Whistleblower

Der Erbsenzähler, der eine Revolution auslöste: Dank ihm gehört das Laufental dem Baselbiet

Rudolf Hafner war Revisor beim Kanton Bern und deckte 1984 die Finanzaffäre auf. Neben zahlreichen verfassungswidrigen Machenschaften hatte die Berner Regierung die Abstimmung zur Laufentaler Kantonszugehörigkeit manipuliert.

Rudolf Hafner ist eigentlich langweilig. Sein Lebenslauf liest sich wie ein Muster, das man jedem Achtzehnjährigen bei der Jungbürgerfeier vorlegen könnte: «So, liebe Jungschweizer, sieht eine vorbildliche helvetische Karriere aus: KV-Lehre in einer Bank, Praktikum bei der Crédit Suisse in Paris, Militärdienst, Bänklerhandwerk in Zürich, Studium an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule, zwei Jahre bei der SBB und schlussendlich Revisor bei der Finanzkontrolle des Kanton Bern.» Ein Leben im und mit System.

Einmal, ein entscheidendes Mal, tanzte Rudolf Hafner aus der Reihe. Am 22. und 23. August 1984 schickte der Angestellte der Finanzkontrolle einen 23-seitigen Bericht an die 200 Grossräte des Kanton Bern. Darin machte er auf zahlreiche verfassungswidrige Machenschaften der Regierung aufmerksam, die er im Rahmen seiner Arbeit entdeckt hatte und über die er nicht mehr schweigen wollte. Hafner löste eine Skandalwelle aus, die zwei Regierungsräte aus ihrem Amt spülen und das Laufental vom Kanton Bern trennen würde. Er änderte damit den Lauf der Schweizer Geschichte - und seines Lebens.

Der Held des Laufentaler Kantonswechsels

Rudolf Hafner läuft durch die Gänge des Museums Laufental, das momentan dem 25-Jahr-Jubiläum des Kantonswechsels des Laufentals zum Baselbiet eine Ausstellung widmet. Die ausgestellten Karikaturen, Zeitungsartikel, Archivbilder und -Filme wären alle nicht entstanden, wenn er nicht zum Whistleblower geworden wäre. Der drahtige 67-Jährige erzählt seine Geschichte mit nüchterner Stimme. «Anständig» beschrieb ihn die Solothurner Zeitung vor fünf Jahren.

Diskret würde auch zutreffen. Ob er stolz sei? Was es mit ihm mache, für eine solche Lawine verantwortlich zu sein? Diese Fragen beantwortet er mit einem Halb-Lächeln. Er bewegt sich bedacht, als fürchte er, etwas umzustossen. Aus dem Nebenraum ertönt die Stimme des TV-Moderators von DRS, der über die Laufentalfrage berichtet.

Tagesschau vom 12. November 1989 – Abstimmungsergebnis

Vor einem Zeitstreifen hält Hafner an und verweist auf eine der wichtigsten Eckdaten: Wiener Kongress, 1815. Die Karte Europas wird nach den napoleonischen Kriegen neu gezeichnet, das Laufental wird dem Kanton Bern zugewiesen.

Zeitstreifen der Laufentalfrage (die weisse Fläche berühren):

Erst in den 1970er Jahren wird die Zugehörigkeit der Juraregionen wieder diskutiert. Die sieben Bezirke, darunter das Laufental, erhalten ein Selbstbestimmungsrecht. Das Laufental lehnt es zuerst ab, dem damals noch nicht gegründeten Kanton Jura beizutreten und wählt zwischen Solothurn, Baselland und -Stadt das Baselbiet als potenziellen neuen Heimatkanton. Am 11. September 1983 lehnen die Stimmbürger aber den Aufnahmevertrag mit 56,7 Prozent ab.

Laufbahn eines anständigen Menschen

Damit wäre die Sache eigentlich erledigt gewesen. Hier kommt aber Rudolf Hafner ins Spiel. Er selber hat zum Laufental eigentlich keinen Bezug: Er ist 1951 in Balsthal, Solothurn, geboren als Sohn eines Chefmonteurs und einer Uhrmacherin. Die Abwesenheit des Vaters, der für die Von Roll viel unterwegs ist, und die Beschäftigungen der Mutter, die nebst den vier Kindern und dem Garten mit der Uhrmacherei zusätzliches Geld erwerben muss, machen ihm zu schaffen. Vor allem als er in der Bezirksschule einem Lehrer ausgesetzt ist, der ihn traumatisiert. «Er wusste, dass mein Vater oft nicht zu Hause war. Und die Beschwerden meiner Mutter putzte er einfach ab.»

Diese frühe Erfahrung mit der Willkür von Autoritätspersonen erwähnt er heute noch als prägend für seinen Sinn für Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit. In seinen hellen Augen, von denen das linke durch das herabfallende Augenlid etwas verdeckt ist, brennen die Emotionen, die seine fast schon monotone Tonlage nicht ausdrückt. Sie zucken auch leicht, wenn er sich von Zeit zu Zeit trockener Ironie bedient und dabei leise lacht.

