Arealentwicklung 4.0

Die Entwicklungen auf dem ABB-Areal könnten der Salina Raurica zum Vorbild dienen

Der verschachtelte Büroturm soll ab der zweiten Bauphase zum Markenzeichen des «Kompetenzzentrums Industrie 4.0» werden.

Der verschachtelte Büroturm soll ab der zweiten Bauphase zum Markenzeichen des «Kompetenzzentrums Industrie 4.0» werden.

Während im kantonalen Entwicklungsgebiet Salina Raurica seit Jahren Stagnation herrscht, will die Uptown Basel AG im Arlesheimer Schoren ein Entwicklungs- und Produktionszentrum für Präzisions- und Medizinaltechnik der neusten Generation bauen. Dafür sucht sie aktuell in Hannover an der grössten Industriemesse der Welt Firmen, die sich in Arlesheim einmieten.

Klotzen, nicht kleckern: 13 mal 11 Meter misst der Stand an der Hannover Messe, mit dem die Uptown Basel AG das Schoren-Areal in Arlesheim unter dem Titel «Kompetenzzentrum Industrie 4.0» vermarktet. «Wir sind zu dritt hier», berichtet der Reinacher Architekt und Arealentwickler Hans-Jörg Fankhauser.

Uptown Basel habe 400 Unternehmen auf dem Radar, mit denen das junge Unternehmen an der weltweit grössten Industriemesse ins Gespräch kommen will. Ziel: Fünf grosse und zehn mittlere Firmen sollen sich auf dem Schoren-Areal in Arlesheim ansiedeln. Später sollen 20 kleine hinzukommen – Startups, die Ideen im speziellen Technologie-Biotop zum Fliegen bringen.

Maschinen reden mit Maschinen

«In Deutschland fördert der Staat mit hunderten von Millionen Euro, dass sich die grossen wie Daimler, BMW, VW, Siemens oder Bosch fit für die Industrie 4.0 machen», erklärt Fankhauser und holt Uber aufs Handy: «Da sehe ich auf einen Blick, wo das nächste Fahrzeug ist, wann es da sein kann, wie lange die Fahrt nach Basel wäre und was diese kosten würde.»

Solche Software bestimme künftig die Industrie: Auf eine ins Netz gestellte Konstruktionszeichnung eines Blechteils liefere das entsprechende Programm innert Sekunden die Information, wer dieses wann, in welcher Stückzahl, mit welcher Präzision und zu welchem Preis liefern kann.

Der Unterschied: Bei Uber entscheidet der Fahrgast, ein Mensch. In der digitalisierten Zukunft kann hingegen der Produktionsautomat aufgrund seiner Algorithmen selber entscheiden, von wem er sich beliefern lässt.

«Wenn die Deutschen das vorantreiben, muss die Schweizer Zulieferindustrie auf der Höhe bleiben, um weiterhin im Geschäft zu bleiben», ist Fankhauser überzeugt. Die Voraussetzungen seien gut: 80 Prozent der Mitglieder des Verbands der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Swissmem) würden sich damit auseinandersetzen. Schweizer Präzisionstechnik werde in der Roboter-Zukunft weiterhin gefragt sein.

Branchenspezifische Architektur

Der Schoren, ist nicht das erste Areal, mit dem sich Fankhauser beschäftigt. Gern verweist er auf das Tech-Center im Reinacher Kägen. Auch dort hatte er klare Vorstellungen, wofür sich die Räume eignen sollen: vorwiegend Labors. Entsprechend baute er Geschosse mit einem Stützenraster von 9 auf 9 Meter, die man nach Bedarf unterteilen kann. Ganz anders seien die Bedürfnisse der Industrie 4.0: «Roboter bewegen sich so schnell, dass man sie einzäunen muss, damit ihnen kein Mensch zu nahe kommt. Das erfordert Platz» Also müssten die Hallen der Zukunft ohne Stützen auskommen.

Das erste Gebäude soll 2019 bezugsbereit sein: Unten eine 12 Meter hohe Werkshalle, die man nach Bedarf mit Zwischenböden versehen kann, darüber drei Bürogeschosse für die Konstruktionsabteilungen.

