Zum Arbeiten, am Morgen früh oder am Abend allein im Büro, hört er am liebsten Blues, alten Blues, Mississipi Blues, Slideguitar, Folkblues-Festival 1963. «Davon gibts im Internet schöne Sachen.» 

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Urs Wüthrichs Bezug zur Musik der Underdogs aus dem ländlichen Süden der USA, wo die Arbeit hart und die Religion fundamental ist und manch einer der alten Bluesmen die Stimme ursprünglich im Chor der Baptist Church geschult hatte, ist vielfältig: Aufgewachsen in einer Emmentaler Täuferfamilie, prägten ihn die Arbeit auf dem Bauernhof seines Onkels und in der Sattlerei und Möbelhandlung seines Grossvaters, die Gemeinschaft und die Religiosität in der Familie.

«Vor und nach dem Essen wurde gebetet, und jeden Tag las man die Tageslosung des Kalenderzettels vor und am Abend die entsprechende Bibelstelle.» Hinzu kam die Sonntagsschule, in den Ferien gings jeweils ins Täuferlager im Jura. «Im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen war dies für mich nie ein Müssen.»

Heute geht er selten in die Kirche. In Nepal kam er mit dem Buddhismus in Berührung, die Gewaltlosigkeit des Dalai Lama beeindruckt ihn. «Und überall in der Welt gehe ich bald einmal in eine Kirche und zünde eine Kerze an, obwohl ich nicht katholisch bin.» Sein Vorgänger Peter Schmid hat ihm im Büro «eine schöne Zürcherbibel» hinterlassen. «Da habe ich auch schon reingeschaut.»

Am Mittag gabs auf dem Bauernhof Gschwellti. «Nach dem Essen blieben alle sitzen und gemeinsam schälte man die Kartoffeln für die Röschti am Abend und am nächsten Morgen.» Diese ass man mit dem Löffel aus gemeinsamen Platten in der Tischmitte. 

Auf der Sissacher Fluh - Urs Wüthrich zog ins Baselbiet, weil er das Gefühl hatte: «Hier krempelt man die Ärmel hoch und macht vorwärts. Das gefiel mir.»

Auf der Sissacher Fluh - Urs Wüthrich zog ins Baselbiet, weil er das Gefühl hatte: «Hier krempelt man die Ärmel hoch und macht vorwärts. Das gefiel mir.»

Gepflügt wurde mit Pferden. «Ich ging hinter dem Pflug und sammelte für die Schweine die Kartoffeln auf, die noch zum Vorschein kamen», erinnert sich der nun abtretende Regierungsrat an sein erstes selbst verdientes Geld: Zwei glänzende Fünfliber gabs für zwei Säcke Kartoffeln. Einen Traktor – mit Einzylindermotor – kannte man nur als Antrieb der Dreschmaschine. «Die Disteln in den Garben haben mir die Hände verstochen. Aber hinterher gabs Apfelkuchen.» War er nicht bei den Grosseltern oder auf dem Hof des Onkels, klopfte er am freien Mittwochnachmittag in der Sattlerei die krummen Nägel gerade. Und kam eine Möbellieferung fürs elterliche Geschäft, löste er die Knoten der Schnüre, damit man sie wieder verwenden konnte.

Revolutionäre Hirschen-Jugend

Der Blues liefert aber auch die Grundlage zum Sound des kulturellen Aus- und Aufbruchs seiner Generation in den Sechziger- und Siebzigerjahren. «Easy Rider» lief im Kino, nächtelang diskutierte man auch im Emmental über die Verbesserung der Welt. An der Tür des «Hirschen» in Langnau erschien neben dem Emblem des «Lions Club» das Kürzel «RHJ» – Revolutionäre Hirschen-Jugend.

Auf eine bernische Notariatslehre folgte die Ausbildung zum Psychiatriepfleger in Solothurn. «Die Stadt war sehr politisiert. Es gab die ersten Chanson- und Literaturtage, einen Rest der moskautreuen PdA, die Poch war im Entstehen und bei den Trotzkisten, der Revolutionären Marxistischen Liga, mischte im Bündnerland unter anderem Daniel Vasella mit.»

