Plötzlich verstummen die Gespräche, Männer jaulen. Durch das Törli sehen die Massen in der Rathausstrasse einen Feuerball auf einer Bahre, ein rötlicher Schein erhellt das Dunkel. Gerade erst sind Pfeifer und Trommler als die traditionellen Vorboten des Chienbäse-Umzugs durchs Törli defiliert. Mit dem Feuer aber kommt das, weshalb Zehntausende alljährlich nach Liestal pilgern. Und das bei Trockenheit.

Dann sind die ersten Besen zu sehen, grosse und kleine, es wird heller und heller, das Knistern lauter und lauter, bis es einen gespenstischen Pegel erreicht, als ein Wagen heran prescht. Die Flammen züngeln das Törli hoch, das wohl bis zum Ende des Umzugs in Flammen stünde, hielte die Feuerwehr nicht mit aller Kraft die Wasserschläuche auf die hölzerne Bogendecke.

Für einen Moment stockt der Umzug, und der lodernde Wagen steckt fest. Die Hitze raubt einem den Atem, durch die Menge geht ein Aufschrei. Schweiss rinnt im Winter, denn eigentlich ist es kalt an diesem Abend. Man wendet sich ab, verbirgt das Gesicht hinter den Armen, und wer Platz hat, sucht das Weite. Doch Platz ist knapp; zum Chienbäse-Umzug war Liestal auch gestern übervölkert. Dann endlich klappert er weiter, der brennende Wagen, erster von insgesamt 17, dem Maximum des Erlaubten.

Das ist der Kitzel am Chienbäse: Diese Berg- und Talfahrt aus sengender Hitze und winterlicher Kälte, das Gedränge, die greifbare Gefahr, dieses Beherrschen des Unkontrollierbaren. «Geil!», ruft es, «einfach wunderschön» meinen die beiden St. Gallerinnen, die erstmals dem Chienbäse beiwohnen.

Chienbäse aus der Luft

Spiessrutenlauf für die Letzten

Immer wieder schnellen Hobbyfotografen aus der Menge, um einen besseren Winkel für ihre Aufnahmen zu erhaschen. Sie kommen dabei teilweise gefährlich nahe an die lodernden Besen und den Funkenregen.

Die Feuerwehr, mit 150 Mann und Frau vor Ort, schickt sie zurück auf ihre Plätze, die bereits von drängenden Hintermännern eingenommen wurden. Immerhin drängen sich hier geschätzte 30 000 bis 50 000, auch wenn letzteres etwas hoch gegriffen sei, relativiert IG-Chienbäse-Präsident Werner Fischer.

Dieser kommt nämlich selbst noch zum Einsatz, als einer der Letzten, mit Kollegen an der Deichsel von Wagen Nummer 17. «Wenn schon, denn schon», haben sie sich gesagt und sich zum schwärzesten aller Fasnachtsbräuche in schneeweisse Fracks gekleidet.

Der letzte Wagen als krönender Abschluss, so könnte man meinen. Aber nach 16 Wagen und rund 300 Besen ist die Route gesäumt von kohlendem Holz, der Gang wird zum Spiessrutenlauf, und die Luft ist geschwängert von Russ und Rauch. «An den Bildern sieht man, wie dick die Luft im Stedtli zum Ende des Chienbäse ist», sagt Fischer und schmunzelt: «Sie werden immer trüber.»

Was also bleibt, sind nicht nur trübe Fotos und Menschen, die wie frisch aus der Räucherkammer duften. «Den Chienbäse in Liestal», fasst es Rosmarie, eine der beiden Ostschweizerinnen, zusammen, «den vergisst man nie».