Heu-Saison

Der grausame Mähtod: Rund 1500 Rehkitze werden jährlich von der Mähmaschine erfasst

Zwei Rehkitze liegen zusammengekugelt im Gras. Zum Glück wurden sie noch vor dem Mähen entdeckt.

Trotz Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras nimmt die Zahl der Mähtode nicht ab.

Eine grausame Vorstellung, von einer Mähmaschine zu Tode geschnetzelt zu werden. Dieser Tod ist nicht nur für das Jungtier und dessen Mutter schrecklich, sondern auch für den Bauern, der den quälenden Schrei des sterbenden Rehkitzes hört.

Rehe setzen ihre Jungtiere von Anfang Mai bis Ende Juni ins hohe Gras. Die Rehkitze sind in den ersten Wochen geruchlos und ducken sich bei Gefahr. Dieses Verhalten schützt sie in den ersten Lebenswochen gut vor Fressfeinden, jedoch nicht vor den rotierenden Messern der Mähmaschinen. Gemäss Jagdstatistik kommen in der Schweiz jährlich rund 1500 Rehkitze durch Mähmaschinen ums Leben.

Hans Dalcher, Jagdaufseher in Oberdorf, bedauert diese Zahl sehr: «Mit Sicherheit ist die Zahl vermähter Rehkitze höher. Es gibt eine grosse Dunkelziffer von nicht gemeldeten Rehen. Leider sagen viele Bauern nichts.»

Hohe Nachfrage

Dalcher fing 2017 mit der Rettung von Rehkitzen mithilfe von Drohnen an. Die Drohnen sind mit Wärmebildkameras ausgestattet und zeigen sämtliche Wärmequellen in der Wiese an. Der Drohnenpilot fliegt jährlich rund 60 Einsätze. Danach folgen Aufträge für zusätzliche 30 Flüge, die er wegen mangelnder Zeit absagen muss. Über eine Verstärkung wäre Dalcher froh. Im nächsten Jahr sei allenfalls vorgesehen, dass sich ein paar Kollegen vom Jagdverein beteiligten.

Im ganzen Kanton gebe es eine Handvoll Privatpersonen, welche die eigenen Felder und auf Anfrage auch die Felder anderer Bauern vor dem Mähen mithilfe von Drohnen nach Rehen absuchten, sagt Holger Stockhaus, Baselbieter Jagd- und Fischereiverwalter, auf Anfrage der bz. «Auch dabei gibt es aber keine hundertprozentige Garantie, dass alle Rehkitze vor dem Mähtod bewahrt werden», so Stockhaus.

Erschwert wird die Suche durch die warmen Temperaturen, erklärt Dalcher: «Gerade jetzt bei der Hitze wird meine Arbeit erschwert, da auf der Kamera erwärmte Erdhaufen von Mäusen und anderen Tieren zu sehen sind. Hier steige ich auf eine normale Kameraansicht um und fliege mit der Drohne näher heran, um zu sehen, ob es sich um ein Reh handelt.»

In der diesjährigen Heu-Saison konnte Hans Dalcher rund 30 Rehe vor dem Tod retten. Im Baselbiet starben in der Jagdsaison 2018/19 139 Rehkitze, die durch eine landwirtschaftliche Maschine getötet wurden. Noch ein Jahr zuvor waren es 104 tote Rehkitze. Die Zahl schwanke in den vergangenen 20 Jahren zwischen 61 und 127 Todesfällen.

«Bis jetzt gibt es kein Gesetz, das Bauern vor dem Mähen verpflichtet, dafür zu sorgen, dass kein Rehkitz vermäht wird. Auch wird der Bauer nicht gebüsst, wenn ein Reh beim Mähen umkommt», sagt Holger Stockhaus. Das neue Baselbieter Wildtier- und Jagdgesetz, das derzeit in Vernehmlassung ist, sieht auch keine Regelungen vor. Es gebe zwar geeignete Massnahmen zur Reduktion von Fallwild, aber diese seien freiwillig.

Allenfalls könne die Vernehmlassung dazu führen, dass vorbeugende Massnahmen ein Thema für die Verordnung würden, sagt Stockhaus. Hier könnte festgelegt werden, dass solche Massnahmen ergriffen werden müssten. «Aber auch wenn es keine gesetzliche Regelung gibt, ist es grundsätzlich wichtig, dass die Bauern von sich aus vor dem Mähen Massnahmen ergreifen oder die lokale Jagdgesellschaft um Unterstützung bitten», legt Stockhaus den Bauern ans Herz.

Ein totes Reh könnte auch fatale Folgen für die eigenen Tiere der Bauern haben. Denn wenn Kadaver von Rehkitzen oder anderen Wiesentieren nach dem Mähen unerkannt in die Silage geraten, vermehrt sich durch den Gärprozess im Fleisch ein Bakterium. Dieses Bakterium produziert ein hochpotentes Nervengift. Wird das Futter vom Vieh aufgenommen, erkranken die Tiere am Gift – sie zeigen Lähmungserscheinungen, Speichelfluss und ersticken schliesslich qualvoll an einer Atemlähmung.

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Autor

Brooke Keller

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