«Sehr geehrte Familie Heger, sie haben sich freundlicherweise zur Verfügung gestellt, ihre Tochter freiwillig an die Sekundarschule Liestal zu schicken. Für ihr Verständnis und ihr Entgegenkommen möchten wir uns ganz herzlich bedanken.» Liest man diese Zeilen des Amts für Volksschulen (AVS), könnte man meinen, die Hölsteinerin Andrea Heger schicke ihre 13-jährige Tochter beim Übertritt von der Primar in die erste Sek-Klasse des Niveaus P nur zu gern ins Schulhaus Frenke nach Liestal statt an die Sekundarschule im nahen Oberdorf. «Hier von Freiwilligkeit zu sprechen, ist schon speziell», sagt jedoch Heger, die für die EVP im Landrat sitzt.

Klasse in Oberdorf überfüllt

Dort engagiert sich die 42-jährige Primarlehrerin schon länger dafür, dass Schulklassen nicht überfüllt und Schüler nicht unnötig zwangsverschoben werden müssen. Erstmals spricht sie nun aber öffentlich über ihre eigene Situation. Denn es stösst ihr sauer auf, dass FDP-Bildungsdirektorin Monica Gschwind und das AVS konsequent in allen mündlichen und schriftlichen Stellungnahmen zur Sek-Klassenbildung in den Frenkentälern auf dieses Schuljahr betonen, dass insgesamt vier Schülerinnen und Schüler, die eigentlich in Oberdorf unterkommen müssten, sich «freiwillig» für Liestal entschieden hätten – notabene ein Standort in einem anderen Schulkreis.

«Unsere jüngere Tochter wollte eigentlich unbedingt nach Oberdorf in die Sek, da sie dort auch ihr ganzes soziales Umfeld hat», erzählt Heger. Doch da die sparbeflissene Bildungsdirektion entgegen des Antrags der Schulleitungen im Schulkreis Frenkentäler in Oberdorf und Reigoldswil nur zwei statt drei erste P-Klassen bildete, gab es in Oberdorf zu wenig Platz.

Das geringere Übel gewählt

Schon im März wurde die Familie deshalb schriftlich angefragt, ob die Tochter bereit wäre, nach Reigoldswil zu pendeln. Sollten sich nicht genug Freiwillige finden, werde das AVS Zuteilungen vornehmen. Dies hätte 50 Minuten zusätzlichen Schulweg jeden Tag ohne Mittagstischangebot bedeutet. Die Hegers lehnten wie die meisten angefragten Eltern dankend ab. Einen Monat später dann der entscheidende zweite Brief der Schulleitung an Familien aus Hölstein, Niederdorf, Lampenberg und Bennwil, ob man stattdessen bereit wäre, sein Kind nach Liestal zu schicken. Auch hier wieder der freundliche Zusatz, dass sonst eine Zuteilung durch das AVS erfolgen würde. Tatsächlich setzten die Hegers ein Kreuzchen beim Satz «Wir sind einverstanden, dass unser Kind die Sekundarschule Liestal besucht». Und schwups, war die Mär von der freien Entscheidungsfindung geboren.

«Hätten wir uns geweigert, hätten wir riskiert, dass unsere Tochter nach Reigoldswil ins andere Tal geschickt wird», sagt Heger. Da sei Liestal die klar bessere Wahl, da der Weg kürzer sei, und es auch einen Mittagstisch gebe. Mit Freiwilligkeit habe dies aber herzlich wenig zu tun, wie dies der eingangs zitierte Bestätigungsbrief vom Mai suggeriere. Kommt hinzu, dass Hegers gerade einmal drei Tage Zeit bekamen, sich zu entscheiden. «Das stand in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Entscheidung.» Für ihre Tochter besonders unangenehm sei gewesen, dass Schulleitung und AVS im April mit keinem Wort erwähnten, wann sie Bescheid geben würden. «Wir hingen in der Luft», so Heger.

War die Verschiebung rechtens?

Hegers Fall ist weit mehr als ein Streit um persönliche Empfindlichkeiten. Es geht letztlich darum, ob die Zuteilung der vier Schülerinnen und Schüler in den anderen Schulkreis überhaupt rechtens war. Dies ist besonders brisant, da sie in den zwei Klassen von Oberdorf und Reigoldswil gar keinen Platz gehabt hätten. In Oberdorf wird mit 25 Schülern die erlaubte Höchstzahl bereits um eine Person überschritten, und in Reigoldswil zählt man auch schon 21 Schüler . Somit hätte zwingend eine dritte Klasse gebildet werden müssen.

Auf Anfrage stellt sich die Bildungsdirektion auf den Standpunkt, dass das Bildungsgesetz explizit «einzelne» Zuweisungen in benachbarte Schulkreise erlaube. Bei total 2500 Schülern in ersten Sek-Klassen und 92 Zuweisungen innerhalb eines Schulkreises sei dies gewährleistet. Die Gegner halten dagegen, dass es erst mit der bevorstehenden Revision des Bildungsgesetzes erlaubt wäre, Zuweisungen «zwecks Optimierung der Klassengrössen» ausserhalb der Schulkreise vorzunehmen.

Auch wenn Andrea Hegers Tochter mit Liestal mittlerweile gut leben kann, sagt die im Februar 2015 neu in den Landrat gewählte Politikerin: «Ich hätte auf den Druck zum freiwilligen Schulwechsel wohl rechtlich argumentieren und versuchen sollen, eine dritte Klasse durchzusetzen.» Ihr Widerstand gegen überfüllte Klassen läuft aber bereits auf einer anderen Ebene weiter: Bis Ende November dauert die Vernehmlassung zur Gesetzesrevision, mit der Gschwind künftig Schülerverschiebungen noch leichter ermöglichen möchte.