Es gibt sicher hellere Zuhause in Füllinsdorf als die Zweizimmerwohnung von Christina Lang, aber die Fünfzigjährige bewegt sich im Halbdunkel mit der Intuition eines Fischs im Wasser. Links vom Eingang: das Schlafzimmer mit Bett, Klavier, Schreibtisch, Fenster. Dann kommt die Küche. Dann das Bad. Rechts gehts zum Wohnzimmer mit dem nussbraunen Schmidt-Flohr-Flügel, einem weiteren Tisch, einem Schrank und dem Regal mit der CD-Sammlung.

In der Wohnung eines blinden Menschen haben die Dinge einen doppelten Sinn. Zum einen sind sie zum Benutzen da, das Sofa zum Sitzen, der Flügel zum Spielen, die Küche zum Kochen. Darüber hinaus sind sie Vektoren eines inneren, für Besucher unsichtbaren Koordinatensystems. Christina Lang weiss zum Beispiel genau, wo in dieser Wohnung die Freude Feierlichkeit ihren Platz hat, im Wohnzimmer nämlich, zweiter Regalboden oben rechts, wo sie zielstrebig eine CD aus dem Regal angelt, einlegt, und die Lautstärke aufdreht.

Und aus den Lautsprechern klingt ihre, Christina Langs Stimme, die mit feinem Vibrato singt:

Exsultate, jubilate
o vos animae beatae
(Jauchzet, jubelt
o ihr glücklichen Seelen)

Es ist eines von Langs liebsten Stücken. Eine Mozart-Motette, Köchelverzeichnis 165. Lang schaltet die Anlage aus, versorgt die CD, setzt sich wieder hin.

Im Oktober 2018 wurde die Sopranistin mit dem Kantonalbankpreis Basellands ausgezeichnet. «In Anerkennung für ihren musikalischen Weg, den sie trotz ihrer Sehbehinderung seit frühester Jugend bis heute eingeschlagen hat», wie es in der Preisrede hiess.

Christina Lang kam bei ihrer Geburt vor fünfzig Jahren praktisch blind zur Welt. Diagnose: Grauer Star. Die Ärzte versuchten, medizinisch zu reagieren und Lang erhielt nach mehreren Operationen ein Sehvermögen von immerhin zehn Prozent auf dem linken Auge. Lang hat zwei Geschwister, der Bruder ist zehn, die Schwester zwölf Jahre älter als sie. «Wenn es ums Spielen ging, hab ich mich darum eher an gleichaltrige Kinder in der Nachbarschaft gehalten», erzählt sie, «ich war ein ziemlich wildes Kind, bin auf Bäume geklettert und hab alle möglichen Abenteuer unternommen.»

Die Sehbehinderung stand ihr dabei nicht im Weg, «als Kind sind die Dinge normal wie sie sind», sagt sie. «Ich fühlte mich niemals ausgeschlossen, ich habe ja auch alles mitgemacht.» Aber das Sehvermögen war fragil, wurde schwächer, die Sehnerven im stärkeren linken Auge gaben nach. «In der üblichen Unterteilung in Sehende, Sehbehinderte und Blinde gehörte ich in der Kindheit noch zu den Sehbehinderten» sagt Lang. «Heute gehöre ich zur ‹Blindenwelt’.»

Lang erzählt, wie sie in der Pubertät zu realisieren begann, was sie von Gleichaltrigen unterschied. «Die anderen hatten etwas, was ich nicht haben konnte», sagt sie. «Blickkontakt». Sie habe die Unmöglichkeit, anderen in die Augen zu sehen erst bergreifen müssen, habe stattdessen ihren eigenen Art des Blickkontakts entwickelt. «Jeder hat seine eigene Art zu schauen.» Aber gerade während eines Alters, in dem man «Wert legt auf das Äussere», sei das manchmal schwierig gewesen.

Schminken. Anziehen. Frisuren machen. «Man muss die Dinge anders anpacken», sagt Lang. Heute hat Lang ein technisches Hilfsgerät, mit dem sie die Farben ihrer Garderobe erkennen kann. Sie hält das Gerät auf den Stoff und eine mechanische Stimme spricht: Rot. Grün. Beige. «Ich lege schon Wert darauf, was ich anhabe», sagt Lang.

