Kommende Woche beginnen die FDP-Sektionen Sissach und Allschwil mit dem Haustürwahlkampf. Dies berichtete die «Basler Zeitung» vor einer Woche. Was sie dabei nicht erwähnte und die bz weiss: Sie wird dabei das Kampagnentool «NationBuilder» einsetzen.

Das Programm ist so mächtig und datengierig, dass gewisse Funktionen davon vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2017 verboten wurden. Denn «NationBuilder» bietet in Sachen Datensammeln beinahe unbegrenzte Möglichkeiten. Trump, Macron und die Brexit-Befürworter haben es alle mit Erfolg eingesetzt.

Das Erstellen von Websites und Datenbanken, der Versand von E-Mails, Fundraising und viele weitere Elemente des Wahlkampfes benötigen klassischerweise verschiedene Programme. «NationBuilder» vereint all diese Funktionen.

Die Datenmenge, auf die «NationBuilder» zugreifen kann, ist enorm

Doch das Tool kann noch mehr. In den USA beispielsweise wurden damit detaillierte Profile der Wählerinnen und Wähler angelegt. Dazu grast «NationBuilder» Profile auf sozialen Medien ab und ordnet die daraus gewonnenen Informationen automatisiert dem Profil in der «NationBuilder»-Datenbank zu. «Social Match» heisst diese Funktion.

Die Datenmenge, auf die «NationBuilder» zugreifen kann, ist enorm. Allein Facebook hat knapp hundert Merkmale, nach denen sie Menschen kategorisiert. Auch solche, die selbst gar kein Facebook-Profil haben. Durch die gesammelten Informationen gelang es den amerikanischen Parteien, das Wahlvolk mit massgeschneiderten Informationen und Werbung, sogenanntem «Microtargeting», zu erreichen. Die Funktion ist höchst umstritten, Frankreich verbot Social Matching im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen.

Anders in der Schweiz: Hier ist Social Matching erlaubt. «Personendatenbearbeitungen im politischen Kontext gelten als besonders schützenswert, weshalb eine explizite Einwilligung der betroffenen Personen erforderlich ist. Eine vollständige Information genügt nicht. Es braucht also zusätzlich beispielsweise das aktive Setzen eines Häkchens durch die Betroffenen», betont Silvia Böhlen, Spezialistin Kommunikation von der eidgenössischen Datenschutzbehörde.

Auch im Tür-zu-Tür-Wahlkampf spielt das Tool eine Rolle

Wer also der FDP ein Häkchen zugesteht: Ermöglicht man so den Liberalen den absoluten Einblick in die eigene Persönlichkeit? «Nein, auf keinen Fall», beteuert Saskia Schenker, Präsidentin ad interim der FDP Baselland. ««Es geht uns nur darum, mit den Leuten, die das gerne möchten, weiterhin in Kontakt zu stehen Das können weitere Informationen oder Einladungen zu Anlässen sein.»

So weit wie die amerikanischen Parteien geht die FDP also laut eigenen Angaben nicht. Zwar kann sie mitverfolgen und abspeichern, wer wie auf ihre Beiträge auf den sozialen Plattformen reagiert. Dazu braucht sie aber die dazugehörige E-Mail-Adresse. Und: «Wir erhalten damit keinen Zugriff auf andere Informationen als die Interaktion mit uns», führt Matthias Leitner, stellvertretender Generalsekretär der FDP Schweiz, aus. Gegen aussen hält die Partei die Datenkrake bewusst klein.

Aber im Tür-zu-Tür-Wahlkampf der FDP spielt «NationBuilder» trotzdem eine wichtige Rolle. Die Freiwilligen werden nicht mit Stift und Notizblock unterwegs sein, sondern mit der App «Ecanvasser». Dass Daten aus «NationBuilder» problemlos importiert werden können, ist eines der Top-Verkaufsargumente des Angebots.

Datenbasierte Effizienzsteigerung

Die App lotst die freisinnigen Wahlkämpfer und Wahlkämpferinnen in die richtigen Quartiere und Strassen. «Das Datenmodell ermöglicht uns, annäherungsweise zu sehen, in welchen Gebieten besonders viele potenzielle Wählerinnen und Wähler der FDP leben könnten. So sind die Wahlkämpfer effizienter», so Leitner.

Die Partei verfüge dabei über keine personalisierten Daten der potenziellen Wählerinnen und Wähler, präzisiert Leitner. Die entsprechenden Informationen stammen vom GfS-Institut und errechnen sich aus einer Kombination von öffentlichen Daten und Umfragen.

Bei den letzten kantonalen Wahlen 2015 beteiligte sich nur rund jede dritte wahlberechtigte Person. Viel brachliegendes Potenzial für die Parteien also, das die FDP an den Haustüren abschöpfen möchte.

Amerikanische Verhältnisse zeichnen sich im Baselbiet derzeit nur bedingt ab. Klar ist: Big Data wird in Schweizer Wahlkämpfen immer wichtiger. Wer es noch nicht tut, sollte beginnen, auch bei Parteien die allgemeinen Geschäftsbedingungen zu lesen.