Wüthrich entschied sich für die SP: «Ich war schon damals der festen Überzeugung, dass sich Verteilgerechtigkeit und Chancengleichheit nicht durch eine Kaderpartei, sondern nur mit demokratischen Mitteln durchsetzen lässt.» Kurzum sass er im Gemeinderat Zuchwil, und in der Gewerkschaft VPOD wurde er bald Zentralsekretär, verantwortlich für den Gesundheitsbereich und die Nordwestschweiz. Deshalb war er oft für Verhandlungen in Liestal, und das Baselbiet hat es ihm dabei angetan: Der stahlblaue Himmel im Winter, wenn ennet des Juras der Nebel drückte, war das eine, die damalige Aufbruchstimmung im Baselbiet das andere Motiv, 1987 nach Sissach zu ziehen. «Ich hatte das Gefühl: Hier krempelt man die Ärmel hoch und macht vorwärts. Das gefiel mir.»

Wann und warum diese Stimmung im Kanton kippte, kann er, der dann den Weg über den Landrat und das Präsidium des Baselbieter Gewerkschaftbunds ins Amt des Bildungs-, Sport- und Kulturdirektors fand, rückblickend nicht erklären. «Ein Aspekt ist sicher der radikale Umbau der Baselbieter SVP. Noch unter Hansruedi Nebiker und Fritz Graf half sie, den Universitätsvertrag mit Basel-Stadt auszuhandeln. Heute setzt sie auf Abgrenzung.» Auch die FDP habe damals das Bildungsgesetz massgeblich mitgestaltet. «Nun reduziert sie sich auf Obstruktion und ist als bildungspolitische Gestaltungskraft in keiner Art und Weise mehr zu erkennen.»

«Etwas rau, aber aufrichtig»

Dies ist der kantige Wüthrich. Journalisten sind für ihn «Weicheier, wenn sie nur austeilen, aber nicht einstecken können». Bei ihm zu Hause kämen sie – wie der Hund – nur bis ins Parterre. Letzteres hat aber nicht nur mit seinem eher gespannten Verhältnis zu den Medien zu tun. Vielmehr schottet er sein Privatleben konsequent vom öffentlichen Dasein als Regierungsrat ab. Seine Frau Carla kam nur an jene Anlässe, für die sie sich interessierte.

Präsent ist sie aber in seinem Namen: «Seit 1980 unterschreibe ich mit Wüthrich-Pelloli. Dabei wäre es beim Unterschreiben von Hunderten von Maturitätszeugnissen praktischer, Abt, Gut oder Ott zu heissen.» Ob der Doppelname zivilrechtlich zulässig ist, interessiert ihn nicht. «Ich fand einfach, an einen Wüthrich-Pelloli erinnert man sich eher. Wüthrich dagegen gibt es viele.» In der Tat: Wüthrich ist ein Truber Geschlecht, und jeder 134. Schweizer ist, wie der Vater dreier Töchter, ein «Bueb vom Trueb», also in Trub heimatberechtigt.

«Der echte Truber ist etwas rauh und, ohne unhöflich zu seyn, fast grob, aber aufrichtig und ein Mann von Wort; fröhlich und heiter, und bey all seinem Ernst auch scherzhaft,» hatte ein Truber Pfarrer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Menschenschlag beschrieben. Scherzhaft etwa, wenn der passionierte Bildungspolitiker der bz den Bären aufbindet, er wolle nach dem Rücktritt Adrian Ballmers die Finanzdirektion übernehmen.

Das Spiel mit dem Namen zeigt auch die verschiedenen Gesichter: Während Wüthrich-Pelloli den Magistraten bezeichnet, ist er im Sissacher Pub, ein Spunten eher fürs einfachere Volk, kein Fremdkörper und für alle «der Urs». Da gönnt er sich ab und zu ein Feierabendbier und lässt sich nicht selten von den anderen Gästen «anzünden». «Dies ist das Schöne am Amt des Regierungsrats, dass man die ganze Breite der Gesellschaft kennen lernt: vom Jugendriegentag bis zum Champions-League-Match, vom Schüler-Musical bis zu Joe Cocker und Cecilia Bartoli» – Wüthrich mag nicht nur Blues, sondern auch Klavier- und Harfenkonzerte und Belcanto-Opern – «und alle vom Büezer oder Arbeitslosen im Pub bis zum Konzernchef».

