Herr Hofer, am 5. Dezember gab die FDP Baselland in einer kurzen Mitteilung Ihren sofortigen Rücktritt als Parteipräsident bekannt. Sie hatten die Parteileitung erst kurz zuvor informiert, rauschten aber sogleich ab und flogen nach Australien. Erst jetzt sind Sie bereit, selbst Stellung zu nehmen. Warum sind Sie Knall auf Fall abgehauen?
Paul Hofer: Das ist eben Paul Hofer. Der Gedanke, das Amt abzugeben, war in den Monaten zuvor in mir gewachsen. Doch sobald ich mich selbst entschieden hatte, gab es kein Zurück mehr. Das alles erst noch mit der Parteileitung zu besprechen und zu diskutieren, ist einfach nicht meine Art. Es wurde mir ja vorher schon – auch von der bz – vorgeworfen, dass ich vieles selbst entscheide und dann ohne Absprache umsetze. Aber so bin ich eben. Das war ein typischer Paul Hofer.

Sie stellten die restliche Parteileitung also vor vollendete Tatsachen.
Ich wusste ja, wie ich die Partei zuvor auf die Beine gestellt hatte. Saskia Schenker, die jetzt ad interim übernommen hat, war im Sommer 2017 die erste, die ich in die Parteileitung geholt habe. Und mit Geschäftsführerin Gina Zehnder, der Vize-Präsidentin Naomi Reichlin, dem Kommunikationsleiter Daniel Piller und dem administrativen Assistenten Florian Sennhauser haben wir ja ein eingespieltes, junges Team. Zudem waren die Grundlagen für den Landrats- und Regierungswahlkampf schon fertig.

Verstehen Sie aber, dass der schnelle Rücktritt und der direkte Abflug nach Australien für Unmut sorgte?
Wer das kritisiert, versteht wohl nicht ganz, wie viel Arbeit ich zu der Zeit hatte. Es kam auch niemand direkt zu mir und beschwerte sich. Nur ein Einziger schrieb mir eine seltsame Kurznachricht: «Scho fertig, Hösch?» (lacht)

Die offizielle Begründung lautete berufliche Belastung. Was hat sich denn bei Ihrer Firma Hutman so stark verändert?
Lassen Sie mich gut drei Monate zurückblenden: Da waren wir mit Hutman noch nicht so weit. Meine Welt vorher war das Bankenwesen, also letztlich Buchhaltung, Gleichungen, Zahlen. Da kann man sehr schnell ein neues Produkt auf die Beine stellen. In der Biologie aber kann man das Wachstum der Bakterien, Viren oder Pilze nicht beschleunigen. Anfang Oktober stellten wir fest, dass wir bei der Entwicklung unseres Bakterien-Diagnose-Gerätes im Verzug sind. Als CEO musste ich den Entscheid fällen, alle Ressourcen, die wir haben, auf das eine Ziel zu fokussieren: Bis zur Aktionärsversammlung von Mitte Dezember einen Prototypen bereit zu haben, der Resultate liefert. Die Aktionäre haben schliesslich Geld in Hutman investiert. Daher mussten wir alles umorganisieren. Wir standen stark unter Druck. Ich musste entscheiden, was für mich jetzt wichtiger ist: die eigene Firma oder das Parteipräsidium. In Hutman habe ich selbst investiert und ich trage die Verantwortung für 15 Mitarbeiter. Also kam ich zum Schluss, das Präsidium abzugeben. Jetzt sehe ich, dass ich im Schnitt drei Stunden pro Tag mehr Zeit für die Firma habe.

Aber weshalb antworteten Sie im bz-Interview Mitte Oktober auf die Frage, ob ihr Rücktritt in Griffnähe sei, noch mit: «Überhaupt nicht»?
Wir merkten bei Hutman zwar schon Anfang Oktober, dass wir im Verzug sind, doch der Entscheid, wirklich alle Ressourcen anzuzapfen, fiel erst im November. Dazwischen fiel das Interview.

Ist es für Sie jetzt aber nicht auch frustrierend, zu sehen, dass unter ihrer Nachfolgerin Saskia Schenker alles ohne Probleme weiterläuft? Das zeigt doch: Die Baselbieter FDP braucht keinen Paul Hofer mehr.
Ich sage auch meinen Mitarbeitern immer: Man muss sich möglichst unnötig machen, damit andere nachziehen und weitermachen können. Ich wusste, dass es ohne mich weitergeht. Ich habe grosses Vertrauen in das jetzige Team. Es ist ja die Maschinerie, die ich aufgebaut habe. Genau so muss es sein. Ich habe bei meinem Amtsantritt alles hinterfragt. Ich arbeite immer mit einer Matrix-Organisation. Wenn man die Aufgaben damit darstellen kann, dann kommt es gut. Das habe ich auch bei der FDP so gemacht. Ich bin eben ein Zahlenmensch. In der Politik argumentieren viele viel zu schwammig.

