Klettersport

Der Reiz der Vertikalen im Baselbiet

Chris Frick klettert am Chuenisberg: Der Fels verhalf dem Basler Jura zu seinen «fifteen minutes of fame».

Chris Frick klettert am Chuenisberg: Der Fels verhalf dem Basler Jura zu seinen «fifteen minutes of fame».

Mit seinem neuen SAC-Kletterführer möchte Chris Frick zum Erhalt der geschichtsträchtigen Freikletterei im Basler Jura beitragen.

Die schroffe Abzweigung ausserhalb Nenzlingens ist ein stilles Örtchen. Ausser Vogelzwitschern und Bienensummen hört man kaum etwas an den überwucherten Panzersperren aus längst vergangenen Kriegsjahren. Selbst das Eintreffen von Chris Frick stört die Geräuschkulisse nicht: Der 52-jährige Kletterer fährt Elektroauto. Von seinem umweltbewussten Lebensstil zeugt auch der eigentliche Grund des Treffens. Im eben erschienenen Kletterführer, der Frick im Auftrag des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) verfasst hat, findet man immer wieder Hinweise, Rücksicht gegenüber Flora und Fauna zu zeigen. «In der Baselbieter Politik hatten wir Kletterer einen schlechten Ruf», erklärt Frick, während er einen Waldpfad einschlägt. «Man warf uns pauschal vor, den Wildwechsel zu stören und zu wenig auf seltene Pflanzen an den Felsen zu achten.»

Dank Revolte der Freikletterer zur Weltgeschichte im Basler Jura

Plötzlich hört man Wortfetzen aus dem Wald und unvermittelt türmt sich der Chuenisberg, eine rund 25 Meter hohe Felswand, vor Frick auf. Die Klettergruppe, die sich vor dem Fels vorbereitet, grüsst, plaudert und es scheint, als erfahre Frick in der lokalen Kletterszene viel Achtung. Nicht ohne Grund: Wirft man einen Blick in den Führer, fällt auf, dass am Chuenisberg besonders viele Routennamen Fricks Handschrift tragen. Die Bedeutung, die Frick dem Ort beimisst, ist von Historie und Ehrgeiz gekennzeichnet: Die Erstbegehung, die Antoine Le Menestrel 1986 gelang, katapultierte die Route «Ravage» mit dem nie zuvor vergebenen Schwierigkeitsgrad 8c an die Weltspitze. Für Frick, der 1982 mit dem Klettern begann, wurde die «Ravage» zur Meisterprüfung: «An diese Route ging ich mehrere Jahre, bis ich sie klettern konnte. Hier habe ich mir die Sinnfrage gestellt und gleichzeitig gelernt, wie ich mich physisch und psychisch weiter entwickle.» 2002 gelang ihm die Route als neunter Mensch überhaupt.

Allem Ehrgeiz zum Trotz sieht sich Frick nicht als Sportler. Ganz im Sinne der Freikletterpioniere ist Klettern für ihn eine Lebensphilosophie, die Körperbewusstsein, Intellekt, Kreativität und Umweltbewusstsein vereint. Wenn er von den Anfängen der modernen Kletterszene im Basler Jura erzählt, die unmittelbar an die 68er geknüpft sind, glaubt man fast, er sei selbst dabei gewesen. «In seinen Anfängen war Klettern durchaus politisch, da sich die jungen Freikletterer von den tradierten Bergsteigern abgrenzen wollten.» Der Zündstoff, an dem sich der Generationenkrieg entfachte, war das Magnesia. Da in der etablierten Bergsteigtechnik Haken und Seil auch zur Fortbewegung benutzt wurden, fühlten sich nicht wenige von den jungen Kletterern provoziert: «Mittels Training konnten sie sich auf einmal an Felsen festhalten, die bislang als unkletterbar galten», erzählt Frick. Im nachfolgenden «Magnesiakrieg» wurde das Hilfsmittel von der alten Bergsteigergarde als Lügenpulver verpönt.

Hotspot Wald: Zusammenarbeit statt Konfrontation

Wenn Frick redet, sprechen seine Hände mit. Es sind kräftige, mit Schürfungen versehene Hände. Er verbringe noch heute viel Zeit beim Klettern und Routenunterhalt. Und was als schreibmaschinengeschriebenes Heft für Freunde seinen Anfang nahm, ist mit dem eben erschienenen Führer zu einer Herzensangelegenheit geworden: «Das Buch soll dazu beitragen, den Basler Jura als Klettergebiet zu erhalten.» Frick greift damit auf, was seit Mitte 90er bittere Realität ist: Sukzessive wurde aufgrund von Regierungsratsbeschlüssen eine Route nach der anderen gesperrt. Für den Kletterer liegt der Grund dafür in der Umsetzung von Naturschutzbestimmungen: «Steile, felsige Gebiete sind unattraktiv für eine profitable Waldwirtschaft, weswegen sie kurzerhand zu Naturschutzgebieten erklärt werden.» Dabei sei vonseiten einiger Kletterer mit der Gründung der Interessensgemeinschaft Klettern Basler Jura selbst darauf hingewiesen worden, wo schützenswerte Felsen liegen. Der anfänglich hitzige Diskurs hat sich dank Aufklärungsarbeit und der Zusammenarbeit mit Biologen allmählich entspannt. «Wir verzichten freiwillig auf das Klettern in Gebieten wie dem Hanslifels, weil dort seltene Pflanzen wachsen», sagt Frick. Ausserdem sei es heute gang und gäbe, niemals auf dem Felskopf auszusteigen. «Das haben wir kapiert», sagt Frick, «für uns Kletterer ist das Erklimmen des Gipfels sowieso sekundär. Unser Gipfelerlebnis ist der perfekte Kletterzug.»

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