In Strassburg aber kann man «Wüthrich» nicht aussprechen. «Da bin ich dann halt Monsieur le président Pelloli», erzählt er. «Da hinterfrage ich in der Oberrheinkonferenz nicht, dass man in der Diplomatenrolle Krawatte trägt.»

Naturfreunde, Soziales, Kloster

Am 30. Juni ist als Regierungsrat Schluss. In ein Loch werde er kaum fallen, denn es sei ihm nie schwergefallen, in den Ferien von einem Tag auf den anderen von 180 Prozent auf Null herunter zu fahren. Geplant sei noch nicht viel. Neu hat der 60-Jährige sich in den Vorstand der Naturfreunde Schweiz wählen lassen. Und als Stiftungsratsmitglied der Roger Federer Foundation ist eine Reise zu Projekten für Vorschulkinder geplant. 

Urs Wüthrich wird am Donnerstag, 25. Juni 2015, vom Landrat feierlich verabschiedet.

Urs Wüthrich wird am Donnerstag, 25. Juni 2015, vom Landrat feierlich verabschiedet.

Nicht zuletzt wird er öfter im ehemaligen Kloster Montebello in Italien anzutreffen sein. Die dortige Bio-Kooperative Girolomoni, deren Teigwaren die Claro-Läden vertreiben, war schon bisher einer seiner Rückzugsorte: «Aufstehen, auf den Acker Ähren sammeln gehen, die Hühner füttern, die Pflanzen giessen und dem Wiedehopf beim Füttern der Jungen in einer Mauernische der Kapelle zuschauen: Da kann ich selbst das Lesen vergessen.»

Bisher hatte er jeweils seinen Mitarbeitern versprochen, zweimal täglich seine SMS zu checken, ob er irgendein Mail anschauen müsse. «Es ist aber beruhigend zu wissen, dass der Planet sich auch dreht, wenn man mal keine Zeitung liest und keine Mails beantwortet.»

Sorgen um den Kanton

Die Frage, was er rückblickend anders machen würde, findet Wüthrich eigentlich unzulässig, meint dann aber: «Ich würde noch mehr direkt in die Schulen gehen. Ich müsste mir überlegen, was ich weglassen würde, um mehr Zeit für das direkte Gespräch mit den Lehrkräften zu haben.» Im direkten Kontakt könne man besser erklären, um was es geht als mit Broschüren.

Damit hat er seine Erfahrungen gemacht: So übernahm er eine Broschüre, die im Kanton Zug unter der Ägide eines SVP-Erziehungsdirektors erarbeitet worden war. Wüthrich fand sie aber inhaltlich gut und liess sie mit dem Baselbieter Rotstab nachdrucken: «Da wurde mir dann um die Ohren gehauen, was für eine DDR-Ideologie ich da verbreite», wundert er sich noch heute über die Reaktion des Komitees «Starke Schule Baselland».

Dies ist seine grosse Sorge um die Zukunft des Kantons: «Ideen und Vorlagen werden zunehmend nach dem Parteibüchlein des Absenders beurteilt und nicht nach dem Inhalt.» So habe er eine gemässigte bis konservative Bildungspolitik verfolgt: «Ich habe bewusst die Kleinklassen nicht abgeschafft. Wir integrieren pragmatisch. Wir gehen bei vielen Fragen, etwa den Fremdsprachen, langsamer vor als andere Kantone. Wir führen die dreigliedrige, klar niveaugetrennte Sek weiter. Wenn schon, dann müsste sich eigentlich die SP über mich beklagen.»

