Aesch

Des Kaisers alte Kleider – ein Kostümverleih verschenkt ausgemusterte Teile

Kostüm Kaiser in Aesch platzt aus allen Nähten. Um Platz zu schaffen, verschenkt der Verleih nun ausgemusterte Teile – schweren Herzens.

Seit 1882 existiert Kostüm Kaiser, und in diesen 135 Jahren hat sich so manches Kleidungsstück angesammelt. Nicht einmal die Eigentümerfamilie weiss, wie viele es sind. Aber sie weiss, dass das Lager bald aus allen Nähten platzt. Deshalb hat sie sich dazu durchgerungen, ausgewählte Teile zu verschenken. Vor allem historische Tanzkostüme und Damenkleider, aber auch Tirolerhosen, Clownanzüge und alte Smokings.

Die Aktion kommt an. Mehr als die Hälfte der abzugebenden Textilien hat bereits in einem privaten Kleiderschrank Unterschlupf gefunden. «Auch wenn es weh tut: Wir müssen einfach Platz schaffen von Zeit zu Zeit», sagt Cédric Gschwind, Sohn des Geschäftsführers Bruno Gschwind. «Wir kaufen ja immer wieder neue Stücke und produzieren selber welche.» Platzprobleme sind ein steter Begleiter eines Kostümverleihs.

Zweimal ist der Betrieb umgezogen seit der Gründung: 1962 von der Kleinbasler Utengasse nach Allschwil, elf Jahre später von Allschwil an den heutigen Standort an der Ettingerstrasse in Aesch. «Beide Male wurde die Lagerfläche grösser», sagt Gschwind. «Aber sogar unsere rund 600 Laufmeter Kleiderstangen reichen halt irgendwann nicht mehr aus.» 1972 habe sein Vater letztmals alle Textilien gezählt. Auf 42 000 Sets sei er damals gekommen. «Heute sinds wohl mehr. Aber wir kennen die Zahl schlicht nicht.»

Kostüm Kaiser ist auf historische Kostüme spezialisiert. Diese sind offensichtlich gefragt. Auf dem Boden von Gschwinds Büro sind drei Originaluniformen der Schweizer Armee ausgebreitet: Jeweils Hose, Oberteil, Mantel, Gurt, Brotsack, Gewehr, Bajonett und Stahlhelm. Ein Filmteam des Schweizer Fernsehens wird das Material abholen.

Es benötigt die Teile für einen Dokumentarfilm, der im kommenden Jahr ausgestrahlt wird, zum 100-Jahr-Jubiläum des Landesstreiks. Im November 1918 stand die Schweiz am Rande eines Bürgerkriegs. Der Bundesrat liess Truppen aufmarschieren. So bewachten Soldaten etwa das Bundeshaus. «Bei solchen Drehs muss einfach alles stimmen», sagt Gschwind. «Der Stahlhelm zum Beispiel, der war damals gerade erst eingeführt worden.»

Schätze aus Stoff

Mit der Strategie, möglichst Originalkostüme oder zumindest authentische Kopien anzubieten, hält sich der laut eigenen Angaben grösste Kostümverleih der Schweiz die Billigkonkurrenz aus dem Internet vom Hals. «Online ein Batman- oder Spiderman-Kostüm verleihen oder feil bieten, das kann jeder», sagt Gschwind. «Solche Stücke haben wir selbstverständlich auch. Aber unser Schwerpunkt liegt auf Kostümen, die man sonst kaum mehr findet. Unsere ältesten Originalkleider stammen aus dem 18. Jahrhundert, und nach solchen Originalvorlagen stellen wir unsere aufwendigen Kostüme her.»

So zählen neben Theatergruppen, Firmen und Filmteams auch Museen zu den Kunden, ebenso die Universität Basel: Immer zum Dies Academicus deckt sie sich mit Talaren ein. Dann wäre da noch die Privatkundschaft. Eben gerade sei ein Mann da gewesen, erzählt Gschwind, der seine Frau an ihrem Arbeitsplatz überraschen wollte: «Sein Plan ist, sie am Tag ihrer Pensionierung zu verhaften, damit sie ja nicht mehr arbeiten geht.» Der Mann hatte auch die beiden Söhne dabei. Bei der Performance wird das Trio als Polizisten auftreten: der Papa als Carabinieri, ein Sohn als US-Cop, einer als Bobby.

Achtung: 80er-Jahre-Revival

Bei den Frauen beliebt sind Stücke aus den 1950ern, also Petticoat, Paillettenkleider aus der Charleston-Zeit und Rokoko-Ballkostüme. Eine weiterer Renner ist laut Gschwind das Burgfräulein. Passend dazu warten auf Freizeitritter komplette Rüstungen, inklusive Helm und Kettenhemd. Auch diese seien – trotz immensem Gewicht – beliebt.

Die neuesten Anschaffungen sind Kleider aus einer Epoche, die noch gar nicht so lange vorbei ist: Leggings in Neonfarben, Frauenvestons mit monströsen Schulterpolstern, (viel zu) luftig geschnittene weisse Männeranzüge wie in der TV-Serie «Miami Vice». «Verkleidungspartys mit dem Motto 80er-Jahre sind schwer im Kommen», sagt Gschwind. «Wir sind parat.»

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