Das zweite Gebäude – für 2021 geplant – ist nach dem gleichen Prinzip aufgebaut und wird durch einen Büroturm ergänzt, der dem Areal auch als Marke dient. Für den Büroturm wurde gerade ein Quartierplanverfahren gestartet. Investitionsvolumen für diese ersten 400 000 Kubikmeter umbauten Raum: 200 Millionen Franken.

Für den dritten Bau liegt noch kein Konzept vor, denn er soll für die zukünftige Weiterentwicklung der Unternehmen nach deren Bedürfnissen gebaut werden.

Für Fachkräfte erreichbar

Warum sollen sich Hightech-Firmen ausgerechnet in Arlesheim ansiedeln? Fankhauser holt eine komplexe Formel auf den Bildschirm. Diese benützt er, um mithilfe der Hektardaten des Statistischen Bundesamtes und den Fahrzeiten für Auto und öV mit den Wohnorten von Personen mit höherer Bildung zu verrechnen.

«Das Ergebnis entspricht der Menge der gut ausgebildeten Fachkräfte, die den Standort in 20 Minuten mit dem Auto oder in 45 Minuten mit dem öV erreichen können.» In den genannten Zeiten können 215 000 Personen der Zielgruppe, aus der die Firmen ihr Personal rekrutieren könnten, den Schoren erreichen – mehr als den Allschwiler Bachgraben und nur knapp weniger als den Standort Schweizerhalle. Geht es aber um Fussweg- oder Velodistanzen zu schönen Wohnquartieren, ist Arlesheim Schweizerhalle weit überlegen.

Die gleiche Formel ergibt aber auch, dass rund um den Technopark Zürich 559 000 gut Qualifizierte zu finden sind – mehr als doppelt so viele wie rund um den besten Nordwestschweizer Standort Basel SBB (229 000 Personen).

Faktor Mensch bleibt entscheidend

Also führt Fankhauser das nächste Argument für Arlesheim ins Feld: Das Schoren-Areal sei für die Produktentwicklung im Umfeld der Präzisions- und Medizinaltechnologie geeignet, insbesondere Analytik und Sensorik.

«Egal ob es um mechanische Teile wie künstliche Gelenke geht, um abbildende Verfahren oder Analysegeräte für Diagnosen: Immer müssen die Produkte von den Behörden der EU, der USA, Südamerikas etc zugelassen werden.» Das Know-how für den Umgang mit diesen Stellen sei in der Region Basel besonders dicht vorhanden.

Letztlich seien Menschen entscheidend. «Will man ein Areal entwickeln, muss man es beleben», ist der Architekt überzeugt. Entsprechend holt er bis zum Baubeginn einen Beachvolleyball-Club aufs Gelände. «Das sind junge Leute, oft mit Uni-Hintergrund: Genau die Generation, die später hier arbeiten soll.»

«Für 40 Prozent des ersten Gebäudes sehen wir bereits mögliche Ankermieter», berichtet Thomas Staehelin, Verwaltungsratspräsident und Mitinvestor. Bezüglich Finanzierung des Investitionsvolumens sei er offen für Assoziationen und Partnerschaften. Und um weitere, passende Unternehmen zu finden, sei man unter anderem an der Hannover Messe.

«Wir wollen nicht wie andere Eigentümer auf den Grundstücken sitzen und nichts machen», sagt Thomas Staehelin.

«Wir wollen nicht wie andere Eigentümer auf den Grundstücken sitzen und nichts machen», sagt Thomas Staehelin.

«Deshalb bin ich so begeistert» 

Thomas Staehelin blickt den Umwälzungen der Industrie 4.0 optimistisch entgegen.

Herr Staehelin, führt die Industrie 4.0 zu einer Re-Industrialisierung der Schweiz?

Thomas Staehelin: Ich weiss es nicht. Einige sagen, es gehe um eine ähnlich tiefgreifende Revolution wie seinerzeit die Dampfmaschine. Es ist sicher ein massiver Schritt, aber wohl nicht so radikal wie damals, denn heute haben wir im Datenbereich die Vernetzung ja bereits. Dass sich diese nun auf Maschinen und damit auf Arbeitsplätze ausdehnt, wird in unserer Region viele hochwertige Stellen schaffen. Deshalb bin ich so begeistert. Als Handelskammerpräsident liegt mir daran, dass unsere Investitionen den Wohlstand für die kommenden Generationen sichern.

