Jürg Aebi

Die Führungs-Rezepte von Spital-Chef Jürg Aebi

«Es braucht jeden einzelnen»: CEO Jürg Aebi versucht sich in der Küche des Bruderholzspitals als Koch.

«Es braucht jeden einzelnen»: CEO Jürg Aebi versucht sich in der Küche des Bruderholzspitals als Koch.

Der joviale Finanzspezialist wird wegen der Spitalfusion wohl seinen CEO-Posten verlieren. Schlaflose Nächte bereitet ihm das nicht.

Ein Berner und ein Zürcher treiben auf Direktionsebene die Fusion der öffentlichen Spitäler beider Basel voran. Der Zürcher heisst Werner Kübler (55), seit 2008 Direktor des Basler Universitätsspitals (USB), der Berner heisst Jürg Aebi (58), seit Februar 2014 Chef des Kantonsspitals Baselland (KSBL). Die Behauptung ist nicht abwegig, wonach es mit einem Hardcore-Basler an der Spitze des USB und einem Berufs-Baselbieter beim KSBL schwierig wäre, die beiden Häuser zusammenzuführen.

Jürg Aebi, Oberaargauer mit Wohnort im luzernischen Sempach, kam 2012 unbelastet in die Region. Weder ist er Mitglied einer Partei, noch eines Service-Clubs. «Dass hier ein derart grosser Unterschied zwischen Basel-Stadt und Baselland gemacht wird, musste ich zuerst lernen», sagt Aebi und schüttelt den Kopf. Demgegenüber habe man es im grossen Kanton Bern geschafft, eine «Zusammen sind wir stärker»-Mentalität zu kreieren. «Und auf dem Land ist man stolz auf die Stadt Bern», betont Aebi, der in der Nähe von Langenthal aufgewachsen ist.

Feindschaften beendet

Akzeptieren will er die Rivalität zwischen beiden Basel nicht. Separieren und Trennen ist ohnehin nicht sein Ding. Er stehe ein für das Miteinander und das Verbindende. Als Aebi im Frühjahr 2014 im Zuge der Entlassung von Heinz Schneider über Nacht CEO des KSBL mit seinen 3500 Mitarbeitenden wurde, musste er zunächst die Mentalitäten der drei Standorte zueinanderführen. Bei seinen ersten Besuchen habe er bemerkt, dass sich die Spitalmitarbeitenden in Liestal und auf dem Bruderholz gegenseitig als Feinde betrachteten. Jene in Laufen wollten mit den anderen ohnehin nichts zu tun haben. «Diese Differenzen sind nun überwunden, die grösste Herausforderung in meinen ersten vier Jahren als CEO ist gemeistert», ist Aebi überzeugt.

Doch bereits steht am KSBL, das erst seit 2012 als organisatorisches Dach der drei Spitäler im Landkanton existiert, die nächste Fusion an – jene mit dem USB, dem grössten Spital der Nordwestschweiz. Aebi hat nie Zweifel aufkommen lassen, dass er die Spitalgruppe beider Basel für eine «Riesenchance» hält – und zwar nicht nur für Basel und die universitäre Medizin, sondern auch für Baselland. «Unsere drei Standorte Bruderholz, Liestal und Laufen werden nur stark bleiben, wenn wir an jedem Standort Schwerpunkte bilden können. Und Schwerpunkte gibts nur mit der Spitalfusion.» Aebi redet mit hörbarer Begeisterung über das per 2020 geplante Universitätsspital Nordwest. Dies, obwohl das neue Konstrukt ihn wahrscheinlich den Job als CEO kosten wird.

Von den Futtermitteln ins Spital

Entscheiden über die Unternehmensführung wird der neue Verwaltungsrat voraussichtlich 2019. Dieser wiederum wird im Herbst von den Regierungen beider Basel gewählt. In der Poleposition um den Chefposten beim Grossspital steht der heutige USB-CEO Werner Kübler. Er gilt im Schweizer Gesundheitswesen als Topshot und hat 2016 zugunsten der Perspektive der Spitalfusion in Basel einen Wechsel ans Unispital Zürich ausgeschlagen. Denkbar ist indes auch, dass der Chefposten für das neue Spital ausgeschrieben wird.

«Jedenfalls ist da einer zuviel. Es kann sein, dass es mich als CEO rausspickt aus diesem System», räumt Aebi ein. Er wirkt nicht so, als würde ihm diese Perspektive Kopfzerbrechen bereiten. Er wäre im neuen Spital gerne «irgendwo im operativen Führungsbereich» tätig, sagt der 59-Jährige und fügt an: «Es stellt für mich keine Bedingung dar, für das neue Spital als CEO tätig zu sein.» Im Vergleich zum promovierten Humanmediziner Werner Kübler verfügt Aebi über wenig branchenspezifisches Know-how. Dafür ist er ein ausgewiesener Finanzfachmann und gilt als Pionier in der Einführung des Lean-Managements im Spitalwesen.

