Landrat

Die einsame Mahnerin gegen den Mutterschutz-Zeitgeist

An der Sitzung vom 28. Mai sprachen sich alle für eine Teilnahme an Parlamentssitzungen während des Mutterschaftsurlaubs aus. Das heisst, bis auf eine einzige Stimme: Christine Frey.

An der Sitzung vom 28. Mai sprachen sich alle für eine Teilnahme an Parlamentssitzungen während des Mutterschaftsurlaubs aus. Das heisst, bis auf eine einzige Stimme: Christine Frey.

Im Landrat sagten alle bis auf eine Stimme Ja zur Standesinitiative zum Mutterschutz. Jetzt ist auch klar, wer dagegen war.

An der Sitzung vom 28. Mai sprachen sich alle für eine Teilnahme an Parlamentssitzungen während des Mutterschaftsurlaubs aus. Das heisst, bis auf eine einzige Stimme: Christine Frey von der FDP drückte im Alleingang auf den Nein-Knopf, als über die entsprechende Standesinitiative abgestimmt wurde. Der Hintergrund: Landrätinnen dürfen im Mutterschaftsurlaub nicht an den Sitzungen teilnehmen. Zumindest, wenn sie im Hauptberuf weiterhin beurlaubt bleiben wollen.

Sobald eine Mutter nämlich wieder anfängt zu arbeiten, endet der 14-wöchige Mutterschaftsurlaub vorzeitig und damit die Entschädigung. Dies gilt auch für das Landratsmandat. So lautet die Regel der Erwerbsersatzordnung des Bundes. Diese will der Landrat mit besagter Standesinitiative ändern. Mütter sollen nach der Geburt weiterhin ihr Parlamentsmandat wahrnehmen können, ohne dabei den Mutterschaftsurlaub zu verlieren. Grund für die Initiative: Weil es in der kantonalen Legislative keine Stellvertreter gibt, ist das vom Volk gewählte Parteienverhältnis im Rat nicht mehr gegeben. Der Landrat sieht seine Aufgabe als Volksvertretung gefährdet. Die bz wollte von Christine Frey wissen, wieso sie Nein gesagt hat.

Frau Frey, wieso haben Sie gegen die Standesinitiative gestimmt?

Christine Frey: Mein Abstimmungsverhalten entspricht meiner persönlichen Grundhaltung. Ich störe mich an der momentan herrschenden «Vollkasko-Mentalität». Damit meine ich die Einstellung, dass man trotz Kindern auf nichts verzichten möchte. Wenn man ein Kind bekommt, ist das eine stressige Zeit. Ich habe selbst zwei Kinder, spreche also aus Erfahrung. Dass man alles im gleichen Umfang weiterführen will, finde ich falsch. Mir ist bewusst, dass ich damit nicht unbedingt dem Zeitgeist entspreche.

Auch wenn die Initiative angenommen wird, herrscht kein Zwang, an den Sitzungen teilzunehmen. Jede Frau könnte das selbst entscheiden. Wovor fürchten Sie sich?

Ich glaube einfach, dass es schwierig wird, die Tür wieder zu schliessen, wenn man sie einmal geöffnet hat. So kann ich mir gut vorstellen, dass es dann plötzlich nicht mehr nur die Parlamentsdienste sind, die zur Ausnahme werden sollen, sondern auch andere Ämter, etwa ein Verwaltungsratsmandat.

War Ihnen bei der Abstimmung klar, dass Sie als Einzige dagegen stimmen?

Nein, das war mir in diesem Moment tatsächlich nicht bewusst. Als ich dann gesehen habe, dass es nur eine Nein-Stimme gibt, war ich schon etwas überrascht. Ich war am Morgen bei der Fraktionssitzung nicht dabei, weshalb ich nicht wusste, wie meine Parteikollegen stimmen werden. Unabhängig von der Parteihaltung war es mir aber wichtig, mir selbst treu zu bleiben und nicht einfach dem Zeitgeist nachzugeben.

Was sagen sie zur mangelnden Volksvertretung, wenn Landrätinnen plötzlich für sechs Wochen fehlen?

Meiner Meinung nach geht dadurch die Welt nicht unter. Es kommt immer wieder vor, dass Landräte eine Zeit ohne Vertretung ausfallen. Auch ist die Legislative eher träge, ein Geschäft kann schon mal ein Jahr dauern. Zudem darf man sich durchaus die Frage stellen, was wichtiger ist: das Muttersein oder die Politik?

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