Was ist für Sie wichtiger: Die Entwicklung der Region Basel oder ihr persönliches Investment?

Die Standortentwicklung stand für meinen Entscheid klar im Vordergrund. Natürlich muss eine Investition aber auch vernünftig rentieren.

Die vierte Industrielle Revolution wird durch die Automatisierung viele unqualifizierte Arbeitskräfte den Job kosten: Schliesslich kann nicht jeder Softwareingenieur werden. Was soll mit diesen Menschen geschehen?

Natürlich sind die niederschwelligen Arbeitsplätze für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig. Aber die Schweizer Wirtschaft hat alle Entwicklungssprünge und Krisen – inklusive Frankenschock – durch Anpassung und Weiterentwicklung bewältigt. Unsere Arbeitslosenquote ist im Vergleich zu anderen Ländern geradezu ideal. Also haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer es gemeinsam geschafft, diese Arbeitsplätze zu erhalten. Auch in der Industrie 4.0 wird es attraktive neue Arbeitsplätze geben.

Diese sind aber vor allem für besser Qualifizierte. Gibt es jedoch eine Verliererschicht, kommt es zunehmend zu Abstimmungs- oder Wahlergebnissen wie beispielsweise einem Präsident Trump in den USA.

Wir müssen zur gesellschaftlichen Kohäsion Sorge tragen. Da gab es in der Vergangenheit Fehler wie die Boni- und Lohnexzesse: Der Zusammenhalt ist unter Druck gekommen. Das Resultat sind Abstimmungsergebnisse wie bei der Minder-Initiative.

Auch bei der Masseneinwanderungsinitiative?

Das war weniger eine Frage der Kohäsion, sondern eher die Angst, nicht mehr sich selbst sein zu können.

Wenn in der Wertschöpfungskette mehr Roboter und weniger Menschen arbeiten: Wäre es dann nicht sinnvoll, Roboter anstelle der Löhne zu besteuern?

Das wäre eine Steuer auf eine Investition. Ich bin skeptisch, ob man Steuern auf Investition erfinden soll. Die Roboter müssen entwickelt und intelligent gebaut werden. Das wird dann zu höherwertigen Arbeitsplätzen führen. Aber um mit unserem hohen Lohn- und Kostenniveau konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir uns spezialisieren. Dass es allenfalls Probleme geben könnte, darf uns nicht davon abhalten, etwas Zukunftsgerichtetes anzupacken.

Trotzdem: Der Ökonom Thomas Straubhaar spricht im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 von einer Wertschöpfungs- anstelle der Lohnsteuer. Was meinen Sie als Präsident der Steuerkommission von Economiesuisse?

Die typische Wertschöpfungssteuer ist die Mehrwertsteuer. Diese sollte aber vereinfacht und nicht weiter verkompliziert werden. Ich habe prinzipiell Bedenken, wenn man plakativ von der Vernichtung von Arbeitsplätzen und deren Ersatz durch Roboter spricht – was ich nicht glaube, dass es eintritt, denn Automatisierung an sich ist nichts Neues. Zwar kann ich Ihre Grundfrage, ob man allenfalls das Steuersystem neu anschauen müsste, grundsätzlich bejahen. Man muss das Steuersystem immer wieder kritisch hinterfragen. Doch habe ich keine fertigen Rezepte.

Siemens-Chef Joe Kaeser befürwortet für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein bedingungsloses Grundeinkommen.

So wie diese Initiative zur Abstimmung kam, wurde sie zu Recht abgelehnt. Unser Engagement für das Schoren-Areal zielt aber auf die Entwicklung des Standorts. Wir haben deshalb zu den Bedingungen und Auflagen, die uns der Kanton Baselland gemacht hat, verbindlich Ja gesagt.

Wir wollen nicht – wie andere Eigentümer – auf den Grundstücken sitzen und nichts machen, denn mit dem Draufsitzen und Nichtsmachen bekommt der Kanton weder neue Unternehmen noch Arbeitsplätze. Dass man dabei mit immer neuen Fragen konfrontiert wird – auch jenen, die Sie aufwerfen –, ist ja gerade das Faszinierende.

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