Augusta Raurica

Die Baselbieter sind Experten im Bauen über Ruinen – und schaffen jetzt das Standardwerk dazu

Grundsteinlegung des neuen Sammlungszentrums von Augusta Raurica fördert Überraschendes zutage. Dazu arbeiten die Baselbieter an einem Standardwerk über etwas, von dem sie bestens Bescheid wissen: Dem Bauen über Ruinen.

«Bauen über den Ruinen»: Inzwischen ist das in der Umgebung der Römerstadt Augusta Raurica zum geflügelten Wort geworden. Für die Archäologen meist ein Segen, da fast jede Baustelle neue Funde aus der Antike zutage fördert. Für die Bauherrschaft oft ein Fluch, da archäologische Grabungen die Bauarbeiten erschweren, wenn nicht sogar zeitweise zum Erliegen bringen. Es gab Zeiten, in denen der Haussegen zwischen Augst und der Römerstadt ziemlich schief hing, da sich die Nachbargemeinde durch die Baubeschränkungen in ihrem Wachstum behindert sah.

Nun erleben die Experten der Römerstadt am eigenen Leibe, was Bauen über den Ruinen aus Sicht der Bauherrschaft bedeutet. Seit diesem Mai laufen die Arbeiten am neuen Sammlungszentrum, dessen Grundsteinlegung am Freitagvormittag feierlich vollzogen wurde. Schon der Bau der Zugangsstrasse zum Gelände im Gebiet Schwarzacker barg eine Überraschung. Die Bauarbeiter stiessen auf eine antike Struktur, die sich als Überreste eines römischen Dörrofens für Rauchfleisch entpuppte. Grabungsleiter Cédric Grezet geht jetzt der Frage nach, ob dies der Beleg für eine bisher unbekannte Metzgerei in der Südostvorstadt von Augusta Raurica sein könnte.

Lange Leidensgeschichte bis zum Neubau

So schnell wie dieser Fund aufgetaucht ist, so rasch ist er wieder unter dem Erdboden verschwunden. Nach der genauen wissenschaftlichen Erfassung verblieben die Artefakte im Boden, und die Strasse wurde darüber gezogen. Das neue Sammlungszentrum selbst kommt aus Rücksicht auf die antike Unterwelt auf einer Aufschüttung zu liegen. Auch hier wurde das Baugelände entlang der Autobahn zuerst archäologisch untersucht. Die zahlreichen Kleinfunde aus der oberen Erdschicht werden dereinst in eben diesem Sammlungszentrum eingelagert werden, unter dem sie ausfindig gemacht wurden. Dagegen wird es an nachfolgenden Generationen liegen, die in der Tiefe verborgenen Ruinen zu erforschen.

An der Grundsteinlegung versenkte Baudirektor Isaac Reber ein kleines Tongefäss ins Betonfundament, das eine Silbermünze zum Gedenken an die erste Mondlandung 1969 enthielt. Die Symbolik und Zahlenspielerei ist bewusst gewählt. Knapp 30 Jahre nach der Mondlandung wurde erstmals in der Baselbieter Politik der Ruf nach «dringender Abhilfe» für die schlechte Arbeitsplatzsituation in der Römerstadt laut. Ab 2009 machten Bilder die Runde, die Efeubewuchs, Mäusekot und Stützbalken in den Büros zeigten, da sich noch immer nichts getan hatte. Mit dem Baubeginn 2019, 50 Jahre nach Neil Armstrong & Co., sehen die 60 Mitarbeitenden der Römerstadt endlich besseren Zeiten entgegen.

Ein neues Standardwerk fürs Bauen über Ruinen

Die Umsetzung des vom Zürcher Büro Karamuk Kuo Architekten eingereichten Siegerprojekts «Dr. Jones» erfolgt aus Kostengründen in zwei Etappen. Der Trakt für die Arbeitsplätze für rund 19,3 Millionen Franken soll 2021 bezugsbereit sein. Im fliessenden Übergang ist der Baubeginn für das rund 15,2 Millionen Franken teure Funddepot geplant, das ab 2022 die bald zwei Millionen inventarisierten Fundstücke beherbergen wird. Die entsprechenden Ausgaben bewilligte der Landrat in den Jahren 2017 und 2019. Bereits 2013 hatte das Volk in einer von SVP und FDP angestossenen Referendumsabstimmung Ja zum Sammlungszentrum gesagt.

Inzwischen arbeiten Kanton und Römerstadt an einem «Nebenprodukt», das noch viel weiter über die Römerstadt ausstrahlen könnte als der eigentliche Neubau. Alle Bauschritte und begleitenden archäologischen Massnahmen werden genauestens dokumentiert. Laut Römerstadt-Leiter Dani Suter sollen die Erkenntnisse in ein eigentliches Kompendium für das Bauen über den Ruinen einfliessen, welches zum internationalen Standard avancieren könnte. «Der Umfang und die Grösse der Bauarbeiten am Sammlungszentrum bieten hierfür eine einmalige Chance», sagt Suter.

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