Matur

Der K(r)ampf ist zu Ende: Die Zeugnisse sind da - die Maturzeitungen auch

Rund 750 Schülerinnen und Schüler haben in diesen Tagen die Matur abgelegt. Dazu gehört auch eine Maturzeitung. Die bz hat sich ein paar angeguckt. Das Jahr 2012 präsentiert sich konventionell, ja fast bieder. Mit einer Ausnahme: eine Klasse rechnet gnadenlos ab.

Brav. Und konventionell. Das ist der erste Eindruck, den die diesjährigen Maturzeitungen hinterlassen, welche den Weg auf die bz-Redaktion gefunden haben. Es sind dies das Exemplar des Gymnasiums Muttenz sowie acht Erzeugnisse aus dem Gymnasium Liestal, wo es Tradition ist, dass jede Klasse ihre eigene Zeitung herausgibt. Nach eingehender Lektüre bestätigt sich das flüchtige Urteil: keine Polemik, keine Politik, keine Hexenjagd. Stattdessen viel Altbekanntes: Spruchsammlungen, Selbstbeweihräucherung, Fotocollagen von Schulreisen sowie die – anscheinend unausrottbaren – Kinderfotos. Eben brav-konventionell. Mit einer Ausnahme.

Die Lage im Reich ist ernst

Sie heisst «Unser Kampf». Und liest sich auch so. Das verrät die Klasse 4AB mit Schülern der beiden Schwerpunkte Angewandte Mathematik und Physik sowie Biologie und Chemie schon im markigen Untertitel: «Dreieinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit. Eine Abrechnung».

Bereits das Vorwort hält sich an die berüchtigte Vorlage. Lediglich Orts- und Zeitangaben sind ausgetauscht. Das tönt dann folgendermassen: «Am 11. August 2008 hatten wir, aufgrund eines eigenen Urteilsspruches, unsere Festungshaft zu Liestal am Orisbach anzutreten.»

Die «Lage im Reich» muss ernst sein, will man den Beschreibungen der Verfasser Glauben schenken. So war die Klasse mit dem Mathematik-Unterricht derart unzufrieden, dass sie kurzerhand ihre eigenen Lektionen organisierte. Die Schüler zogen sich in einen Raum zurück, um sich im Selbststudium den Logarithmen zu widmen – gefilmt von einer Kamera, als Beweis für die Anwesenheit.

Coaching mit «MBT-Schaukelpferd»

Doch das kam bei der Schulleitung nicht gut an. «Schon wenige Minuten später stürzte der Chef höchstpersönlich in den Raum», wird berichtet. Es kam zu einer Aussprache. Die Schule organisierte in der Folge einen Elternabend und ein Coaching durch eine Fachperson, die offenbar nicht nur durch ihre Kenntnisse, sondern auch durch ihre Gesundheitsschuhe auffiel (sie wird als «MBT-Schaukelpferd» beschrieben). Das Resultat war trotzdem ernüchternd: Die Hälfte der Schüler wechselte das Profil, vier gingen in ein Auslandjahr.

In den Abschiedsworten eines Lehrers – er nennt sich, auf ein anderes bekanntes Werk der Literaturgeschichte anspielend, Professor Unrat – wird es dann noch einigermassen versöhnlich: «Ihr könnt unter Wahrung des aufrechten Gangs sagen, dass ihr diese eure Liestaler Zeit mit Anstand hinter euch gebracht habt. Kraft durch Verzweiflung!»

Repetenten unter «Stellenabbau»

Auch andere Klassen gaben sich die Mühe, ihre Publikation unter ein Motto zu stellen. So heisst zum Beispiel die Zeitung der 4Wb mit Schwerpunkt Wirtschaft «Too Big To Fail» und liest sich wie ein Unternehmensbericht. Die Schüler werden unter dem Stichwort «Personal» geführt. Die sitzen gebliebenen figurieren folgerichtig unter «Stellenabbau».

Gesucht: Goethes Nachname

Die Klasse 4S mit Schwerpunkt Spanisch hat für die Ehemaligen ebenfalls einen treffenden Namen gefunden: In ihrer Maturzeitung «Nume e Nummere» werden sie «abgelaufenen Exemplare» genannt.

Beim Durchblättern der Maturzeitung fällt zudem auf, dass für viele die Fotos wichtiger waren als die Texte. Während Foto-Serien im und rund ums Schulhaus inszeniert wurden, lassen gewisse Texte zu wünschen übrig. Die Lektüre wird schon fast zu einer Durststrecke, wenn etwa Porträts auf Mundart verfasst werden und darin hochphilosophische Sätze vorkommen wie «In mega villne Pause isch sie ind Mensa gange, um ihre tägliche Proviant an Cola und Schoggi z' chaufe».

Von grösserem Interesse sind wohl die Sprüche aus dem Unterricht. So fragt sich eine Schülerin: «Het dr Goethe au e Nochname gha?» Amüsant werden die Sprüche-Sammlungen auch, wenn Lehrer versuchen, sich immer in einem gebildet-originellen Fachjargon zu äussern. Das hört sich dann ungefähr so an: «Öffnen Sie die Fenster, bevor ich mich in einen anderen Aggregatzustand verwandle.»Bemerkenswert ist, wie viel Zeit die Maturanden während dem Prüfungsstress noch aufgebracht haben, um eine Maturzeitung zu gestalten. Fotos müssen geknipst und unzählige Texte verfasst werden. Der Aufwand ist gross, das Resultat hauptsächlich eine schöne Erinnerung für die Klasse. Zudem müssen dafür Sponsoren gefunden werden, denn viele der Zeitungen sind vierfarbig und auf Hochglanzpapier gedruckt. Das kostet.

«Wehrt euch!»

Nur ein Erinnerungsstück zu produzieren, war für die 17 Schüler der Klasse 4AB zu wenig. Sie haben ihren «Kampf» geschrieben, um sich kritisch zu äussern. Das sprachliche Niveau ist hoch. Auch an Rückmeldungen sind die Schüler interessiert – sie haben eine Mailadresse eingerichtet. Erst auf der letzten Seite verlässt sie der Mut. Dort steht, dass man mit den Anspielungen keine Gefühle verletzen wolle ...

Trotzdem sollten sich gerade die jüngeren Schüler, die bekanntermassen zu den eifrigsten Lesern von Maturzeitungen gehören, angesprochen fühlen, wenn in «Unser Kampf» steht: «Schüler aller Nationen, vereint euch! Hinterfragt! Seid kritisch! Wehrt euch!»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1