Wie Rudolf Hafner sich an seinen Lehrer erinnert: 

In der Schule fällt er weder durch sportliche Heldentaten («ich war nicht sehr robust gebaut») noch durch Spitzennoten auf. Er arbeitet aber stets sorgfältig, erledigt seine Hausaufgaben gewissenhaft. Als Lehrling wird seine Arbeit so geschätzt, dass er im dritten Lehrjahr Leiter der Wertschriftenabteilung wird. Ähnlich gewissenhaft arbeitet er ab 1980 bei der Finanzkontrolle des Kanton Bern. In den vier Jahren, die er dort verbringt, entdeckt er Ungereimtheiten, die seine Vorgesetzten aber offenbar nicht interessieren. «Auf dem Dienstweg wurde alles stark gefiltert», erklärt er. Damals war der oberste Beamte der Finanzdirektion, Urs Kohli, gleichzeitig auch Sekretär der Staatswirtschaftskommission des Grossen Rates.» Er konnte somit Einfluss nehmen auf die Aufsichtsbehörde, die seine Arbeit überprüfte.

Von den Rechnungsbüchern in die Geschichtsbüchern

Im Jahr 1984 hat Rudolf Hafner genug und will seine Stelle als Revisor kündigen. Da trifft er aber einen Juristen, dem er seine Befunde zeigt und um Rat fragt. Dieser sagt ausdrücklich: «Herr Hafner, wenn Sie nichts unternehmen, werden Sie das Ihr Leben lang bereuen». Also bringt er ans Licht, dass die Berner Regierung jahrelang die Staatsrechnung manipulierte, um illegale politische Zahlungen zu vertuschen und dass sie Lotteriegelder als freie Kredite verwendete. Die Ungereimtheiten der Berner Staatsrechnung sind zahlreich. Zunächst wird Rudolf Hafner als «frustrierter Typ», als Intrigant, als «Stürmicheib» bezeichnet. Aber eine Untersuchungskommission bestätigt seinen Bericht vollumfänglich. Die Öffentlichkeit empört sich vor allem daran, dass Regierungsrat Hans Krähenbühl seinen Jaguar auf Staatskosten reparieren liess. Die Skandale zwingen ihn und Werner Martignoni, die starken Figuren der Regierung, auf eine Wiederwahl zu verzichten. Die Regierungsparteien werden an der Urne vom Volk abgestraft.

Relevant für die Laufentalfrage ist die Enthüllung, dass Bern über Jahre hinweg zahlreiche Abstimmungskomitees unterstützte. Unter anderem erhielt die Aktion Bernisches Laufental heimlich 333281 Franken. Die Pro-Baselbieter gehen deswegen ans Bundesgericht, welches eine neue Abstimmung ermöglichte. Am 12. November 1989 stimmen die Laufentaler dem Übertritt zum Baselbiet zu.

Gatekeeper, von Bundesbern bis zum Gemeinderat

Der ehemalige Whistleblower spaziert aus dem Museum ins Stedtli, läuft gemächlich über den Markt. Ob ihm eigentlich bewusst sei, dass dieser Ort, den er gerade besucht, ohne seine Aktion einem anderen Kanton angehören würde? Wieder zuckt er mit den Schultern. «In dieser Sache hatte ich keine Präferenz, wobei ich als Solothurner einen Beitritt des Laufentals zu meinem Kanton gut gefunden hätte», sagt er leicht scherzend.

Damals gerät sein Gesicht auf die Frontseiten der Presse: Mit seiner grossen Brille, dem Schnauz und dem Spitzbart, typisch 80er Jahre. Brille und Schnauz trägt er immer noch. Hafner ist ein konstanter Mann. Seine akribische Art wird er nie ablegen. Auch nicht in der nachfolgenden politischen Karriere: Mit der Freien Liste wird er zunächst in den Grossen Rat, später in den Nationalrat gewählt. «Wäre ich ehrgeiziger gewesen, hätte ich weiter aufsteigen können», erklärt er. Vielleicht sogar bis zum Regierungsrat. «Die SVP hatte sich damals bei mir gemeldet.» Seine politische Karriere verläuft aber umgekehrt: von oben nach unten. Zurzeit sitzt er im Dornacher Gemeinderat. Auch dort kann er über «Gschäftli» nicht hinwegschauen: Als der Gemeinderat 1,8 Millionen für den Umbau des Gemeindehauses ohne Rücksprache mit der Gemeindeversammlung ins Budget 2020 eintragen wollte, informierte Hafner die Finanzkommission.

Bei einem Pfefferminztee in der Konditorei Kern endet die Wanderung durch die Vergangenheit Rudolf Hafners. Die Vergangenheit eines Erbsenzählers. Doch «für alle Menschen, die eine echte Demokratie anstreben», wie er in seinem Buch zur Finanzaffäre schreiben würde, sind solche Erbsenzähler extrem wertvoll.

Meistgesehen

Artboard 1