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Der Regionalität einen Korb geben: Corona-Bewusstsein lässt nach

Gemüse aus der Region war kurzfristig im Trend.

Gemüse aus der Region war kurzfristig im Trend.

Doch keine regionalen Produkte - das nachhaltige Bewusstsein während des Lockdowns scheint nicht langfristig.

Als Mitte März der schweizweite Lockdown ausgerufen wurde, stürmten Menschen nicht nur auf Pasta und Toilettenpapier im Supermarkt los; auch Hofläden sowie Lieferantinnen und Lieferanten von Gemüse- und Früchtekörbe erlebten einen Ansturm. Die Nachfrage nach regionalen Produkten stieg stark an.

«Man kehrte zu den alten Werten zurück und vertraute auf uns Bauernfamilien. Ich glaube, wir vermittelten eine gewisse Stabilität, weil wir schon immer da waren» sagt Nadia Graber, die auf ihrem Hofgut Obere Wanne Jungpflanzen für Gemüsegärten verkauft. Das steigende Bedürfnis nach regionalen, nachhaltigen Produkten führte zu Diskussionen über das Konsumverhalten der Gesellschaft mit der zentralen Frage: Entwickelten die Menschen in dieser Notlage ein nachhaltigeres Bewusstsein? Denn auf einmal hatte die Bevölkerung das Bedürfnis, einen Gemüsekorb mit saisonalen Produkten zu abonnieren, oder kaufte die Eier nicht im Supermarkt, sondern in einem Hofladen auf dem Land.

Vermehrte Kündigungen des Gemüsekorbs

Auf den Hype folgt die Ernüchterung: Alexander Tanner von der Agrico Genossenschaft Birsmattehof in Therwil berichtet, dass einige das Abonnement des Gemüsekorbs bereits wieder gekündigt haben und sich die Nachfrage normalisiere. Armin Heyer, Mitgründer der Bio-Velokurierzentrale Öpfelchasper berichtet Ähnliches: «Die Hälfte der Abonnements, die während des Corona-Lockdowns hinzukamen, sind wieder abgesprungen.» Die Bio-Velokurierzentrale liefert ebenfalls Körbe mit regionalen Produkten an die Haustüre.

Vor zwei Monaten sah die Situation bei den beiden Lieferanten noch ganz anders aus. Es musste mehr produziert werden, damit man der stark angestiegenen Nachfrage gerecht werden konnte. Dies war beim Öpfelchasper nur deswegen möglich, weil fast alle Firmenkunden wegfielen und die Bio-Velokurierzentrale den Überschuss somit an die neuen Privatkundinnen und -kunden ausliefern konnte. «Zwei Wochen nach dem Lockdown hatten wir 80 Prozent Privatkunden und 20 Prozent Firmenkunden – das ist sonst umgekehrt», berichtet Heyer. Ohne diesen Ausgleich hätte man nicht genug Lebensmittel gehabt, um dem Anstieg der Nachfrage gerecht zu werden.

Der Birsmattehof stiess ebenfalls an Grenzen: «Wir waren am Limit. Die Lager waren fast immer leer», sagt Tanner. Durch den Ausfall der Wochenmärkte sparte man zwar an Lebensmittel, diese Ersparnisse reichten aber für die neuen Kunden nicht aus. «Zum Glück hatten wir einen guten Saisonstart», so Tanner. Zudem konnten kurze Kulturen ausgeweitet werden. Das führte zu einer grösseren Ernte.

Heute merkt er den Rückgang besonders beim Verkauf direkt ab Hof im Hofladen, denn dort standen die Menschen während des Lockdowns Schlange. Vermehrt pilgern die Leute zurück in den Supermarkt. «Jetzt nutzen viele andere Einkaufsmöglichkeiten und in unserem Hofladen ist wieder ruhiger», meint er. Öpfelchasper liefert mehrheitlich wieder an Firmen, weil ein grosser Teil der Privatkundinnen und -kunden abgesprungen sind. «Es hat sich wieder umgekehrt», sagt Heyer.

Umdenken der Gesellschaft ist kurzweilig

Viele hätten aus coronaspezifischen Gründen nachhaltig konsumiert, meint Heyer. «Man merkte, dass Lebensmittel nicht selbstverständlich sind, aber das war kein nachhaltiges Umdenken», sagt er. Bina Thürkauf, Geschäftsleiterin der Biogärtnerei am Hirtenweg, sagt Ähnliches: «Jede Veränderung gibt einem Hoffnung auf grundlegende Entwicklungen in der Gesellschaft. Der Mensch ist aber wohl zu träge, um sich so schnell in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern». Der Trend des nachhaltigen Konsums gebe es aber allgemein schon länger, meint Nadia Graber des Hofguts Obere Wanne, dieser habe sich während Corona einfach akzentuiert und die Bevölkerung sei temporär zu alten Werten zurückgekehrt. Auch Tanner sagt, dass der Anstieg der Nachfrage während des Lockdowns kein nachhaltiges Umdenken widerspiegelt.

Hoffnung auf fundamentale Veränderungen bleibt

So sehr sich Alexander Tanner und Armin Heyer wünschen, dass sich die Bevölkerung in die Richtung eines regionalen Konsumverhaltens mit einem stärker nachhaltigen Bewusstsein bewegt – sie sind sich einig, dass sich die Gesellschaft in einer solch kurzen Zeit nicht so fundamental verändern kann.

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