. Jä!»

Armin Dunkel ist einer von 38 Mitarbeitern der Waldenburgerbahn, die seit Anfang Jahr zur Baselland Transport gewechselt haben, zur neuen Eigentümerin aus Oberwil. Der 62-Jährige ist, zusammen mit einem Kollegen, der Dienstälteste bei der WB. 1980 heuerte er an beim Waldenburgerli, wie die Bahn im Tal liebevoll genannt wird. Zuerst arbeitete er als Kondukteur, als es diese Funktion noch gab. Doch der gelernte Maurer wollte mehr: Er wollte ganz nach vorne, an die Spitze des Zuges. Also büffelte er Reglemente und Eisenbahngesetz, guckte Kollegen über die Schulter, ging in die Fahrstunde, legte die Prüfung ab. «Schon ein paar Monate später fuhr ich alleine im Regelbetrieb. Das wäre heute undenkbar, heute ist die Ausbildung viel intensiver.»

Widerstand gegen die Übernahme der WB durch die BLT gab es nicht im Tal, zumindest nicht offiziell. Man weiss: Alleine hätte das Unternehmen kaum überleben können. Nur schon der Ersatz der 17 Fahrzeuge, die das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben, ist eine Millioneninvestition – kaum zu stemmen für eine Mini-AG.

Bereits wirbt die BLT mit Triebzügen des Typs Tango, die auf den Tramlinien 10 und 11 unterwegs sind. Zwar muss der Auftrag noch ausgeschrieben werden, was jedoch klar ist: Kommen die neuen Fahrzeuge 2023, sind sie weiss-rot lackiert – nicht in den BLT-Farben Gelb und Rot. Ein gelbes Waldenburgerli, das gäbe einen Aufstand.

«Das Zusammengehen mit der BLT sei der richtige Schritt», sagt Dunkel. Die Bahn, die Lebensader, fahre weiter, das sei das Wichtigste. Dunkel wird in drei Jahren pensioniert, kann die neuen Fahrzeuge also nur als Passagier kennenlernen, was er bedauert: «Nochmals neue Züge, das würde mich schon reizen, jä.»

Dunkel zog in den 1980er-Jahren noch Güterwagen über die 13 Kilometer lange Strecke, die wurden hinten an den Zug gehängt. «Wir transportierten alles Mögliche», erinnert sich der gebürtige Bubendörfer, der heute in Niederdorf wohnt. «Post nahmen wir mit, aber auch Metallteile, sogar Hühner und Schweine.»

Der 10.06-Zug mit Dunkel an der Spitze fährt jetzt durch Hölstein. Wie in Oberdorf ist die WB hier ein Tram. Im Schritttempo geht’s auch über Kreuzungen. «Auf die Autos muss man höllisch aufpassen», sagt Dunkel. Er habe bisher keine Unfälle mit Verletzten erlebt. «Holz aalänge!»

Könnte noch schneller fahren

Die BLT will 2022 das gesamte Trassee auf Meterspur umspuren. Ein Jahr lang wird die Strecke stillgelegt, stattdessen verkehren dann Busse zwischen Waldenburg und Liestal. Nicht nur Schienen und Rollmaterial werden erneuert, sondern auch Technik, Depots, Haltestellen.

Nun kreuzt Armin Dunkel in Lampenberg einen entgegenkommenden Zug. Noch eine halbe Minute Verspätung.

Bald feiert die Waldenburgerbahn ihren 136. Geburtstag. Am 1. November 1880 nahm sie den fahrplanmässigen Betrieb auf. 1953 wurde sie elektrifiziert. Die aktuellen Triebzüge stammen noch aus den 1980er-Jahren, Schindler-Fabrikate. Legendär war die Zeit des Dampfbetriebs. Geruckelt und geschaukelt hat es in den Wagen, wird erzählt – so sehr, dass manchem Passagier schlecht wurde. Im Buch «Müschterli us em Baselbiet» ist folgende Anekdote überliefert: Eine Familie aus dem Waldenburgertal habe nach Amerika auswandern wollen und fuhr mit dem Bähnli nach Liestal. Dort angekommen, habe das Kind den Vater gefragt: «Vatter, sy mer jetzt z Amerika?» Der Vater soll geantwortet haben: «Nei, noni, aber s Ergscht isch überstande!»

Kurz vor der Station Altmarkt fährt Dunkel die erlaubte Höchstgeschwindigkeit, 75 Stundenkilometer, der Triebzug würde 90 schaffen, behauptet der Tacho. Als das Bähnli in Liestal einfährt, zeigt die Uhr 10.29 an. Die Verspätung ist aufgeholt. Dunkel grinst. «Ich habe es ja gesagt, wir kommen rechtzeitig an, jä.»

Meistgesehen

Artboard 1