Sie sind ein Manager, der ein Projekt übernimmt, es auf die Beine stellt und dann wieder weiterzieht. Allerdings funktioniert Politik normalerweise nicht so.
Eine Frage: Ist Paul Hofer ein normaler Politiker? Tatsächlich nicht. Ist Paul Hofer mit 71 in einem Alter, in dem man gewöhnlicherweise noch Parteipräsident wird? Tatsächlich nicht. War Paul Hofer vor zehn Jahren schon in der Politik bekannt? Nein, auch das nicht. Und warum? Weil ich 21 Jahre lang im Ausland tätig war. Drei in Houston/Texas, elf in Japan und acht in England. Diese Jahre haben mich geprägt. Die ersten zehn Jahre meines Lebens lebte ich zudem in Ghana, weil mein Vater dort für die Basler Union Trading Company tätig war. Danach war ich 20 Jahre lang in der Schweiz, wo ich Sekretär bei der Basler FDP wurde. Ich brachte Paul Wyss 1977 in den Nationalrat. Später übernahm ich bei der Credit Suisse das «Rationalisierungs-Team». Von 23 Stellen in einer Abteilung schaffte ich es nur, zwei abzubauen: Eine davon war meine eigene. Da die Bank zu dieser Zeit nach Amerika expandierte, durfte ich nach Houston. Sie sehen, ich bin nicht der normale Politiker.

In der Politik denkt man aber in Legislaturen. Sie sagten bei ihrem Antritt als Parteipräsident im August 2017, dass sie die FDP durch die Wahlen 2019 führen wollen. Also haben Sie zu früh aufgegeben.
Das ist richtig. Wenn sich die Lage für Hutman nicht so verschärft hätte, wäre ich sicher im Amt geblieben. Doch ich musste mich entscheiden, ob ich zwei Sachen halbbatzig oder etwas richtig machen will. Ich kann nun also meine Wahl-Versprechen für die FDP nicht selbst einlösen. Doch hoffe ich natürlich, dass wir die angekündigten 20 Landratssitze erreichen und Monica Gschwind sehr gut wiedergewählt wird. Mir ist aber klar, dass bei erfolgreichen Gesamterneuerungswahlen andere im Rampenlicht stehen werden.

Und bei einer Schlappe?
Dann werden natürlich alle sagen: Paul Hofer ist Schuld! (lacht)

Was sagen Sie zu Saskia Schenker?
Sie ist sehr dossierfest, organisiert, arbeitet viel und ist sehr gut vernetzt. Sie wird aber auch noch sehen, wie viel Arbeit das Parteipräsidium bedeutet. Da wird sie Prioritäten setzen müssen.

Vom Typ her ist Schenker ein Gegenentwurf zu Ihnen.
Sie macht es anders als ich. Das meine ich nicht wertend. Sie arbeitet integrativer, bindet viele Leute ein, fragt überall nach. Ich habe die Meinungen der Sektionen eingeholt und dann entschieden. Vor mir war die Partei am Einschlafen, es war fast nichts vorhanden, ich musste alles neu aufbauen, habe die FDP auf Vordermann gebracht. Jetzt braucht es vielleicht eher wieder Konsolidierung. Dafür ist Saskia Schenker die ideale Person an der Spitze.

Nicht zurückgetreten sind Sie als Landrat. Können Sie sich da weiter voll engagieren und treten am 31. März zur Wiederwahl an?
Ich habe mir durchaus überlegt, nicht mehr anzutreten. Doch bei Hutman konnten wir den geforderten Prototypen realisieren. Unsere Firma ist personell um fast ein Drittel gewachsen und steht so strukturell besser da. Dank dessen kann ich gewisse Mehrfachfunktionen abgeben, die ich bisher alleine stemmte. Ich habe also die Kapazitäten, im Landrat zu bleiben. Allerdings möchte ich mich höchstens in einer Kommission engagieren: der Bildungskommission.

Glauben Sie denn, dass die Leute jemanden wählen wollen, der Knall auf Fall das Parteipräsidium abgab und nach Australien abhaute?
Ich flog dorthin, weil ich mit mehreren Projektleitern verhandeln musste. Am Mittwochnachmittag stieg ich in den Flieger, jagte in Australien von Meeting zu Meeting, hatte kaum Schlaf und am Samstag war ich wieder zurück in der Schweiz.

Warum tun Sie sich das noch an?
Wenn man etwas gern macht, dann macht man es. Waren Sie schon mal im Spital mit einer Infektionskrankheit? Bis der Doktor weiss, was es für ein Bakterium ist, dauert es lange. Tage. Weil Sie Schmerzen und Fieber haben, bekommen Sie allerlei Antibiotika. Wir von Hutman aber können nun innerhalb von drei Stunden analysieren, welcher Erreger es ist und gegen welche Antibiotika Resistenzen bestehen. Das treibt mich an.