Blindheit als Schutzwall

Wenn Christina Lang heute vor Publikum auftritt, sind alle Augen auf sie gerichtet. Es gehört zur berauschenden und gleichzeitig herausfordernden Eigenschaft dieser Rolle, im Fokus zu stehen. Wie ist dieser Moment extremer Aufmerksamkeitsverdichtung zu ertragen, wenn man die Blicke nicht erwidern, wenn man nicht zurückschauen kann? «Auf der einen Seite wird die Blindheit für mich dann zum Schutzwall» sagt Lang, «da bin nur ich, ganz alleine und die maximale Konzentration auf die Musik.» Lang denkt nach. «Auf der anderen Seite kann es vorkommen, dass ich mich den Blicken ausgeliefert fühle und gerne sähe, wer da im Publikum sitzt und wie es gestimmt ist. Ist da Wohlwollen? Sitzen da Freunde? Ich singe gerne, wenn Freunde anwesend sind, ihre Anwesenheit befreit mich.»

Dann steht Lang auf und holt aus dem Kleiderschrank das Kleid, das sie trug, als im vergangenen Sommer die Aufnahme der zuvor abgespielten Mozart-Motette entstand. Es ist ein knallrotes, elegant geschnittenes Kleid, um dessen Saum feinste Rüschen spielen. Ein Blickfang.

Nach der Matur am Gymnasium Liestal war Christina Lang nach München gezogen, wo sie sich an der Musikberufsfachschule für Blinde auf das Studium am Konservatorium vorbereitete. Das Studium absolvierte sie dann in Biel. Ihre Konzerttätigkeit führt Lang noch heute nach Zürich, Basel und Bern, doch meistens singt sie dort, wo sie zu Hause ist. In Füllinsdorf. In Gelterkinden. In Liestal. Ihr musikalisches Netzwerk ist dort am engsten geflochten.

Bei Konzerten singt sie auswendig. Doch um komplexe Werke zu lernen, reichte die Methode der Imitation, also des Nachsingens vorgespielter Stücke irgendwann nicht mehr aus. Lang hat sich darum die Blindennotenschrift im Selbststudium beigebracht.

«Die Grundordnung der Notation gleicht jener der Augen auf einem Würfel», erklärt sie und zeigt auf das Punkterelief ihres Notenblatts. Die sechs Punkte jeder Notationseinheit lassen sich danach zu unzähligen Variationen kombinieren und bedeuten im Unterschied zur üblichen Braille-Schrift (wie die Blindenschrift in Anlehnung an ihren Erfinder Louis Braille heisst) nicht nur Buchstaben und Worte, sondern auch Rhythmus und Melodie.

Gestatten, Solosopran

Lang liest mit den Fingerkuppen ihrer beiden Zeigefinger, die sich mit hohem Tempo den Zeilen der Musik entlangtasten. Überhaupt ist bei einem kurzen Besuch wenig Zögern in der Person Langs zu erkennen, wie sie geht, wie sie spricht, wie sie aus ihrer Vergangenheit erzählt: Das hat alles grösste Sicherheit und, ja, Eleganz.

«Ich wünschte mir, dass es für mich in meinem Leben weitergeht wie bisher», sagt sie einmal. «Ich bin glücklich damit, wie es bis jetzt gelaufen ist.» Im Vergleich zu blinden Menschen in anderen Weltgegenden lebte sie privilegiert, sagt sie. Sie habe Versicherungen. Und da sei auch das Wohlwollen der Menschen im Zug, im Laden, bei der Post. «Das dürften sie ruhig protokollieren, die Leute dürfen wissen, wie sehr ich ihre Hilfe schätze».

Die 15'000 Franken des Kantonalbankpreises kamen für Lang wie ein Segen, denn mit einer Freundin arbeitet sie schon länger einem grossen Konzert im Dezember 2019 entgegen. Dafür braucht es Orchester und Dirigent, eine Bühne, die dem Rahmen entspricht. Und das kostet.
Lang wird das Preisgeld des Kantonalbankpreises in dieses Konzert investieren. Sie wird ihr Kleid tragen, das sie stärkt, sie wird ihre Stimme für sich sprechen lassen. Sie wird im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und damit die Schaubühne zu ihrem Hoheitsgebiet machen. Gestatten, Christina Lang, Solosopran.