Etlichen Besuchern der Oberwiler 1.-August-Feier vom Montag verging die Lust aufs Singen, als sie einen der beiden Liedtexte sahen. Das Organisations-Komitee hatte Handzettel auf den Tischen ausgelegt; auf der einen Seite war das Baselbieterlied aufgedruckt, auf der anderen der Schweizer Psalm. Das Baselbieterlied entsprach jedoch nicht der geläufigen Version: Es hatte sechs statt vier Strophen, war also zehn Zeilen länger. Die beiden zusätzlichen Strophen wenden sich gegen die Wiedervereinigung der beiden Basel, über welche die beiden Kantone im September 2014 abstimmten. Die Extra-Zeilen lauten unter anderem:

Mer blybe Baselbieter
und wei kei Fusion
Si choschtet eus Millionä,
die Basler Illusion

«Viele Gäste wunderten sich über den Text und fragten sich, ob diese 5. und 6. Strophe nun offiziell seien», erinnert sich der Oberwiler Yves Krebs, welcher der Feier bewohnte. «Es war sogar zu hören: ‹Das singe ich nicht!›».

Yves Krebs, der sich als Mitglied des Komitees «Jugend für ein Basel» für die Wiedervereinigung einsetzte, fotografierte den Zettel und verschickte das Foto über den Kurznachrichtendienst Twitter. Kurz darauf meldete sich der Prattler Einwohnerrat und Alt-Landrat Marc Bürgi zu Wort, der ein Nachtreten gegen die Fusionsbefürworter vermutete. Der Präsident der Baselbieter BDP twitterte: «Muss man Partnerkanton BS ab jetzt dissen?»

Organisiert wurde die 1.-August-Feier beim Wehrlin Schulhaus von der Gemeinde. «Es handelt sich um ein Missgeschick», sagt Gemeindeverwalter André Schmassmann auf Anfrage. Eine Angestellte der Gemeindeverwaltung soll im Internet auf die falsche Version der Kantonshymne gestossen sein, ohne dies zu bemerken. «Wir bedauern diesen Fauxpas sehr», sagt Schmassmann. Gemeindepräsident Hanspeter Ryser (SVP) hielt an der Feier eine Ansprache. Ihm seien die zusätzlichen Zeilen gar nicht aufgefallen, sagt der Landwirt zur bz. «Wir sangen ja nur die ersten zwei Strophen des Baselbieterlieds, und da ich den Text auswendig kann, habe ich gar nicht auf den Zettel geguckt.»

So tönt das Baselbieterlied in der A-cappella-Version

Wären die Zusatzstrophen gesungen worden, so wären sie Hanspeter Ryser wohl bekannt vorgekommen. Denn das Anti-Fusions-Baselbieterlied wurde von «Pro Baselbiet» verbreitet. Das Komitee setzte sich gegen die Wiedervereinigung ein. Der Text findet sich noch immer auf der Webseite des Komitees, das Ryser als Mitglied aufgeführt. Die Verwaltungsangestellte fand den Text wohl auch auf der «Pro Baselbiet»-Seite – in der Annahme, es handle sich um die übliche Version.

Lied ist nicht geschützt

Die Anti-Fusions-Strophen hätten keinen Platz an der Bundesfeier der Gemeinde, bekräftigt Hanspeter Ryser. «Wir hätten es nicht gebilligt, dass diese Version auf den Zettel kommt.» Oberwil lehnte die Fusionsprüfung mit 59 Prozent Nein-Stimmen ab.

Marc Bürgi richtete seinen erwähnten Tweet auch an die Baselbieter Regierung, was diese von den zusätzlichen Strophen halte? Doch der Regierungsrat erklärte bereits im Januar 2015: Für das Baselbieterlied sei er nicht zuständig, denn es sei nicht geschützt, sondern «Teil des historischen gewachsenen Liederguts der Region.» Die Antwort bezog sich auf ein Postulat von Alt-Landrätin Brigitte Bos (CVP). Die Laufnerin hatte angeregt, das Lied mit einer Laufental-Strophe zu ergänzen.

Der Baselbieter Regierungsrat stellte in seiner Antwort von Januar 2015 fest, was auch für die Oberwiler Bundesfeier galt: «Welche Version des Kantonslieds und wie viele Strophen desselben man singt, hängt auch heute vom Anlass und den daran beteiligten Akteurinnen und Akteuren ab.»