Aebi ist – das spürt man deutlich – sehr gerne Spitalchef. Der Umgang mit Menschen liegt dem jovialen und extrovertierten Berner im Blut. Doch stellt er klar: «Ich verfolge keinen Karriereplan und ich wollte nie Spitalchef werden.» Mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein und dem Ruhekissen des Fleissigen im Rücken sagt er: «Wenn Du Deine Arbeit gerne und gut machst, dann klopft irgendwann jemand an und macht Dir ein Jobangebot.» So war es bei Aebi mehrmals in den vergangenen 30 Jahren. Nach dem Betriebsökonomie-Studium war er zunächst im Marketing und Verkauf einer Firma für Dentalhygieneprodukte tätig und reiste in dieser Funktion quer durch Europa. Bis ihm seine damalige Partnerin und heutige Ehefrau sagte: «Es wäre schön, dich auch mal mehr zu Hause zu sehen.»

Dann wechselte er ins Mittelland zu einem Unternehmen der Lebens- und Futtermittelindustrie, wo er bis zum Vizedirektor aufstieg. Einen einzigen Karriere-Entscheid fällte er 2004: Im Alter von 45 Jahren beschloss der Zahlenmensch einen radikalen Schnitt. Nach dem Abschluss eines Studiums in Corporate Finance begann er sich vor dem Hintergrund des zunehmenden Kostendrucks für das Gesundheitswesen zu interessieren. «Wir bewegen uns im Spital im Spannungsfeld zwischen dem medizinisch Machbaren, dem kostenmässig Finanzierbaren und dem ethisch Vertretbaren.» Er habe einen Beitrag zu dieser wichtigen Frage leisten wollen.

Zunächst bewarb er sich bei mehreren Spitälern auf CEO-Posten – und blieb jeweils chancenlos. Schliesslich verfügte er damals über keinerlei Berufserfahrung im Gesundheitswesen. Als das Spital Sursee einen «Leiter Finanzen» suchte, klappte es schliesslich. Aebi musste gegenüber seinem früheren Job als Vize-Direktor in der Privatwirtschaft eine erhebliche Lohneinbusse hinnehmen. «Doch ich wollte unbedingt im Spital arbeiten», sagt er. Das Schicksal wollte es, dass er nur zwei Jahre später nach einem Todesfall doch zum Spitaldirektor in Sursee aufstieg und fortan die Verantwortung für 1750 Mitarbeitende trug. 2012 schliesslich holte Heinz Schneider Aebi ans KSBL; dieser wurde als Standortleiter Liestal und stellvertretender CEO installiert.

Zufällig auf Chefsessel gelandet

Im KSBL landete Aebi wiederum eher zufällig auf dem Chefsessel. Und in dieser Funktion ist es ihm bis heute gelungen, trotz grosser Umstrukturierungen und schmerzhafter Entscheide nicht ins Schussfeld öffentlicher Kritik zu gelangen. Vor Jahresfrist hegte ein Grossteil der Bruderholz-Belegschaft Sympathien für die Volksinitiative zum Erhalt des Spitals – obwohl sich die Führungsriege mit Hinweis auf das Fusionsprojekt dezidiert dagegen aussprach. Aebi hat diesen Konflikt mit dem Personal weitgehend unbeschadet überstanden.

Aebis Vorgänger Heinz Schneider hatte im KSBL den Ruf eines Patriarchen: Er verfügte in seinem unmittelbaren Umfeld über einige Getreue, allerdings gelang es ihm nicht, über Liestal hinaus an den anderen Standorten Verbündete zu finden. Das wurde Schneider wohl zum Verhängnis. Aebi baut offensichtlich auf andere Führungsgrundsätze: «Mein Credo lautet: Nahe bei den Leuten und authentisch sein. Das schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen». So könne man führen und die Mitarbeitenden davon überzeugen, an einem Strick zu ziehen. Nahe bei den Mitarbeitenden zu sein sollte keine Floskel bleiben: Mitte Januar legte Aebi eine Woche lang in verschiedenen Abteilungen Hand an. Er half beim Reinigen der OP-Betten, kurvte mit der Putzmaschinen durch die Gänge, verlegte mit dem Technischen Dienst Kabel und bereitete in der Spitalküche Gnocchi und Wurst-Käse-Salat zu – und das für 200 hungrige Mäuler.

Dafür opferte der hemdsärmelige Chef eine Woche Ferien. Die Aktion war Folge einer Wette am Personalfest. In «Wetten dass ...»-Manier behauptete Aebi gegenüber den Angestellten: «Ihr werdet es nicht schaffen, bis um 22 Uhr 50 Leute auf die Bühne zu bringen, die eine einstudierte Line-Dance-Choreografie abliefern.» Aebi scheiterte grandios: Die Bühne war zu klein, mehrere hundert Spital-Mitarbeitende tanzten. Und der Chef war trotzdem glücklich – schliesslich wollte er ja arbeiten gehen. «Es gibt Hierarchien im Spital», sinniert Aebi über den Arbeitseinsatz. «Doch die Einsicht ist wichtig, dass es jeden einzelnen braucht.» Ob es Aebi im neuen Universitätsspital Nordwest braucht, ist derzeit ungewiss. Doch kann man sich ein Spital ohne Aebi nicht so richtig vorstellen: Schliesslich hat sich der gmögige Berner beim KSBL innert weniger Jahre zur Integrationsfigur gemausert.

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