Roli Noirjean, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

Roli Noirjean: Da steht Lachen.

Wann haben Sie zum letzten Mal gelacht?

Vor wenigen Minuten, als ich mich draussen von der Fotografin für dieses Interview ablichten liess. Und jetzt mit Ihnen hier drinnen im Café am Tisch.

Wie schätzen Sie die Bedeutung des Lachens ein?

Lachen ist etwas, das einen durch das Leben begleitet. Wenn die Menschen mehr lachen und sich selber nicht so ernst nehmen würden, hätten wir deutlich weniger Probleme auf der Welt. Schon Charlie Chaplin sagte, dass ein Tag ohne Lachen ein verlorener Tag sei.

Denken Sie, dass sich viele Menschen zu ernst nehmen?

Absolut. Das ist bei sehr vielen Leuten der Fall. Mit der Folge, dass es diese Menschen schwerer haben im Leben als solche, die sich nicht so ernst und wichtig nehmen. Man muss ja nur die Nachrichten schauen, um Personen zu finden, die so sind. Ich denke da an einen ziemlich bekannten Politiker mit blonden Haaren.

Gibt es Dinge, über die Sie nicht lachen können?

Vor gut einem Jahrhundert, als die Titanic gesunken ist, konnte niemand darüber lachen. Heute macht man Witze darüber, weil dieses Ereignis mittlerweile weit weg ist. Ich denke, man kann über alles lachen. Es kommt immer darauf an, wie man lacht. Beim Lachen gibt es keine Tabus. Bei dem, was ich als Clown mache, gibt es hingegen viele Tabus.

Wie meinen Sie das?

Ein Clown hat die Gürtellinie am Hals. Ich versuche bei meiner Arbeit immer, eine saubere Geschichte zu erzählen. Die ganzen Komiker, die nur Sex thematisieren, finde ich meistens nicht lustig. Aber es ist natürlich einfach. Lachen darf man aber grundsätzlich über alles.

Über welche Komiker können Sie persönlich herzhaft lachen?

Ich bin grosser Fan des trockenen britischen Humors. Hier gefällt mir vor allem Monty Python. Meine grössten Helden sind aber immer noch Dick und Doof. Dieser Humor ist zeitlos. Wenn ich gemeinsam mit Clown Gaston auftrete, dann orientieren wir uns häufig an diesem Duo. Früher standen wir fast jeden Abend zusammen auf der Bühne. Heute treten wir deutlich weniger auf.

Vermissen Sie das Rampenlicht?

Da ich es immer noch mache, vermisse ich es nicht. Ein langfristiges Engagement habe ich zusammen mit Gaston noch immer im Winter während einigen Wochen im Weihnachts-Circus Conelli. Zudem kann man mich für Feste buchen. Wenn ich mir andere Clowns im Zirkus anschaue, möchte ich aber hin und wieder selber gerne in die Manege springen. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich heute deutlich mehr Zeit für meine Familie habe.

Wie alle anderen sind auch Menschen, die einen Clown spielen, nicht immer glücklich. Wie gelingt es Ihnen, Probleme auszublenden, wenn Sie auf die Bühne gehen?

Es ist komisch. Der Vorhang ist wie eine Barriere. Ich arbeitete einmal während fünf Monaten mit einem Bandscheibenvorfall. Hinter den Kulissen konnte ich kaum laufen. Aber in der Manege bemerkte niemand, dass ich Schmerzen hatte. Die Anspannung war derart gross, dass das Gehirn die Schmerzen einfach ausgeblendet hat.

Welche Ziele verfolgen Sie als Clown?

Die Menschen zum Nachdenken anzuregen, sehe ich nicht als meine Aufgabe an. Dafür gibt es Philosophen und Buchautoren. Selbst in der Humorbranche gibt es diesbezüglich Sparten wie etwa das politische Kabarett. Clownerie hat die Aufgabe, das Publikum zu unterhalten. Leider muss ich in letzter Zeit feststellen, dass es immer weniger Clowns gibt.

Wieso ist das so?

Die alten Grossmeister, die noch vor einigen Jahrzehnten gearbeitet haben, wurden ersetzt durch Strassenkünstler, die in den Zirkus kamen. Heute fehlen deshalb die Lehrmeister für junge Clowns. Der letzte ist Gaston, der mir fast alles beibrachte, was ich heute kann.

Mit welchen Gefühlen verfolgten Sie das kürzlich bekannt gegebene Ende des Circus Nock, auf dessen Bühne Sie häufig gestanden sind?

Der Circus Nock gab mir im Jahr 1996 die Chance, erstmals in einem Zirkus aufzutreten. Tragisch finde ich, dass in der Schweiz das mediale Interesse vor allem auf den Circus Knie gerichtet ist. Dass es im Land aber auch noch einige andere Zirkusse gibt, die ums Überleben kämpfen, geht häufig vergessen.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zum ursprünglichen Thema zurück. Über was können Menschen überall auf der Welt lachen?

Schadenfreude funktioniert universell. Wenn ein Clown in der Manege über einen Gegenstand stolpert, können sich alle damit identifizieren, weil dasselbe jeder und jedem schon einmal selbst passiert ist.