Wahlsonntag

«Der Mist ist geführt» – im Regierungsgebäude gingen die Emotionen hoch

Wer bei kantonalen und eidgenössischen Wahlen Freuden und Enttäuschungen hautnah erleben will, muss ins Regierungsgebäude in Liestal gehen. Dort ist das Epizentrum, dort trifft sich, was Rang und Namen in der Baselbieter Politik hat. Von diesem Epizentrum spürte man gestern allerdings lange nichts.

12 Uhr: Journalisten und Landeskanzlei-Mitarbeiter sind praktisch unter sich. Doch dann kommt der erste Politiker – und erst noch der ranghöchste: Landratspräsident Hannes Schweizer (SP) tritt zum Fernseh-Live-Interview an. Nervös? «Nein, schon lange nicht mehr. Nervös bin ich nur, wenn ich bei einem Fussballspiel den Ball auf den Elfmeterpunkt lege.» Und er nutzt die Gunst der Stunde als Platzhirsch und gibt gleich am Radio das zweite Interview.

12.45 Uhr: Mit SVP-Präsident Oskar Kämpfer erscheint der Hauptakteur des bürgerlichen Wahlkampfs. Das Zwischenresultat, bei dem Thomas de Courten (SVP) schon weit hinter Kathrin Schweizer (SP) zurückliegt, kommentiert er mit den Worten: «Es ist zu befürchten, dass das Rennen gelaufen ist.» Die Unterstützung der CVP sowie eines Teils der FDP für de Courten fehle.

12.50 Uhr: Wie das Gesagte zu bestätigen, betritt ein lachender Balz Stückelberger (FDP) den Saal. Seine Fröhlichkeit habe nichts mit den Resultaten, sondern mit seinem Naturell zu tun. Er wirft einen Blick auf den Stand der Dinge und sagt: «De Courten hat das absolute Mehr erreicht, ist aber überzählig. Auch gut.»

13.20 Uhr: Der grosse Überraschungsgast erscheint – der Basler Regierungsrat Baschi Dürr (FDP). Er sei gerade auf dem Cliquen-Bummel hier und da habe er schnell hereinschauen wollen. Er habe im Alltag so viel mit seinen Baselbieter Kollegen zu tun.

13.40 Uhr: «Der Mist ist geführt. Das Resultat ist wie erwartet, aber anders als erhofft», bilanziert Kämpfer. Zu diesem Zeitpunkt liegt de Courten fast 5000 Stimmen hinter Schweizer. Kämpfer ergänzt, dass er das Scheitern de Courtens ab jenem Zeitpunkt erwartet habe, als die SVP bei der Erhöhung der Krankenkassen-Franchise gekippt sei. Da sei die Frage nach de Courtens Führungskompetenz als Präsident der Gesundheitskommission aufgetaucht.

14.20 Uhr: Immer mehr aktive, ehemalige und Möchtegern-Politiker tröpfeln ein und verwandeln das Regierungsgebäude langsam aber sicher in ein Bienenhaus. So fast gleichzeitig auch ein «glücklicher» Ständerat Claude Janiak (SP) und eine strahlende Nationalrätin Maya Graf (Grüne) mit einem Strauss aus Stechpalmen und blühenden Kirschenzweigen für den glänzend wiedergewählten Regierungsrat Isaac Reber.

14.39 Uhr: Thomas de Courten betritt das Regierungsgebäude gefasst, aber sichtlich niedergeschlagen: «Ich muss jetzt zuerst ein paar Mal durchatmen. Natürlich bin ich enttäuscht, nachdem ich so viel Energie in den Wahlkampf investiert habe.»

14.55 Uhr: Der Höhepunkt des Tages: Eine zurückhaltend lächelnde Kathrin Schweizer beschreitet an der Spitze eines Pulks von jungen SP-Politikern das Regierungsgebäude. Grosser Applaus und ein Blitzlichtgewitter schwappen ihr entgegen. Als einer der ersten gratuliert ihr de Courten «zum tollen Resultat». Ein paar Minuten später schliessen sich die vier wiedergewählten Regierungsräte an.

15.25 Uhr: Genüsslich betrachtet der ehemalige Baselbieter SP-Regierungsrat Peter Schmid die Resultate auf der Anzeigetafel. Seine Partei kehrt zurück in die Regierung und bei den Landratswahlen sieht es auch gut aus für die Sozialdemokraten. «In der SP Baselland haben in den letzten drei Jahren viele junge Mitglieder auf diese Wahlen hingearbeitet.» Die Eindeutigkeit, mit der Kathrin Schweizer den Einzug in den Regierungsrat schaffte, habe ihn jedoch überrascht und freue ihn sehr.

15.45 Uhr: Viele haben den Weg ins Regierungsgebäude gefunden, die sonst im Bundeshaus politisieren. Eine enttäuschte Nationalrätin Sandra Sollberger versucht, Erklärungen zu finden, weshalb ihre SVP eine heftige Wahlschlappe einstecken musste. «Auch viele Bürgerliche wollten eine Frau in der Regierung haben.» Die Baselbieter seien bekannt dafür, dass ihnen die Konkordanz wichtig sei. Bei den letzten Wahlen im 2015 habe die SVP von der Flüchtlingskrise profitieren können, jetzt habe die Sorge ums Klima den Grünen zusätzliche Stimmen gebracht.

16.15 Uhr: Gespannt blickt BDP-Präsident Marc Bürgi auf den Bildschirm. Noch hat er Hoffnungen, dass Marie-Therese Müller, einzige Landrätin der Kleinpartei, ihren Sitz halten kann. Rund eine Stunde später herrscht bei Bürgi aber traurige Gewissheit: Die BDP fliegt aus dem Baselbieter Parlament.

16.50 Uhr: Auf dem Balkon gönnt sich Samuel Mathys eine Zigarette. Der parteilose Nobody landete bei den Regierungswahlen erwartungsgemäss auf dem letzten Platz, konnte aber einen Achtungserfolg feiern. Die Wahlen seien für ihn «ein riesiger Spass gewesen», sagt er, und zündet sich einen weiteren Glimmstängel an.

18.15 Uhr: Langsam leert sich das Regierungsgebäude. Einzelne Parteien versammeln sich anschliessend und zelebrieren ihre eigenen Wahlfeste. Allen voran die Baselbieter Grünen, die grosse Siegerin des Wahlsonntags. Bis spät in den Abend hinein feiern sich die Grünen auf dem Ziegelhof-Areal in Liestal.

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