Der Luchs ist heute in den Wäldern der Nordwestschweiz beheimatet. In den vergangenen Jahren konnte er sich bei uns ausbreiten. Einer, der sich im Lebensraum der Raubkatze bewegt, ist Josef Borer. Der 60-Jährige arbeitet seit Jahrzehnten als Revierförster im Thierstein. Im Gespräch erklärt der Breitenbacher, wie er und seine Kollegen dem Beutegreifer mit den Pinselohren gegenüberstehen. Und weshalb er möchte, dass schon bald Wölfe im Raum Basel anzutreffen sind.

Sie sind als Förster fast täglich im Wald unterwegs. Haben Sie schon einmal einen Luchs gesehen?

Josef Borer: Es ist verrückt: Ich konnte noch nie einen Luchs beobachten. Was ich jedoch schon mehrmals feststellte, waren seine Spuren im Schnee.

Welche Spuren hinterlässt die Raubkatze im Wald – einmal abgesehen von Pfotenabdrücken?

Das Verhalten der Beutetiere Reh und Gämse hat sich durch die Anwesenheit des Luchses verändert. Diese beiden Tierarten sind immer häufiger ausserhalb des Waldes anzutreffen. Sie ruhen neuerdings in grösseren Gruppen auf Feldern. Zwischen Himmelried und Seewen konnte ich kürzlich auf einem Feld rund 20 Rehe zählen. Dank der Präsenz des Luchses können sich die Eiben wieder natürlich verjüngen. Hier ist der Wilddruck in den vergangenen Jahren kleiner geworden.

Es gibt also weniger Rehe, seitdem der Luchs hier ist?

Einen Rückgang spüren wir nicht. Die Luchse helfen aber mit, die Wildtierbestände zu regulieren. Deshalb stehen wir Förster der Raubkatze grossmehrheitlich positiv gegenüber. Es zeigt sich, dass der Jura die Lebensbedingungen bietet, die ein Luchs benötigt. Die Katze ist nicht scheu, sondern ein heimliches Tier.

Wie nehmen Sie die Stimmung in der Jägerschaft gegenüber dem Luchs wahr? Sie waren früher selbst Jäger, jagen aber seit einigen Jahren nicht mehr.

Ich kenne nur sehr wenige Jäger, die den Luchs vorbehaltlos akzeptieren. Es handelt sich schliesslich um ein Wildtier, das Rehe und Gämsen reisst, welche die Jäger nicht schiessen können.

Im Gegensatz zum Luchs ist der Wolf in der Region noch nicht verbreitet. Es gibt jedoch erste Sichtungen im Raum Basel. Wird sich der Wolf bei uns durchsetzen können?

Davon gehe ich stark aus. Im westlichen Jura gibt es bereits Wölfe. Das zeigt mir, dass sich der Wolf in den Wäldern des Jura behaupten kann. Er fühlt sich in diesem Gebirgszug wohl. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass er sich nach und nach gegen Osten ausbreiten und in einigen Jahren bei uns sein wird.

Würden Sie es begrüssen, wenn der Wolf auch in der Nordschweiz heimisch wäre?

Ja, ich würde das sehr begrüssen. Für uns Förster ist klar: Der Wolf muss in die Region kommen und dem Hirsch folgen. Der Hirsch ist das wichtigste Beutetier des Wolfes. Dass der Hirsch, der hier lange Zeit als nahezu ausgestorben galt, wieder einwandert, lässt sich nicht aufhalten. Es häufen sich die Meldungen über Hirsche im Raum Basel. In zehn Jahren wird der Hirsch in der ganzen Region verbreitet sein. Davon bin ich hundertprozentig überzeugt.

Was macht Sie so sicher?

Die Zuwanderung von Westen her ist im Gang. Es gibt immer wieder Hirsche, die es über die Autobahn A1 schaffen, den Jura überqueren und dann in der Nordwestschweiz ankommen. Auch von den Vogesen her wandern Hirsche in die Region.

Durch die geplanten Wildtierbrücken über die A1 wird sich diese Entwicklung noch verstärken.

Selbstverständlich. Spätestens wenn diese Wildtierkorridore in einigen Jahren fertiggestellt sind, wird der Hirsch definitiv bei uns einwandern. Die Wildtierbrücken sind sehr wichtig, da die Nationalstrassen für die Wildtiere wichtige Fernwechsel durchschnitten haben. Derzeit stehen rund 30 Hirsche an der Autobahn im Raum Niederbipp und Kestenholz, die darauf warten, eines Tages über die Wildtierbrücken zu wandern.