Nähkästchen

Der Santiglaus im Jahr 2019: «Ich versuche immer, konstruktiv zu sein»

Zwischen zwei Touren fand er gestern, an seinem Tag, auch rasch Zeit für uns: Santiglaus Stephan aus Bottmingen.

Zwischen zwei Touren fand er gestern, an seinem Tag, auch rasch Zeit für uns: Santiglaus Stephan aus Bottmingen.

Santiglaus Stephan plaudert aus dem Nähkästchen – über importierte Mandarinen, die nicht mehr zeitgemässe Rute und Konkurrent Santa.

Santiglaus, welchen Begriff hast Du aus dem Nähkästchen gezogen?

Santiglaus: Respekt.

Was fällt Dir dazu ein?

Anstand, Vertrauen, Gehorsam. Respekt muss man lernen und lehren. Aber er ist etwas verloren gegangen.

Haben die Kinder keinen Respekt mehr vor Dir?

Doch, das schon. Zumindest, bis sie etwa neun, zehn Jahre alt sind. Dann beginnen sie zu zweifeln. «Bist Du der richtige Santiglaus?», heisst es dann, oder «Gibt es Dich wirklich?»

Was antwortest Du dann?

Ich sage: «Natürlich bin ich es. Sonst wäre ich ja jetzt nicht hier!» Dann kehrt der Respekt fast immer zurück.

Du hast keinen Schmutzli dabei. Wurde er von der Kesb, der Kinder- und Erwachsenenschutz-Behörde, eingezogen?

Nein, ich bin seit einigen Jahren alleine unterwegs. Es wurde irgendwann zu kompliziert, alle Termine zu koordinieren. Es war schon schwierig, mir Zeit für Euch freizuschaufeln.

Dann musst Du der Böse sein und kannst das nicht auf Schmutzli abschieben!

Nein. Ich bin ein lieber Santiglaus. Keiner, der bestraft.

Vermissen die Kinder den Schmutzli nicht?

Nein. Und wenn sie fragen, sage ich, er sei krank geworden. Thema erledigt.

Rute trägst Du auch keine.

Nein. Wie gesagt: ich möchte kein böser Klaus sein. Ich habe ein Glöckli dabei und das goldene Buch. Da steht alles über die Kinder drin. Ob sie brav waren – oder halt nicht.

Gibt’s dann Schimpfis?

Höchstens ein bisschen. Viele Eltern erwarten das von mir: Dass ich auch negative Eigenschaften aufzähle. Aber ich versuche immer, konstruktiv zu sein. Vor mir soll man keine Angst haben. Respekt schon – aber keine Angst. Ein Beispiel: Ein vierjähriges Mädchen soll den Nuggi aufgeben. Dann frage ich es, ob es bereit wäre, das zu tun. Am Ende liegt der Nuggi in meiner Hand. Das Kind hat ihn selber hineingelegt. Später deponiere ich den Nuggi aber wieder im Briefkasten – für den Notfall. Etwa, falls das Kind nicht einschlafen kann.

Du hast Nebenbuhler erhalten. Es gibt den Weihnachtsmann oder Santa Claus. Die machen Dir mächtig Konkurrenz!

Das spüre ich fast nicht. Santa Claus ist Santa Claus, das Christkind ist das Christkind, und ich bin der Santiglaus. Gerade in unserer Region ist der Brauch stark verankert. Am 6. Dezember kommt der Santiglaus oder Niggi-Näggi, das lernen die Kinder schon in der Schule, zum Glück.

Es gibt mittlerweile auch Chläusinnen. Fühlst Du Dich, als alter weisser Mann, nicht auch ein wenig von ihnen bedroht?

Nein. Ich habe sie auch schon empfohlen, wenn ich ausgebucht war. Aber ich habe auch schon skeptische Stimmen von Eltern vernommen.

Wo liegt das Problem?

Sie sagten, der Santiglaus müsse ein Mann sein. Es ist auch nicht ganz einfach für eine Frau: Sie hat zwar den langen weissen Bart und trägt die gleichen Kleider wie ich. Aber sie hat eine hohe Stimme. Es hiess, die Kinder habe das verwirrt. Bei Traditionen sind die Menschen konservativ. Sie wollen, dass es genau so ist, wie sie es als Kind erlebt haben.

Es gibt immer mehr Kirchenaustritte, und in unserer Region leben viele Menschen, denen die christliche Kultur wenig vertraut ist. Ist das ein Problem für Dich? Du stammst schliesslich von einem Bischof ab!

Nein. Wie gesagt, der Brauch ist stark verankert. Die Leute wollen den Santiglaus sehen, haben Freude an mir. Auch diejenigen, die keinen christlichen Hintergrund haben. Das sah ich bei Auftritten an Schulen: Auch Kinder und Eltern mit türkischen oder indischen Wurzeln finden mich toll. Die interessiert nicht gross, was meine Kleidung zu bedeuten hat. Aber umgekehrt sieht man sehr wohl einen Effekt: Bei Leuten, die ursprünglich aus Italien und Spanien stammen, habe ich einen höheren Stellenwert als bei manch waschechtem Schweizer.

Du bringst Erdnüssli, Mandarinen, Clementinen, Orangen. Wurdest Du schon kritisiert, dass diese importierten Gaben nicht klimaneutral sind?

Das habe ich noch nie gehört, wirklich noch nie! Was aber zunimmt: Nussallergien. Da muss ich aufpassen. Und Lebkuchen ist auch immer weniger beliebt bei den Kleinen, ganz klar.

Was verteilst Du sonst alles noch?

Ich kann nicht alles Material mitschleppen. Darum erhalte ich normalerweise von den Eltern die Gaben für die Kinder. Das kann ein Säggli aus der Migros sein, mit Nüssli, Mandarinen, Grättimaa und Schokolade drin, manchmal aber auch ein teures Geschenk.

Was zum Beispiel?

Einmal gab mir ein Vater ein teures ferngesteuertes Auto mit, das ich seinem Buben überreichen sollte. Für meinen Geschmack ist das übertrieben. Immer mal wieder übergebe ich Couverts. Wenn die Kinder sie öffnen, sehe ich, dass Geld drin steckt. Ich würde eher etwas zum Essen oder etwas Gebasteltes schenken.

Du hast jetzt auch schon einige Jährchen auf dem Buckel. Was war früher anders als heute?

(überlegt) Es wird viel mehr fotografiert und gefilmt als früher, und ich meine nicht die Kinder. Die Eltern haben sofort ihre Smartphones gezückt. Manchmal werde ich schon bei der Ankunft gefilmt, etwa, wenn ich vom Garten her komme. Für mich ist das in Ordnung. Wenn man mich nett fragt, posiere ich auch. Das gehört heute wohl einfach dazu.

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