Im Wasser ist es ihm am wohlsten. Seit bald 90 Jahren schwimmt er schon. Er ist der einzige Schweizer, der in der Altersklasse 95 bis 99 noch Wettkämpfe bestreitet: Werner Keller, 1924 im Sternzeichen Fisch geboren. Er ist in Birsfelden aufgewachsen und wohnt heute im Oberbaselbiet. «In Birsfelden kann jeder schwimmen», betont er. Kein Wunder wählte Keller diese Sportart. Links sei die Birs, rechts der Rhein, «unser Bach».

Als 18-Jähriger nahm Keller an ersten Rennen teil. Nie an der Spitze. Er schwamm einfach mit. Mitmachen war wichtiger, nicht die Zeiten. Am liebsten Brust, aber auch Crawl, Rücken und Delfin. «Brustschwimmen ist wie Wandern, das kannst du ewig», begründet er seinen bevorzugten Stil. Werner Keller startete für die Schwimmsektion BSC Old Boys Basel, die er einst auch präsidierte. 1993 fusionierte der Verein mit dem SK Basel/Neptun zum SV Basel. Dieser feiert heuer sein 100-Jahr-Jubiläum.

Für einen Franken in den kalten Rhein

Keller war Langstreckler. Früher etwa auf dem Lago Maggiore von Ascona zu den Brissago-Inseln oder «den Bach ab» vom Waldhaus bis zur Kaserne. Auf dem Velo in einem Tag von Basel nach Genf. Oder zahlreiche Bergwanderungen, Hunderte von Kilometern.

Heutzutage benutzt Keller lieber Schwimmbäder als offene Gewässer. «So habe ich eine Messstrecke, um meine Zeiten vergleichen zu können.» In jungen Jahren überquerte er den Rhein noch bei einer Wassertemperatur von 16 Grad – für einen Franken aus einer Wette mit Kollegen. Nun sollten es schon 22 Grad sein.

Zweimal wöchentlich legt Werner Keller 500 Meter im Bassin zurück. Dafür benötigt er jeweils etwa 25 Minuten. Verleidet ist es ihm noch nie, «das ist vielleicht ein bisschen wie eine Seuche», sinniert er. Zudem läuft er einmal pro Woche von Liestal via Oristal nach Seltisberg, «den Stich hinauf, ohne anzuhalten». Täglich absolviert er kurze Gymnastikeinheiten.

Der schlanke Mann misst 170 Zentimeter und wiegt 70 Kilo. «Mein Gewicht ist seit 40, 50 Jahren konstant», sagt er bestimmt und fügt an: «Auf der Strasse schätzen mich die Leute etwa 75-jährig.» Jährlich macht er als Athlet der Masterkategorien noch an zehn Wettbewerben in diversen Schweizer Orten mit. Auch heuer. Jetzt besitzt er über die verschiedenen Distanzen alle zehn Schweizer Rekorde seiner Altersklasse, zu der er seit Beginn des Jahres zählt. Er sei nicht sehr ehrgeizig, aber wenn man Rekorde habe, sei es schon schön. Er sei stolz darauf, würde das aber nicht überbewerten. «Ich habe diese Rekorde ja nur, weil ich so alt geworden bin», konstatiert er.

Zehnmal in den Top Ten der Welt

2018 schwammen in der Altersklasse 95 bis 99 weltweit noch sieben Männer Rennen. Die neue Liste erscheint erst zu Beginn des kommenden Jahres. «Nur noch ein 100-Jähriger, ein Amerikaner, ist aktiv», weiss Keller. Der Baselbieter figurierte im vergangenen Jahr über 200-Meter-Distanzen dreimal in den Top Ten der Welt. Jetzt sogar zehnmal!

Beruflich machte der passionierte Schwimmer, der Aktivdienst geleistet hatte, «einen Haufen Sachen». Er war in der chemischen Industrie und bei Versicherungen tätig, steuerte einst sogar die legendäre «Dante Schuggi» durch Basel. Zuletzt betrieb der kaufmännische Angestellte bis vor 20 Jahren eine eigene Firma für Versicherungsverwaltungen und Treuhand. Werner Keller hat einen Sohn und eine Tochter, die auch bereits im AHV-Alter sind, sowie drei Enkelkinder. Eine Enkelin hätte das Talent für eine gute Schwimmerin besessen, sie habe jedoch aufs Studium gesetzt. «Sie wollte nicht Zeit für den Spitzensport aufbringen. Schwimmen ist eine brotlose Kunst», spricht Keller aus Erfahrung.

