Werner Fischer

Der Rottenchef mit dem grünen Stock

Rottenchef der 4. Rotte: Werner Fischer in Banntags-Montur. Nicole Nars-Zimmer

Rottenchef der 4. Rotte: Werner Fischer in Banntags-Montur. Nicole Nars-Zimmer

Am Montag wird man im Stedtli wieder durch Schüsse begrüsst. Nach sechs Uhr beginnen die Banntags-Schützen vor dem Törli mit dem Knallen aus Vorderlader-Waffen. Mittendrin wird Werner Fischer (52) sein, der neue Chef der 4. Rotte.

Fischer wird sich mit anderen Bürgern, Tschamauchen (Zuzüger ohne Bürgerrecht) und Gästen – mit Hut, Stock und Maien – in der Rathausstrasse versammeln. Die Männer stellen sich zu einer der vier Rotten, deren Zuteilung abhängig vom Wohnquartier oder der familiären Tradition ist. Pünktlich um acht marschieren die Rotten mit Fahne, Rottenspiel (Pfeifer und Tambouren) und Schützen zum Stedtli hinaus, um auf den traditionellen Routen die Gemeindegrenzen (Bann) abzulaufen.

In seinem ersten Jahr als Rottenchef läuft Fischer mit der 4. Rotte die Route Seltisberg. Diese führt via Sichteren ob dem Schiessplatz zum Wald, hinunter ins Oristal und dann auf den Seltisberg – dort findet der Znünihalt statt. Der Rückweg führt via Glindrain und dem Burg-Brunnen bis ins Stedtli. Das sind 10,87 Kilometer – die kürzeste Banntags-Route. Jede Rotte legt einen Viertel der Gesamtstrecke zurück, welche total 51,21 Kilometer beträgt. Fischer, Liestaler Bürger, ersetzt René Steinle, der das Amt acht Jahre ausfüllte. Er erzählt: «Wir schauen, dass der Verantwortliche regelmässig neu gewählt wird. Ich finde es wichtig, dass niemand an diesem Ämtli klebt und jemand neue Dinge anders umsetzen kann.» In der Znünipause wird Fischer erstmals die traditionelle Rede halten. Reden halten darf nur der Chef, alle anderen sind Gleiche unter Gleichen. Der Familienvater hat den Text «mehrheitlich» fertig geschrieben. Fischer, FDP-Fraktionschef im Einwohnerrat, gibt zu, etwas nervös zu sein: «Die vorherigen Rottenchefs waren für ihre Reden berüchtigt. Ich muss grosse Schuhe mitnehmen, um diese Fussstapfen aufzufüllen.»

Wie der Vater, so der Sohn

Als Sohn eines Banntäglers ging Werner Fischer bereits als Kind am Banntag mit. Während seiner Ausbildung machte er – wie viele es tun – eine Pause. «Erst vor rund 26 Jahren» fand er zum traditionellen Anlass zurück und nahm seither immer teil. Auch Fischers Sohn Matthias (20) ist in seiner Rotte – schon seit dem zweiten Kindergarten. Doch der Nachwuchs schrumpft wie andernorts. In Werner Fischers Kindheit hätten 100 Kinder teilgenommen; heute seien es noch knapp ein Dutzend. «Aber mir ist es lieber, diesen wenigen macht es Spass.»

Heute geht es nicht mehr darum, den Grenzverlauf zu kontrollieren und notfalls mit Gewalt zu verteidigen. Fischer gefällt am Brauch: «Wenn man zusammen in den Wald geht, sind alle gleich – vom Arbeiter bis zum Direktor. Ich denke, dieser Wert wird heute allgemein unterschätzt.»

Berüchtigte Liestaler

Früher kam es vor, dass es Kämpfe und Schlägereien an der Grenze gab. Wenn man den Geschichtsbüchern glauben darf, finden alle Banntage an Auffahrt statt, nur die Liestaler führten ihren am Montag davor durch. «Irgendwie waren die Lieschtler besonders berüchtigt für Reibereien. Der Regierungsrat verfügte, dass diese bitte am Montag gehen sollen.» So sei die Gefahr geringer gewesen, dass man aneinandergerate. «Heute sind wir ganz sanftmütige Bürger, wie alle anderen auch», schiebt er vergnügt nach.

Grün als Markenzeichen

In der Masse der rund 230 Personen der 4. Rotte sticht Fischer auch optisch hervor. Er trägt einen grünen Kittel. Fischer ist von Haus auf Gärtner, darum fand er das passend. Doch zu Beginn stiess er damit auf Kritik – besonders aus grünen Kreisen: Es sei verpönt und nicht zeitgemäss. Normalerweise ist der Stock braun. Zu seinem grünen Stock kam es so: «Einmal standen wir spätabends in einer Beiz auf. Alle hatten den gleichen Stock, den sie am selben Ort gekauft hatten, und wir konnten sie nicht unterscheiden.» Also ging er heim, schliff seinen ab und bemalte ihn wiesenfarben.

Im Stedtli stehen die Zuschauer jeweils am Strassenrand. «Logischerweise sind das hauptsächlich Frauen», erzählt Fischer. Viele Banntage der Region haben das Frauenteilnahmeverbot abgeschafft. Ausser jene in Liestal und Sissach. Bei den schulpflichtigen Kindern dürfen allerdings Mädchen teilnehmen. Auf diesen Widerspruch angesprochen, lacht der Gärtner: «Ihr Frauen geniesst es doch auch manchmal, unter euch zu sein.»

Aber warum dürfen sie nun nicht teilnehmen? Wir bekommen vom Rottenchef ein oft genanntes Argument zu hören: «Das kommt halt von früher.» Da ruft seine Frau Karin aus dem Nebenzimmer: «Wir brauchen das auch nicht.» Sie setzt sich am Wohnzimmertisch hinzu und erzählt, die meisten Frauen würden morgens im Stedtli zuschauen. Nachdem die Männer losgelaufen sind, gingen sie zusammen Kaffee trinken. «Danach machen sich die Frauen auch einen schönen Tag.»

Strauss muss geklaut werden

Wer in Liestal wohnt, hat das Recht, am Banntag teilzunehmen. Gäste müssen von einem Bürger eingeladen werden. Der Rottenchef findet: «Das hat eine gute integrative Wirkung. Am Ende des Tages kennt man sicher ein paar Leute mehr.» Zugezogenen muss er jeweils einiges erklären. Beispielsweise das Organisieren des Maie (Strauss), der an der linken Seite des Banntagshutes befestigt wird. Traditionell besteht dieser aus Tulpen, Flieder und Welschgras. «Das muss ich den Neuen jeweils erklären: Ein Banntagsstrauss ist gestohlen!» Fischer beginnt zu lachen. Auf die Aussage, sie müssten ihn «chlaue», erntete er schon mehrfach schiefe Blicke und die Frage: «Wie kannst du dir das in deiner Stellung erlauben?»

In Liestal gilt: Wer am Abend vor dem Banntag viele schöne Tulpen im Garten habe, der müsse damit rechnen, dass sie am Montagmorgen verschwunden sind.

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