Stattdessen bekam er den Widerstand der Bürgerlichen zu spüren. «Wenn sie wollen, dürfen sie mich abstrafen, mit parteipolitischen Spielchen kann ich leben. Aber man sollte sich dabei immer überlegen, welchen Scherbenhaufen man anrichtet und wer tatsächlich unter der Verhinderungspolitik zu leiden hat.» Wenn etwa die Fachhochschule gefährdet wird oder wenn für ein kleines Forschungsinstitut, das der Wirtschaft dient, er sich gegen die sogenannten «Wirtschaftsparteien» durchsetzen muss, damit es nicht blockiert wird, «dann regt mich das auf, dann mache ich mir Sorgen. So etwas ist irrational und verantwortungslos.»

«Allein, aber nie einsam»

Für die Zukunft wünscht er dem Kanton mehr Selbstbewusstsein. «Auch wenn die finanzielle Situation schwierig ist: Letztlich sind wir erfolgreich und bieten unseren Einwohnerinnen und Einwohnern einen attraktiven Lebensraum und einen hochwertigen Service public.» Dafür müsse aber der Landrat zu seinen eigentlichen Aufgaben zurückkehren: «Dass man heftig debattiert, ob man in der Schule mit Mac oder Microsoft arbeiten soll, zeigt: Das Parlament beschäftigt sich zu stark mit Vollzugsfragen. Dabei ist die Gewaltentrennung in der modernen Gesellschaft nötiger denn je.» Zudem müsse es wieder möglich werden, dass die Fraktionspräsidenten sich zum Wohl des Kantons die Hand reichen: «Jawohl, das machen wir!»

Ausser dass er heute mehr weiss als vor zwölf Jahren, habe ihn das Amt des Regierungsrats nicht verändert: «Ich laufe gleich fröhlich, dankbar und zuversichtlich durch die Bildungsdirektion wie damals.» Er könne sich weiterhin freuen und aufregen und unverändert für das antreten, was ihm wichtig ist.

«Ich bin froh, dass ich nicht zynisch oder verbittert wurde.» Dass er innerhalb des Regierungsrats isoliert gewesen sei, bestreitet Wüthrich. «Ich war zwar oft alleine, aber nie einsam.» Er habe halt manchmal mehr Anläufe gebraucht als andere, um seine Vorlagen durchzubringen. «Aber an der Urne wurden meine Projekte jeweils klar bestätigt. Demokratische Entscheide sind wichtiger als die Grösse der Schlagzeilen oder die Zahl der parlamentarischen Vorstösse.»

Zudem wäre es unprofessionell und würde dem Kanton nicht dienen, als Teil des Kollegiums auf Einzelkämpfer zu machen: «Ich habe mich regelmässig auch zu den Vorlagen aus den anderen Direktionen eingebracht.» Nie habe man nur schriftlich miteinander verkehrt, und immer habe man sich vor und nach der Sitzung die Hand gereicht.

Doch an der Sissacher Gewerbeausstellung Mega sass er nicht bei den anderen Regierungsräten. Und den Abschied von den Regierungskollegen hält er bewusst bescheiden, gemäss «Regionaljournal» wegen der Honoraraffäre. Der scheidende Bildungsdirektor will dieses Thema aber nicht öffentlich kommentieren.

«Nid lugg laa!»

Dass es ihn wurmt, ist ihm aber anzumerken. Schliesslich hängt das Porträt Che Guevaras nicht wegen dessen bewaffneter Militanz in Wüthrichs Büro, sondern wegen des Spruchs, dass ein Revolutionär niemals demissioniert. «Nid lugg laa», übersetzt Wüthrich für sich. Trotzdem gibt es «ein paar Sachen, die ich vermissen werde. Mit einigen Leuten werde ich Kontakt halten, auch wenn ich aus der offiziellen Adressliste gestrichen bin.»

Nicht zuletzt wird er Zeit haben, sich Neuem zuzuwenden. So hat er, der begeisterte Sänger, bisher kein Musikinstrument gelernt. «Mein Geigenunterricht war kein Erfolgsprojekt.» Nun aber sei es denkbar, dass er lernt, Gitarre zu spielen, genauer gesagt: Bluesgitarre.