Der 95-jährige Seltisberger, der zuvor lange Zeit in Lampenberg gelebt hat, spürt vom Schwimmen keine Abnützungserscheinungen, höchstens altersbedingte. Er sei nie ein Spinner gewesen, der Kilometer um Kilometer abgespult habe, erzählt er. Kellers Frau, heute 93 Jahre alt, schwamm früher ebenfalls. Sie sagt: «Das ist schon recht, wenn Werner seine Leidenschaft auslebt. Ich habe dafür auch Zeit für mich und meine Bedürfnisse.»

Schwimmbewegung hat zu schwache Lobby

Schwimm-Meisterschaften am Fernsehen verfolgt der rüstige Rentner höchstens nach dem Zufallsprinzip. «Das spritzt ja nur noch», meint er. Turmspringen hingegen findet er «sehr ästhetisch». Dass die Region Basel noch immer über keine ganzjährige Schwimmhalle mit einem 50-Meter-Becken verfügt, führt Werner Keller auf die zu schwache Lobby der hiesigen Schwimmbewegung zurück. «Diese dringt politisch nicht durch – auch wegen der Medien, welche diese Sportart stiefmütterlich behandeln», analysiert der frühere Vereinspräsident. In seiner damaligen Funktion bei der Schwimmsektion BSC Old Boys Basel regte er vor Jahrzehnten an, Krafttrainings einzubauen. «Ich wurde nur ausgelacht. Das gehöre nicht zum Schwimmen, hiess es.» Heute ist Krafttraining fixer Bestandteil im Programm eines jeden Schwimmers.

Werner Keller ist diszipliniert und willensstark. Er hat aber auch eine andere Seite und nimmt sich Zeit für Musse. «Schauen Sie mal, was ich mir gönne», spricht er mit sanfter Stimme, und zeigt vom Sitzplatz aus ins Grüne. Gediegen Wohnen am Rand von Seltisberg mit Blick auf Nuglar und dem dahinterliegenden Hügelzug. «Jeden Tag, wenn ich am Morgen aufstehe, freue ich mich über das schöne Logis und die Aussicht.» Auch einem guten Essen ist der smarte Mann nicht abgeneigt. Und täglich raucht er seine Tabakpfeife, hin und wieder Zigarillos, «aber ohne zu inhalieren».

Kellers Rezept für ein langes, gesundes Leben

Auf die Frage, weshalb er in seinem hohen Alter noch derart bewundernswert fit sei, holt Werner Keller aus: «Ich bin seit 70 Jahren verheiratet mit einer vernünftigen Köchin. Drei Mahlzeiten pro Tag, viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch. Regelmässiger Schlaf; ich besuche keinen Anlass, der bis morgens um 1 Uhr dauert. Gute Luft wie in Lampenberg und Seltisberg. Freude an der Arbeit; ich ging immer gerne arbeiten, auch montags und nach den Ferien. Ich hatte einen eigenen Garten und während dreier Jahrzehnte Hunde, mit denen ich spazieren ging.» Das bekannte Glas Rotwein pro Tag ist aber nicht das Ding des 95-Jährigen.

Damit noch nicht genug. Neben Schwimmen betrieb Keller auch andere Sportarten: Radfahren, Orientierungslauf, Langlauf, Ski alpin bis ins 85. Altersjahr, militärischer Dreikampf. Werner Keller tut alles für seine Gesundheit, was in seinen Händen liegt. Er hatte aber auch das Glück, nie ernsthaft krank gewesen zu sein – mit Ausnahme einer Tropenkrankheit, die ihm zwei Jahre zu schaffen machte.

Keller strebt stets nach einem Ziel. Im kommenden Jahr finden wieder Europameisterschaften der Masters-Schwimmer statt, in Budapest. Er ginge gerne dorthin, wisse aber nicht, was ihm das noch bringe, so Keller. Dennoch hat er ein Ziel vor Augen. Kellers Augen leuchten, und er bekräftigt: «100 werden.»