Fanal Ali

Der Lebensretter von der Birs: «Für mich war es selbstverständlich, dass ich helfen muss»

Fanar Ali war gerade auf dem Weg zum Zahnarzt, als er sah, dass ein Bub mit den Fluten der Birs kämpft. Der 33-Jährige Familienvater zögerte keine Sekunde, ins Wasser zu springen – ohne seinen beherzten Einsatz wäre das Kind ertrunken.

Für Fanar Ali war es ein ganz normaler Tag. Am vergangenen Dienstag, kurz nach Mittag, war er vom Laufner Bahnhof in Richtung Stedtli unterwegs, er hatte einen Termin beim Zahnarzt. Als er zusammen mit seiner dreijährigen Tochter und seinem zweijährigen Sohn gerade über die Birsbrücke spazierte, kam den dreien eine aufgebrachte Passantin entgegen. Sie rief Ali zu, ein Kind sei in die Birs gefallen. Einen Augenblick später entdeckte auch er das Kind im Wasser. Es kämpfte um sein Leben. «Es war das erste Mal, dass ich zu so einem Unfallort kam. Doch für mich war es einfach selbstverständlich, dass ich helfen muss.»

Fanar Ali zögerte keine Sekunde. Der 33-Jährige bat die Frau, auf seine eigenen Kinder aufzupassen und suchte einen Weg, ans Ufer zu gelangen. Da entdeckte er die Steintreppe neben der Birsbrücke. Er eilte hinunter, doch von dort konnte er den Jungen erstmal nicht mehr ausmachen: Die Strömung hatte den Dreijährigen schon zu weit mitgerissen.

Einige Meter weiter flussabwärts sprang ihm dann endlich die Jacke des Jungen ins Auge. Ali sprang ohne zu zögern in die Fluten, schwamm dem Jungen hinterher – mitsamt Kleidern, Portemonnaie und allem anderen, was er auf sich trug.

50 Meter weit getrieben

Er habe sofort realisiert, dass es um Leben oder Tod ging. «Als ich den Jungen sah, erkannte ich schnell, dass es sich um ein kleines Kind handelte und keine Zeit verloren gehen darf», sagt Fanar Ali. Manch anderer hätte vielleicht den Mut dazu nicht gehabt, selbst zu handeln. «Es war meine Aufgabe den Jungen zu retten. Es blieb schlicht keine Zeit, um zu warten, bis die Polizei zur Hilfe käme.»

Die Birsbrücke in Laufen BL: Hier stieg Fanar Ali ins Wasser.

Als Fanar Ali den Jungen packen konnte, schwamm er mit ihm ans Ufer und zog ihn mit letzter Kraft aus dem Wasser. Rund 50 Meter weit wurde der Bub von der Strömung fortgetrieben. Es war keine leichte Aufgabe für Ali. Die Birs ist noch immer empfindlich kalt, die Kleider von Kind und Retter waren mit Wasser durchtränkt, der nasse Stoff zog beide nach unten.

Zwei Tage sind vergangen seit dem Vorfall. Ali steht in der Brockenstube Birsfelden, wo er arbeitet. Auch die Baselbieter Polizei ist da. Sie will dem Retter ein kleines Präsent überreichen, als Zeichen der Anerkennung für sein vorbildliches Verhalten.

Ali antwortet auf Hochdeutsch. Die neue Sprache bereitet ihm noch etwas Mühe. Der 33-Jährige ist Kurde und stammt ursprünglich aus Syrien. Vor acht Jahren ist er in die Schweiz gekommen, er lebt in der Region Basel.

Ging noch in nassen Kleidern zum Zahnarzt

Als Fanar Ali den Jungen an Land gezogen hatte, war die Aktion aber noch nicht vorüber. Der Bub hatte Wasser geschluckt, Ali drückte ihm mit den Händen auf den Brustkorb. Bald hustete der Dreijährige, spuckte Wasser aus und weinte zugleich. Alles habe sich sehr schnell abgespielt. Jemand hatte die Ambulanz gerufen, sie war gefühlte zwei Minuten später ebenfalls vor Ort.

Auch die Mutter des Kindes kam angerannt und wollte wissen, was passiert ist. Sie bedankte sich bei Fanar Ali und schloss ihren Sohn in ihre Arme. Die Umstände, wie genau das Kind ins Wasser fallen konnte, darüber gab die Polizei bislang keine Auskunft. 

Als sich die Ambulanz um den Jungen kümmerte, nahm Ali seine Kinder wieder zu sich. Er wollte doch eigentlich zum Zahnarzt. Er habe gewusst, dass der Junge in guten Händen sei. Darum sei er weitergegangen. Völlig durchnässt sei er in der Praxis aufgetaucht. Erst dort konnte er sich abtrocknen und wärmen.

Will den Buben wieder sehen

In der Polizeimeldung über den Vorfall hiess es, das Kind habe eine Unterkühlung und leichte Verletzungen erlitten. Auch der unbekannte Retter wurde erwähnt. Die Person sei jedoch verschwunden. Sie solle sich doch bitte melden.

Als Ali das mitkriegte, rief er die Polizei an. Ihn interessierte es vor allem, wie es dem Jungen ging. Er hofft, das Kind demnächst wieder zu sehen.

Er sieht seine Heldentat als selbstverständlich. «Vielleicht kommt ein Tag an dem eines meiner Kinder in Not ist. Und dann bin ich auch froh, wenn ihm jemand hilft.»

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Autor

Brooke Keller

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