Am Anfang stand ein verweigerter Händedruck. Doch die Diskussion um die beiden muslimischen Teenager der Sekundarschule Therwil, die ihrer Lehrerin aus religiöser Überzeugung nicht mehr die Hand reichen wollten, ist zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der Schweizer Wertekultur und den Grenzen der Religionsfreiheit angewachsen. Der Ton der öffentlichen Debatte wurde dabei zusehends gehässiger, ja teils fremdenfeindlich. Die Basler Muslimin Jasmin El-Sonbati kennt beide Welten, ist selbst Lehrerin und gilt als kritische Beobachterin des Islams.

Frau El-Sonbati, verstehen Sie, warum der Fall der Sek Therwil derart hohe Wellen wirft?

Jasmin El-Sonbati: Ja ich verstehe es, da die allermeisten von uns noch nie erlebt haben, dass an einer Schweizer Schule Schüler aus religiösen Gründen einer Lehrerin die Hand nicht geben wollen. Ich selbst unterrichte seit über 20 Jahren in beiden Basel und auch mir ist so etwas noch nie passiert. Der Händedruck ist fester Bestandteil der Schweizer Kultur, zeugt von gegenseitigem Respekt und begleitet uns durchs ganze Leben. Er ist für mich nicht verhandelbar.

Und wie beurteilen Sie die öffentliche Debatte darüber?

Das Ausmass gerade der medialen Aufmerksamkeit irritiert und befremdet mich. Es ist eine regelrechte Hysterie entstanden. So besteht die Gefahr, dass Islamophobie befeuert wird. Doch genau das spielt den radikalen Kräften in die Hände. Sie könnten gemässigtere Muslime davon überzeugen, dass man in der Schweiz diskriminiert wird.

Hätten denn die Medien den Vorfall ignorieren sollen?

Nein, man darf nicht wegschauen. Aber um das Problem wirklich lösen zu können, ist der Hype nicht förderlich. Er unterbricht die jahrelange Präventions- und Integrationsarbeit an den Schulen.

Was halten Sie vom Entscheid der Therwiler Schulleitung, dass die beiden Buben nun weder Lehrerinnen noch Lehrern die Hand geben müssen?

Die Schule hat einen pragmatischen Weg gewählt und formal korrekt innerhalb ihrer Kompetenzen entschieden. Aber das kann nur eine vorübergehende Lösung sein. Auf lange Sicht ist sie nicht befriedigend. Mit Entscheiden, ohne sich beraten zu lassen, wird man der pluralistischen Religionslandschaft an den Schulen nicht mehr gerecht. Die Zeiten, in denen es nur Protestanten und Katholiken in den Klassen gab, sind eben vorbei.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Kommen solche Probleme auf, sollte die Schule muslimische Organisationen wie die Basler Muslim Kommission (BMK) ins Boot holen und in den Diskurs miteinbeziehen.

Aber just die BMK vermied es in der gestrigen bz, klar Stellung zu beziehen. Stattdessen sagte sie, dass es auf die religiöse Auslegung der jeweilig betroffenen Familie ankomme und man jeden Fall mit einem Imam abklären müsse.

Diese Haltung kann ich mir auch nicht erklären. Ich frage mich, warum die BMK kein klares Bekenntnis zum Lebensort Schweiz abgibt. Sie hätte doch sagen können, dass der Händedruck ein wichtiges Schweizer Kulturgut ist. Aber die Dachorganisation möchte wohl allen Teilen ihrer Gemeinschaft gerecht werden und niemandem in den Rücken fallen. Sie ist eben sehr bemüht um den Religionsfrieden. Für mich aber stehen die Gleichbehandlung von Mann und Frau, der Bildungsauftrag und alle Grundwerte der Verfassung über der Religion.

Sind denn die Kantons- und Schulbehörden noch nicht interkulturell vernetzt?

Das Netzwerk ist eigentlich nicht schlecht. Aber solche ultra-religiösen Auslegungen des Korans sind im Schulalltag relativ neu. Da kann es schnell zu einer Überforderung kommen.

Stellen Sie also einen Trend zur Radikalisierung fest?

Ganz offensichtlich schwappt die zunehmende Islamisierung stärker nach Europa. Das ist eine gefährliche Tendenz. Und gefährlich wird es vor allem, wenn man nichts unternimmt.

Wie sollen die Schulen aktiv werden?

Ich möchte betonen, dass der Fall in Therwil bis jetzt ein Einzelfall ist. Aber dennoch müssen die Lehrer besser informiert werden, wie sie mit der Radikalisierung des Islams umgehen sollen. Ich selbst habe schon Kurse gegeben, worauf man als Lehrer in seiner Klasse achten kann, um frühzeitig Tendenzen einer Radikalisierung zu erkennen. Doch grösstenteils wird an den Schulen heute kaum mehr Wissen über die verschiedenen Religionen vermittelt.

Das wäre eine stärkere Sensibilisierung der Lehrer, doch wie kann man das Problem den muslimischen Schülern klar machen?

Es ist die pädagogische Aufgabe der Schulen, den Jugendlichen beizubringen, dass eine Frau hierarchisch auch über einem Mann stehen kann. Und vor allem, dass es in ihrem späteren Leben noch weitreichende Konsequenzen haben kann, einen Händedruck zu verweigern. Gerade im Berufsleben, bei Bewerbungsgesprächen, wenn die Chefin eine Frau ist. Und das ist heute selbst im Nahen Osten oft der Fall. Dort ist das Händeschütteln zwischen Mann und Frau übrigens auch die Norm. Bloss die Verweigerung ist sozial akzeptierter.

Soll man die Jungen zwingen können, wenn die Botschaft nicht ankommt?

In der Schweiz habe ich gelernt, dass man bis zuletzt nach einer einvernehmlichen Lösung suchen sollte. Man muss einfach dranbleiben und mit wohlwollendem pädagogischen Druck darauf hinarbeiten.

Die Baselbieter Schulen fordern Richtlinien, auch von Sanktionen ist die Rede ...

Als Frau und als Muslimin fände ich es traurig, wenn man etwas so selbstverständliches wie einen Händedruck reglementieren müsste. Und Sanktionen sollten unbedingt vermieden werden. Ich hoffe eher, die Familie der beiden Jungen macht einen Schritt auf die Gesellschaft zu. Sie haben immerhin eine Bringschuld, da ihnen die Schweiz viel gegeben hat.

Folgt die Familie aber der Auslegung der Schriften durch den Islamischen Zentralrat der Schweiz, ist die Verweigerung des Händedrucks gar kein Zeichen der Diskriminierung, sondern des Respekts der Frau.

Das ist Bullshit. Es geht beim Berührungsverbot um die Trennung der männlichen und weiblichen Welt. Und genau das ist ja beim Fall in Therwil das Irritierende: Der Lehrer repräsentiert eine Institution und ist, wenn man so will, geschlechtslos. In Ägypten ist übrigens fast der ganze Lehrkörper in der Hand von Frauen. Der Lehrerin die Hand zu geben, sollte also wirklich kein Problem sein.