Herzstück

Die brave neue Pest von 1984

Symbolbild

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Gestern dachte ich unvermittelt: Es ist doch nicht alles nutzlos, was ich in der Schule gelernt habe. Acht Jahre meines Lebens verbrachte ich als Gymnasiast. Nicht weil ich so oft «geflogen» bin, sondern weil es damals, kurz nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618–1648), so lange dauerte.

Gut, irgendwer hatte meinen Eltern weisgemacht, dass Lateinisch als erste Fremdsprache sehr nützlich sei. Daran denke ich manchmal, wenn ich im Jura auf Französisch versuche im Dorfladen nach dem Preis für drei Äpfel zu fragen. Ich bin mir nie sicher, ob ich dabei den Subjonctif einsetzen sollte. Dafür kann ich fliessend auf Lateinisch sagen: Errare Humanum Est. In Mathe war ich schon mit den binomischen Formeln überfordert. Nur bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung hatte ich plötzlich Erfolgserlebnisse. Vermutlich weil ich stets berechnete, wie gross die Wahrscheinlichkeit war, dass ich am Ende des Schuljahres sitzenbleiben würde. Jedenfalls waren meine Fähigkeiten in den wissenschaftlichen Fächern beklagenswert schlecht.

Darum wurde ich auch nur Pfarrer und nicht Gründer eines Milliarden-Internet-Start-ups. Dafür mache ich übrigens nicht meine in den meisten Fällen geschätzten Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich. Mich interessierte einfach mehr, ob ich in der Pause schnell genug sein würde, ein Goal auf dem Pausenhof zu besetzen, und ob die hübsche Jasmin (Name geändert) aus der 3C sehen würde, wie ich Tor um Tor erzielte. (Spoiler: Goal ja, Jasmin nein).

Im Maturjahr halfen mir dann etliche aus meinem Freundeskreis, die Dinge einigermassen auf die Reihe zu kriegen. Im Deutsch griff ich zwar mit meiner Maturlektüre daneben. Wir hatten Faust Teil I schon gelesen und ich dachte, dass im Teil II nicht so viel Neues geschehen würde. Ha. Dazu nahm ich noch «Stiller» von Max Frisch. Grosser Fehler. Das Buch ist länger als die gesammelten Werke von Shakespeare und Heinz G. Konsalik zusammen, stilistisch ungefähr in der Mitte der beiden. Erst am Ende merkte ich, dass es gereicht hätte den ersten Satz zu lesen. Dafür wählte ich in Englisch «Brave New World» und «1984». Das kam meinem Zukunftspessimismus entgegen. Fürs Französisch las ich «La Peste» von Camus auf Deutsch und liess mir einige Antworten auf in der Prüfung erwartete Fragen übersetzen. Für Bücher, die man in der Schule liest, fand ich sie erstaunlich spannend.

Wie gut sie tatsächlich sind, merke ich erst jetzt. Mit Sprachanpassung und Geschichtsveränderung wird unsere Welt regiert wie bei Orwell. Eine Epidemie wie die Pest ist nicht nur an sich schlimm, es ist auch ein hellsichtiges Bild für eine aus den Fugen geratene Welt, in der Menschlichkeit zum einzig möglichen Widerstand wird. Von Huxley lerne ich: Religion, freies Denken und echte Emotionen werden nicht mehr gebraucht. Es gibt bald kein Leid, kein Altern, keinen frühen Tod mehr. Den Preis dafür bezahlen wir mit dem Verlust der Freiheit. Lasst uns mit Menschlichkeit und Hoffnung widerstehen. Und jetzt kümmere ich mich mal ernsthaft um die binomischen Formeln.

Martin Dürr

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel. Er lebt in Basel.

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