Es ist Punkt 19.15 Uhr, als die Gespräche verstummen und die Menschen jubeln. Alle halten den Atem an, sind gespannt, was jetzt passiert. Der Regen peitscht in die Gesichter. Durch das Törli ist ein Feuerball auf einer Bahre zu sehen. Schlagartig erhellt sein Schein die Dunkelheit.

Einen Moment zuvor sind Pfeifer und Trommler durchs Törli marschiert, die traditionellen Vorboten des Chienbäse-Umzugs. Doch mit dem Feuer kommt das, was die Menschen hergelockt hat. Liestal steht nicht in Flammen. Nein, der Chienbäse-Umzug beginnt.

Hitze raubt einem den Atem

Es ist mein erstes Beisein an diesem Feuerspektakel in der Kantonshauptstadt. Viel habe ich schon vom Chienbäse gehört, wenig davon war schlecht. Freunde sagten, man solle alte Kleidung anziehen und wegen der Hitze das Feuerspektakel vom Rand aus beobachten. Jetzt, wo ich in der Rathausstrasse stehe, nicht am Rand, mitten in der Menge, weiss ich, weshalb.

Cervelatbräteln im Stedtli: Einmal im Jahr ist’s möglich.

Cervelatbräteln im Stedtli: Einmal im Jahr ist’s möglich.

Es ist unerträglich heiss, wenn die Flammen wenige Zentimeter von einem entfernt lodern. Die Hitze raubt einem den Atem. Irgendwo in der Menge gibt es Aufschreie, begeisterte und ängstliche.

Ich bin klitschnass, der Schweiss rinnt in Strömen – und das im Winter, an einem eigentlich kalten Abend. Der Chienbäse ist der unbestrittene Höhepunkt der Liestaler Fasnacht. Er ist, neben der Basler Fasnacht, sicher das grösste fasnächtliche Ereignis in der Region. Und es ist wahrlich eindrücklich, wenn die lodernden Besen und die in Flammen stehenenden Wagen zu sehen sind. Wenn sie nahe an meinem Gesicht vorbeipreschen und ich das Gefühl habe, meine Augenbrauen versengen, ist das furchteinflössend wie faszinierend.

Feuer begeistert Jung und Alt

Das brennende Holz knistert lauter und lauter, je näher die Träger mit ihren Besen und Wagen kommen – bis sie schliesslich an mir vorbeitraben. Mit Bewunderung beobachte ich, wie die Träger ihre Konstruktionen millimetergenau durch das Törli manövrieren. Dabei züngeln die Flammen das Törli hoch, das wohl bis zum Ende des Umzuges in Flammen stünde, hielte die Feuerwehr Liestal nicht mit aller Kraft die Wasserschläuche auf die hölzerne Decke des Wahrzeichens.

Lieber löschen als Brandblasen von herunterfallender Glut.

Lieber löschen als Brandblasen von herunterfallender Glut.

Die Feuerwagen ziehen vorbei. Auch dieses Jahr sind etwa 300 Chienbäse und 15 Feuerwagen im Einsatz. Chienbäse- Chef Ueli Steiner sagt: «Die exakte Anzahl weiss ich nicht. Wer die genaue Zahl erfahren möchte, muss wohl zählen.»

Funken sprühen. Die Augen der Träger und der Zuschauer sprühen vor kindlicher Freude und Begeisterung. Die Menschenmasse steht Leib an Leib gedrückt. Auf der einen Seite die Häuserwände, auf der anderen Seite das Feuer. Der Platz ist knapp; zum Chienbäse ist Liestal überbevölkert. Dichtestress. Menschen, wohin man blickt. Alt, jung, die verschiedensten Hautfarben. Da soll noch jemand sagen, Schweizer mit Migrationshintergrund interessieren sich nicht für die Schweizer Kultur.

Nach gut einer Stunde ist der Spuk vorbei. Der letzte Wagen prescht durch die Gasse. Die Luft ist geschwängert von Russ und Rauch, der Boden ist bedeckt mit kohlendem Holz. Der Chienbäse ist beendet und ich bin begeistert. Der Regen wäscht mir die Kohle aus dem Gesicht und ich lächle. Denn eines ist klar: Nächstes Jahr werde ich wieder als Gast zum Chienbäse gehen.

Wegen Sturm war vieles unklar

Lange war nicht klar, ob der Chienbäse dieses Jahr stattfinden kann. Denn Ausläufer des Sturms, der zu Beginn der Woche in der Region tobte, sollten gemäss Meteo Schweiz auch gestern noch spürbar sein. Entscheidend für die Durchführung seien die Faktoren Wind und Schnee, erklärt Steiner. Doch Petrus meinte es gut und ersparte den Schaulustigen eine Enttäuschung.