Rassismus

Der Sockelsturz von General Sutter: Auch im Baselbiet kommt die Debatte in Fahrt

Am Montag liess das Sacramento Sutter Hospital die Statue entfernen, die Baselland 1987 mitfinanziert hatte.

Am Montag liess das Sacramento Sutter Hospital die Statue entfernen, die Baselland 1987 mitfinanziert hatte.

In Sacramento wurde die Statue von Johann August Sutter entfernt. Zu gross war der Protest der indigenen Bevölkerung gegen den Sklavenhalter geworden. Auch in Baselland fordert die Politik nun die Aufarbeitung. Und ein Sissacher Kirsch-Produzent hinterfragt seine Marke.

Erst kam der Farbanschlag, jetzt der Abriss. Die Statue von Johann August Sutter in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento ist nicht mehr. Doch der Sockelsturz vom Montag ist mit der Farbbeutel-Attacke von vergangener Woche nicht vergleichbar: Nicht Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung zerrten den als einen der Gründerväter der Stadt verehrten, nun aber wegen Sklaverei und Ausbeutung kritisierten «John Sutter» mit einem Kranwagen vom Podest. Es geschah auf offizielle Anordnung des Krankenhauses, vor dem die Statue stand. Das Sutter General Hospital tat dies «aus Respekt vor den Ansichten einiger Bürger sowie im Interesse der öffentlichen Sicherheit für unsere Patienten und Mitarbeiter», wie amerikanische Medien berichteten.

«General Sutter»-Kirsch beschäftigt die Nebikers

In Baselland, das 1987 die Statue in Sacramento mit Lotteriefonds-Geldern mitfinanzierte, ist man noch nicht so weit, sich offiziell von «General Sutter» zu distanzieren. «Der Regierungsrat hat sich bisher noch nicht damit befasst und kann daher nicht Stellung nehmen», heisst es auf Anfrage bei der Landeskanzlei. Das kritische wissenschaftliche Essay der Baselbieter Historikerin Rachel Huber sowie die Verhüllung des Sutter-Gedenksteins in dessen Heimatort Rünenberg durch die Baselbieter Juso bringen aber Bewegung in die Sache.

So zeigt sich etwa Susanne Nebiker grundsätzlich offen gegenüber dem Diskurs rund um Sutter. Sie ist die Enkelin von Hans Nebiker, der 1938 in Sissach begann, «General Sutter»-Kirsch zu brennen. Ihr Vater Ueli Nebiker richtete sich im Dachstock der Brennerei zudem ein kleines Sutter-Privatmuseum ein. «Wir wussten immer, dass General Sutter ein zwiespältiger Mann war, dass er 1834 seine Familie im Stich liess, um in die USA zu fliehen», sagt die Geschäftsleiterin der Nebiker AG. Dass er aber auch indigene Frauen und Kinder versklavte und dabei besonders brutal vorging, habe sie erst durch Hubers Essay Ende 2019 erfahren. «Wir verherrlichen ihn nicht, er ist für uns bloss eine Marke.»

Wird aus der Mohrenkopf-Debatte im Baselbiet nun plötzlich eine Sutter-Kirsch-Debatte? «Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, ob wir etwas verändern, aber vielleicht sollten wir das Thema wirklich in der Geschäftsleitung anschauen», so Susanne Nebiker. Das würde wohl auch ihre Cousine unterstützen. Regula Nebiker, Liestaler Stadträtin und Staatsarchivarin, findet die Debatte um Johann August Sutter wichtig. «Ich glaube nicht, dass mein Grossvater für seinen Kirsch ausgerechnet diesen Kopf gewählt hätte, wenn er gewusst hätte, was wir heute über General Sutter wissen», sagt sie zur bz.

Mehrere Vorstösse in Land- und Einwohnerrat

Der Historikerin geht es aber um mehr als den Kirsch ihrer Verwandten. Der Kanton solle seine Rolle aufarbeiten. «Als die Regierung Ende der 1980er Jahre Geld für die Statue sprach und Liestal eine Städtepartnerschaft mit Sacramento einging, hätte man bereits kritischer sein müssen. Einiges war da über Sutter schon bekannt.» Regula Nebiker könnte sich vorstellen, dass der Kanton ein Forschungsprojekt startet, das in eine Ausstellung im Museum BL über Auswanderung im 19. Jahrhundert münden könnte.

Wenig Hoffnung, dass die Regierung von sich aus aktiv wird, hat Pascal Ryf. Der CVP-Landrat und Historiker stellt fest: «Der Kanton tut sich mit historischen Themen schwer. Oft schiebt er solche Projekte an Private ab.» So geschehen mit Ryfs Vorstoss zum Denkmal «Menschenrechte» von Bettina Eichin. Ryf wünscht sich mehr historisches Bewusstsein. Im Falle von General Sutter heisst das: «Ich fände es sinnvoll, wenn eine kantonale Arbeitsgruppe sich mit Sutters Ambivalenz auseinandersetzt.» Dabei gehe es um mehr, als mit der Moralkeule zu schwingen. Denn «Sutter war durchaus ein Pionier», so Ryf, der sich überlegt, einen Vorstoss zu lancieren.

Bereits fest steht, dass die SP aktiv wird. Gegenüber der bz bestätigt Jan Kirchmayr, Landrat und angehender Historiker, dass er einen Vorstoss vorbereitet: «Baselland trägt eine Verantwortung für seinen Umgang mit Sutter und sollte die Geschichte ganzheitlich aufarbeiten.» Und im Liestaler Einwohnerrat bereitet Joël Bühler einen Vorstoss zur Städtepartnerschaft vor: «Eine Idee wäre ein gemeinsames Aufklärungsprojekt von Liestal und Sacramento, dank dem die Bevölkerung über Sutters Rassismus informiert wird – auf beiden Seiten des Atlantiks.»

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